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Die Sehnsucht nach der guten dunklen Zeit

Kritiker jaulen regelmäßig auf, wenn eine Verfilmung der "Wanderhure"-Trilogie im Fernsehen läuft - doch beim Publikum sind die Filme ein Renner. Warum kommt die Mittelalter-Saga so gut an?

Von Carsten Heidböhmer

  Einer der "Höhepunkte" von "Das Vermächtnis der Wanderhure": Marie (Alexandra Neldel) bringt im Kerker ein Kind zur Welt.

Einer der "Höhepunkte" von "Das Vermächtnis der Wanderhure": Marie (Alexandra Neldel) bringt im Kerker ein Kind zur Welt.

Wenn heute Abend der dritte Teil der "Wanderhure"-Saga auf Sat.1 ausgestrahlt wird, werden wieder viele Millionen Menschen einschalten. Es braucht keine prophetische Gabe, um das vorherzusagen. Ob es wieder zehn Millionen werden wie beim ersten Teil, oder acht Millionen wie bei Teil zwei - das Mittelalter fasziniert das Fernsehpublikum. Das hat auch der große Erfolg der Ken-Follett-Verfilmung "Die Säulen der Erde" gezeigt.

Gerade bei der "Wanderhure"-Verfilmung fällt auf, wie groß die Diskrepanz zwischen der Publikumsmeinung und der Kritik der Fachleute ist. Während die Iny-Lorentz-Verfilmungen Sat.1 mehrere gigantische Quotenerfolge beschert haben, zeigen sich TV-Kritiker regelmäßig entsetzt über die Qualität der Filme. Das ist bei "Das Vermächtnis der Wanderhure", dem Abschluss der Trilogie, nicht anders. In der "FAZ" bringt es Johanna Adorján mit fast schon biblischem Zorn auf den Punkt: "Das Mittelalter mag grausam gewesen sein, auf keinen Fall aber war es so grausam wie 'Das Vermächtnis der Wanderhure'". Auf "Spiegel-Online"sekundiert Daniel Haas: "Sat.1 vermacht uns damit einen haarsträubenden Mix aus Geschichte und Feminismus, Politik und Sex, Klamauk und Drama." Die kritischen Besprechungen vorab - soviel ist klar - werden nichts am Erfolg ändern. Doch warum kriegen die Zuschauer nicht genug von filmischen Zeitreisen ins Mittelalter?

Früher gab's noch echte Leidenschaft

Grundursache dürfte ein weit verbreitetes Unbehagen an der Gegenwart sein. Wo die Menschen heute angehalten sind, sich nach dem Händeschütteln für 30 Sekunden die Hände zu waschen, lernen sie das Unverstellte und Dreckige wieder zu schätzen. Es ist ein bisschen so wie mit der grassierenden Landlust: So wie die Städter derzeit das scheinbar naturverbundene Landleben idealisieren und in Differenz zu ihrem hektischen städtischen Dasein setzen, sprechen sie auch den Menschen in vergangenen Zeiten eine größere Verbundenheit zur heimischen Scholle zu. Alles war früher echter und authentischer.

Das betrifft vor allem die Körperlichkeit: In Zeiten von Botox, Silikonbrüsten und Schlauchbootlippen mögen die Menschen die Fiktion eines reinen, naturbelassenen Körpers. Vor allem, wenn er so wohlgeformt ist wie der von Alexandra Neldel.

Das hat wiederum unmittelbare Auswirkungen auf die Sexualität: Damals - so die Fiktion - wühlte man sich noch leidenschaftlich im Dreck. Es gab weder Blümchensex noch fiese SM-Spielchen à la "Shades of Grey". Sondern lustvolle Körper, die sich - von jeglichem zivilisatorischen Ballast befreit - einander hingeben konnten. Deswegen sind Sexszenen so wichtig. Sie sind keine zufällige Beigabe der "Wanderhure"-Filme, sondern wichtigster Bestandteil. Hier wird die zentrale Differenz markiert: Die Menschen haben in früheren Zeiten anders gewohnt, sich anders gekleidet, sich anders ernährt, anders gesprochen, andere Musik gehört. Kurzum: Eigentlich war alles anders. Aber die Körper - waren sie nicht die gleichen wie heute?

Das "dunkle Mittelalter" ist eine Fiktion

Filme wie die "Wanderhure" oder "Die Säulen der Erde" beantworten diese Frage mit "Ja". Aus diesem Grund wird der Körper so wichtig in diesen Filmen: Weil die Menschen in der Sat.1-Vergangenheit aussehen wie heute, eignen sie sich so gut als Projektionsfläche für die Zeitreise. Und deswegen ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet das Durchschnittsmädchen Lisa Plenske die zentrale Identifikationsfigur ist.

Doch warum geht diese Reise immer wieder ins Mittelalter, und nicht in eine andere Periode? Für diese Frage ist die Umwertung wichtig, die der Begriff Mittelalter erfahren hat. In der Renaissance scherten humanistische Denker die 1000 Jahre, die seit dem Ende der Antike vergangen sind, über einen Kamm und werteten sie pauschal ab: Die Epoche sei als dunkel anzusehen, von Ahnungslosigkeit und blindem Gottesvertrauen geprägt. Umso heller sollte die Leistung der Humanisten erstrahlen, die sich damit in direkte Linie der antiken Denker stellten.

Inzwischen hat sich deren Ansehen gewandelt: Internet, iPad und eBook bringen die ständige Verfügbarkeit von Informationen mit sich - die dadurch von einem kostbaren Gut zu einer ständigen Geißel der Menschheit degradiert werden. Oder anders ausgedrückt: Im grellen Licht der permanenten Aufklärung sehen sich viele Leute nach ein wenig Schatten, so erscheint die angebliche Düsternis des Mittelalters plötzlich wieder verführerisch.

Im Mittelalter hatten wir noch Könige und Kaiser

Und - auch dieser Punkt mag da mithinein spielen - Deutschland hat im Mittelalter geschichtlich eine große Rolle gespielt, Kaiser und Könige gestellt und große Schlachten geschlagen. Das macht diese Epoche deutlich interessanter als die Antike, als die Welt vom Römischen Reich dominiert war und auf deutschem Territorium Barbaren hausten - so das einprägsame Bild, das die römische Geschichtsschreibung von Germanien überliefert hat.

Mit diesen Keule schwingenden Barbaren will man nicht allzuviel zu tun haben. Die Zeit der Minne und Ritterlichkeit dient dagegen schon viel mehr als Identifikationsfolie. Auch existiert in Mittelalterfilmen noch eine natürliche Geschlechterhierarchie. Während die heutige Frau durch Vätermonate und Quotierung aus ihrer Hausfrauen-Comfort-Zone vertrieben wird, darf sie sich im Mittelalter nach einem starken Beschützer sehnen. Hier kommt das neben den Sexszenen zweite tragende Element ins Spiel: Die brutalen Kampfszenen. Die hochtechnologisierten Vergeltungsschläge der Gegenwart sind hier fern, Meinungsverschiedenheiten werden hier noch Mann gegen Mann auf dem freien Feld ausgetragen.

Und so bekommen die Zuschauer auch heute von all dem viel und noch viel mehr geboten: Ritterlich kämpfende Männer, unschuldige Frauen - und saftig-wollüstige Liebesszenen. Millionen werden es lieben.

"Das Vermächtnis der Wanderhure" läuft um 20.15 Uhr auf Sat.1

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