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Kommt mal wieder runter!

Eine Redakteurin macht sich bei Brigitte.de über Skater lustig und wird von einem "Shithurricane" überrollt. "Hexe" und "Fotze" sind noch harmlose Beschimpfungen. Liebe Leute, so geht das nicht!

Ein offener Brief von Niels Kruse

  Ist dieser Skater zu alt oder jung genug für sein Hobby? Im Grunde unwichtig, so lange er nicht im Netz rumpöbelt.

Ist dieser Skater zu alt oder jung genug für sein Hobby? Im Grunde unwichtig, so lange er nicht im Netz rumpöbelt.

Liebe Skater, liebe Shitstormer,
gehören Sie auch zu diesen Typen, die Pony-Frisuren tragen, nie lächeln und nach der Party von letzter Nacht riechen? Und dabei mit einem Astra in der Hand auf dem Skateboard durch die Straßen von St. Pauli sliden? Sind Sie gar alt? Also über 25? Existieren in Ihrem Wortschatz Begriffe wie "Fotze" oder "Missgeburt"? Bezeichnen Sie Ihnen unbekannte Menschen gerne mal als "Hexe"? Wünschen Sie Ihnen gar den Tod? Wenn das alles zutrifft, dann dürfen Sie sich hier direkt angesprochen fühlen. Alle anderen könnte es interessieren, dass es ein Haufen wild gewordener Obszöniker innerhalb weniger Stunden geschafft hat, nicht nur die Grenzen des Anstands zu sprengen, sondern auch gleich die Meinungsfreiheit zu torpedieren.

Was war passiert? Eine Kollegin von Brigitte.de (wie stern.de ebenfalls aus dem Hause Gruner + Jahr) hatte sich in zwei launigen Absätzen über Männer im Hamburger Szene-Viertel lustig gemacht, die mit Skateboards unter den Füßen vor dem Erwachsenwerden fliehen. "Skateboards gehören zu kleinen Jungs. Basta. Nicht zu Menschen, die selbst Steuern zahlen und beim Orthopäden in Behandlung sind", schrieb sie. Soweit, so richtig. Dieser kleine Kommentar aber war noch nicht einmal auf der Homepage des Frauenmagazins erschienen, da kursierte er bereits im Internet. Und provozierte Reaktionen, für die das Wort Shitstorm deutlich zu kurz greift. "Shithurricane" wäre passender.

Die Kollegin traute sich nicht nach Hause

Innerhalb weniger Stunden schwoll die Kommentarspalte unter dem Stück auf deutlich über 1000 Kommentare an. Eigentlich ist es erfreulich für Journalisten, wenn ihre Themen die Leser derart ansprechen. Doch die Sache geriet außer Kontrolle. Über die Autorin ergoss sich ein Schwall übelster Beleidigungen, Hasstiraden bis hin zu Morddrohungen - siehe oben. Das Mobbing der Kollegin ging soweit, dass persönliche Details aus ihrem Leben im Netz gepostet wurden und sie selbst die Nacht von Donnerstag auf Freitag nicht zu Hause verbrachte. Aus Angst. Weil vielleicht doch irgendjemand aus dem wütenden Mob seinen Worten Taten folgen lassen könnte.

Als Journalist hängt man sich oft sehr weit aus dem Fenster und alle nehmen in Kauf, dass es da draußen mitunter ungemütlich werden kann. So funktioniert das Spiel. Und die einfachen Regeln lassen sich in den einschlägigen Gesetzbüchern nachlesen. Sie lauten kurz gesagt: Jeder darf sich über Kerle aufregen, die sich wie kleine Jungs aufführen und diese Kerle dürfen sich darüber aufregen, dass man sich über sie aufregt. Die Regeln besagen nicht, dass jemand wegen einer paar hämischer Zeilen von einer beleidigten Meute für vogelfrei erklärt wird.

Stänkerer und Pöbler, Beschimpfungen und Drohungen gibt es nicht erst seit "diesem Internet". Aber die Anonymität im Netz macht es einfach, schnell ein paar Diffamierungen abzusetzen, wenn mal wieder der Kamm schwillt. Einiges versendet sich, wie es so schön heißt, anderes wird gelöscht (unter anderem, weil der Betreiber einer Website auch für die Ergüsse fremder Kommentatoren verantwortlich ist). Was aber immer öfter bleibt, ist der bittere Beigeschmack, dass es im Netz möglich ist, ungestraft Muslime, Linke, Vegetarier, Asylbewerber, Hausbesitzer, Porschefahrer, Juden, Rumänen oder was auch immer an den Pranger zu stellen.

Den konservativen Kreisen ist die Namenlosigkeit im Netz deshalb schon länger ein Dorn im Auge. Hardliner wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich oder Hans-Peter Uhl, ebenfalls CSU, sprechen uns Bürgern gar das grundsätzliche Recht auf Anonymität im Internet ab. Das kann niemand wollen, die Aggro-Skater am wenigsten. Leider aber liefern sie mit ihren Tiraden genau die Art von Munition, die Friedrich, Uhl und Konsorten brauchen, um die Freiheit im Netz weiter sturmreif schießen zu können. Auch dafür schon einmal: vielen Dank, liebe Shitstormer.

Die Selbstzensurschere im Kopf beginnt zu klappern

Dass wir hier den Namen der betroffenen Brigitte.de-Kollegin nicht erwähnen, mag albern sein, denn schließlich lässt er sich mit wenigen Klicks herausfinden. Aber letztlich steht die Entscheidung für das eigentliche Problem hinter der ganzen Aufregung: Wenn Journalisten beginnen, sich zu verstecken und sich die Selbstzensurschere im Kopf meldet, braucht sich niemand zu wundern, wenn sich keiner mehr um die echten Schweinereien kümmert.

Grüße aus Hamburg, Niels Kruse

(Wenn Sie nun einen Shitstorm entfachen wollen, tun Sie das bitte hier auf dieser Facebook-Seite.)

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