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Wieso jeder die Serie über einen depressiven Pferdmann gucken sollte

Er ist reich, aber todunglücklich. Passiert ihm etwas Gutes, zerstört er es garantiert selbst. BoJack Horseman ist der Antiheld unserer Gegenwart. Seine Suche nach Lebenssinn macht süchtig. Jetzt startet die 4. Staffel auf Netflix.

Von Simone Deckner

"BoJack Horseman"

BoJack Horseman ist halb Mensch, halb Pferd

Animationsserien sind nur etwas für Kinder? Neigh way, Jose (kleiner Insider)! Großartige Formate wie "Die Simpsons", "South Park" oder "The Ren&Stimpy Show" sprechen längst dagegen, aber dennoch: Viele Menschen nehmen Serien mit Zeichentrickfiguren auch heute noch nicht ernst. Was jammerschade ist, denn so verpassen sie eine der besten Serien der Gegenwart, die wie keine vor ihr in die Abgründe menschlicher Existenz blickt – mit Hilfe eines Pferdmannes: "BoJack Horseman". Am 8. September startet die vierte Staffel auf Netflix.

Sinnentleertes Leben in Hollywoo 

Die Hauptfigur ist, wie sein Name schon sagt, halb Mann, halb Pferd, dafür komplett fertig mit den Nerven. BoJack kommt einfach nicht damit klar, dass sein Ruhm als Star der 90er Jahre TV-Serie "Horsin' Around" ("Ich glaub', mich tritt ein Pferd"), verblasst ist. Geld hat er wie Heu (get it?, ein weitere Insider), was ihm fehlt ist der Lebenssinn, nun, da das Scheinwerferlicht lange erloschen ist.

BoJack lebt mit Anfang 50 allein in einer riesigen Villa mit Swimmingpool in den Hills von Hollywoo. Das "d" des berühmten Zeichens hat er selbst einst während einer seiner Sauftouren heruntergerissen. Dass diese Episode noch zu den harmloseren gehört, zeigt wie ernst die Themen sind, die in der US-Serie (Regie: Raphael Bob-Waksberg, Illustration: Lisa Hanawalt), behandelt werden: Es geht um nicht weniger als Depressionen, Sucht, Einsamkeit und Versagensängste.

Welche Stadt in Amerika wäre dafür als Kulisse passender, als Los Angeles, die Hauptstadt der arbeitslosen Schauspieler, operierten Charity-Ladies, Medienjunkies und sonstigen Traumtänzer? BoJack entlarvt die Illusionen der schillernden Traumwelt mit viel Humor: mal von der schenkelklopfenden, meist aber von der beißend-ironischen Sorte, nicht selten hinreißend surreal, voller Wortwitz und oft in visuellen Details versteckt (Pro-Tipp: Unbedingt auf die Poster achten, die an den Wänden hängen!) Eine Game Show heißt "Hollywoo Stars and Celebrities: What Do They Know? Do They Know Things?? Let's Find Out!" und wird von J.D. Salinger moderiert. Der Nachrichtensprecher ist ein Wal namens Tom Jumbo-Gumbro. Klingelt BoJacks Handy, kann er "Yep" oder "Nope" drücken.

"BoJack Horseman" hat Humor und Tiefgang

Den lustigen Szenen stehen tieftraurige und dramatische gegenüber, etwa wenn BoJack sich in Rückblenden an seine verkorkste Kindheit und seinen brutalen, gefühllosen Vater erinnert. "Nur, weil du nicht merkst, was für eine fürchterliche Person du bist, bist du nicht weniger fürchterlich", sagt BoJack einmal. Oder wie es ein Zuschauer im Netz treffend kommentierte: "Man kommt für die Witze und bleibt für die Gefühle."

Echte Stars wie Christina Aguilera stehen Pate für flamboyante Figuren wie Sextina Aquafina, ein 15-jähriges Delphin-Dubstep-Wunderkind, dass sich in einem Song radikal für das Recht auf Abtreibung einsetzt. Andere Stars treten als sie selbst auf: etwa die grandios ruppige "Charakterdarstellerin Margo Martindale", die im wahren Leben als Nebendarstellerin und Off Broadway-Schauspielerin vorher nur Insidern bekannt gewesen sein dürfte. Auch eine überzeichnet arrogante Jessica Biel hat einen Auftritt als Exfrau von Mr. Peanutbutter, einem blonden Labrador-Retriever. Er ist der immer gut gelaunte Gegenspieler von BoJack. Einst trat er in einem billigen Abklatsch von "Horsin' around" auf, dennoch ist er heute noch immer berühmt, sieht jünger aus und kriegt sein Leben mit Leichtigkeit auf die Reihe.

Liebevoll gezeichnet Charaktere bis in die Nebenfiguren

Das Großartige an der Serie ist: Nicht nur die Hauptfigur, auch die Nebenfiguren sind bis ins Detail liebevoll charakterisiert. Man kennt Typen wie Mr. Peanutbutter aus dem echten Leben. Unangenehme Zeitgenossen, die trotz mangelnder Qualifikationen alles bekommen, was sie wollen, sogar die coolste Frau von allen. Bei Bojack ist das die oft missverstandene intellektuelle Autorin Diane Nguyen, die erst BoJacks Biographie schreibt und dadurch selbst zu einem wichtigen Teil in seinem Leben wird, wenn nicht gar zum wichtigsten.

Man akzeptiert auch ohne mit der Wimper zu zucken, dass BoJacks Agentin und Ex-Geliebte Princess Carolyn eine pinkfarbene Perserkatze auf High Heels ist, deren biologische Uhr tickt. Ganz zu schweigen von genial absurden Charakteren wie Vincent Adultman, einem Mann, der eigentlich aus drei übereinandergestapelten kleinen Jungs in einem Trenchcoat besteht, was er überraschend lang vor seiner Affäre Princess Carolyn verheimlichen kann.

Und dann ist da natürlich noch Todd, der beste Freund von Bojack: ein liebenswürdig verpeilter, arbeitsloser Slacker, ein unerkanntes Erfinder-Genie, dass sich ähnlich wie Alan in "Two and a Half Men" als Dauergast selbst eingezeckt hat und sich nun, da er schon mal in BoJacks Villa abhängt, die Zeit mit Videospielen, Kiffen und Träumereien vertreibt. Todds Loyalität zu BoJack wurde in der letzten Staffel auf eine harte Probe gestellt - in der neuen eröffnen sich für den Mann mit der gelben Strickmütze und den Bartstoppeln ganz neue Perspektiven für seine persönliche Entwicklung, Stichwort: Sexualität.

Dass man den animierten Figuren nicht nur gern zusieht, sondern auch -hört, liegt auch an den Schauspielern, die ihnen in der englischen Originalfassung ihre Stimme leihen: Will Arnett spricht den BoJack, als würde er nie vor 15 Uhr aufstehen und dann direkt mit einem Bottich Whiskey gurgeln. Todd wird herrlich nuschelig von "Breaking Bad"-Star Aaron Paul gesprochen. Bei den weiblichen Hauptfiguren sorgt Alison Brie, bekannt als Trudy Campbell aus "Mad Men", dafür, dass Diane ebenso nerdig wie sympathisch klingt. Amy Sedaris, deutschen Zuschauern vor allem als "Wäscheexpertin" für Weichspüler bekannt, gibt Princess Caroline ihre typisch nervöse Überreiztheit.

Staffel 4: Wo ist BoJack?

Nachdem BoJack am Ende der dritten Staffel wieder einen großen Scherbenhaufen hinterlassen hat, ist er abgetaucht. Seine Freunde (ja, ein paar hat er trotz seines egozentrischen Verhaltens noch) fragen sich: Wo ist der Kerl? Niemand scheint eine Spur zu haben, selbst Diane erreicht ihn lange nicht. Die Spur führt in BoJacks Vergangenheit, so viel kann an dieser Stelle schon verraten werden.

Bei Mr. Peanutbutter dreht sich hingegen alles um die Zukunft. Der Labrador-Retriever stellt sich einmal mehr einer Aufgabe, für die er überhaupt nicht gewachsen ist: er bewirbt sich um eine Posten als Gouverneur. Parallelen zu real existierenden Personen in der amerikanischen Politik sind rein zufällig (nicht).

Wenn es am Freitag wieder los geht, werden vor den Bildschirmen Menschen in selbstgestrickten Ugly Sweaters Marke Bill Cosby sitzen - solche, wie BoJack sie trägt. Wieder andere haben die Villa von BoJack im Computerspiel "Die Sims" nachgebaut, weil sie es kaum erwarten können. Sie alle werden ihrem gebeutelten, geliebten Antihelden dabei zusehen, wie er erneut von einer Katastrophe in die nächste schlittert und dabei Sätze sagt, die mittlerweile zum Popkultur-Kanon gehören, wie "Neigh way, Jose!" Bitte schauen Sie diese Serie, aber bringen sie die Kinder vorher ins Bett!

"BoJack Horseman", Staffel 4 startet am Freitag, 8. September auf Netflix. 


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