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Kinderstress für Onkel Dieter

Bei "DSDS Kids" will Dieter Bohlen Kinder zu Superstars machen. "Mini Playback Show" hieß ein ähnliches Format in den 90ern. Die damalige Moderatorin und eine Mutter warnen vor TV-Arbeit mit Kindern.

Von Katharina Miklis

Skyla hat das Zeug zum Superstar. Blaue Augen, blonde Haare - und keine Scheu vor den Kameras. "This is my fifteen minute" steht auf ihrem T-Shirt. Das ist hier die richtige Einstellung. Wenn sie singt, fühlt sie sich schön und geborgen, sagt das Mädchen. Dass sie erst neun Jahre alt ist, sollte ihrer Karriere nicht im Weg stehen - findet zumindest RTL. Skyla ist eins von 30 Kindern, die ab Samstag für den Sender in einer Kinderversion von "Deutschland sucht den Superstar" auf der Bühne stehen werden. Die jüngsten Bewerber waren erst vier Jahre alt.

Krippenplätze sind rar in Deutschland. Anders sieht es bei den Castingshows aus. Ob Model- oder Gesangscontest: Deutsche Kinder und Teenager sind schwer ausgelastet im deutschen TV-Programm. "DSDS Kids" ist jetzt die Antwort auf sinkende Quoten des Originals, denn die Castingshow steckt in der Krise. Das "DSDS"-Finale am vergangenen Wochenende hatte so schlechte Quoten wie noch nie.

"Es geht um Leistung. Und um viel Geld"

Marijke Amado steht dem Format kritisch gegenüber. Mitte der 90er Jahre moderierte die heute 58-Jährige eine der erfolgreichsten Shows ihrer Zeit: Bis zu neun Millionen Zuschauer schalteten ein, wenn Kinder in der "Mini Playback Show" ihre Idole imitierten. Es war eine Zeit, in der man Castingshows noch nicht mit Demütigung assoziierte. Eine Zeit, in der peinliche Auftritte von pubertären Kandidaten nicht automatisch bei Facebook oder Youtube landeten, wo ihnen das Gespött auf ewig sicher war.

Das Fernsehen von heute sei oberflächlich geworden, sagt Amado, die eine Show wie "DSDS Kids" gefährlich findet. Das Prinzip Talentshow für Kinder will die Sonderbotschafterin der Kinder-Hilfsorganisation "Kids Rights" nicht per se verurteilen. Aber ihrer Meinung nach könne ihre Show aus den 90ern nicht mit heutigen Castingshows vergleichen werden. "Wir hatten einen sehr verspielten Ansatz", erklärt sie im Gespräch mit stern.de. "Es ging vor allem um das Verkleiden." Bei "DSDS Kids" dagegen wird auch die Stimme bewertet. Und das macht die Show in den Augen der niederländischen Moderatorin so gefährlich: "Es geht um Leistung. Und um viel Geld. So wird über Wochen ein ganz anderer Druck aufgebaut. Und ob ein Dieter Bohlen das abfedern kann, ist fraglich."

RTL sieht das anders. In vier Primetime-Shows am Samstagabend verspricht der Sender "große Emotionen und viel Spaß". Die Shows mit den Auftritten der Kinder werden aus Jugendschutzgründen vorher aufgezeichnet - nur die Publikumsentscheidungen sind live. Im Finale werden zehn Kinder gegeneinander antreten. In der Jury sitzen neben Dieter Bohlen Michelle Hunziker und Dana Schweiger. Der Gewinner bekommt ein Ausbildungs-Stipendium und ein Preisgeld.

Jugendamt, Kinderarzt, Psychologe: RTL ist vorbereitet

Aber ist man mit vier Jahren wirklich schon alt genug fürs Fernsehen, für den Wettkampf, für den Konkurrenzdruck? Annika Johnsen war fünf Jahre alt, als sie bei der "Mini Playback Show" auf der Bühne stand. Das ist fast 20 Jahre her. Sie hatte damals keine Vorstellung davon, was es bedeutet, im Fernsehen aufzutreten, erzählt die 22-jährige Studentin heute. Sie wollte eigentlich nur wissen, wie es sich in der Zauberkugel anfühlt, durch die Marijke Amado die Kinder auf die Bühne schickte. Ihre Mutter dagegen kann sich heute noch an die Strapazen erinnern, die damals mit der Aufzeichnung verbunden waren. Erst ein Casting mit rund 1000 Kindern in Hamburg, einen Monat später ein weiteres in Köln und schließlich die Aufzeichnung im holländischen Aalsmeer. "Insgesamt waren wir zehn Stunden im Studio", erzählt Heide-Marie Johnsen. Ihr Fazit: Für die Kinder sei das viel zu lange und anstrengend gewesen. Sie würde es heute nicht noch einmal tun.

Vorgespräche mit dem Jugendamt oder dem Kinderarzt, so etwas hat es damals nicht gegeben, erinnert sich Johnsen. Bei "DSDS Kids" sieht das anders aus. RTL ist vorbereitet. Auch auf die Kritik von Kinderschützern. "Wir werden qualifizierte Medienpädagogen bei dieser Produktion dabei haben sowie eine Psychologin und wir werden uns sehr eng mit den Eltern austauschen", sagt eine Sprecherin. "Natürlich wurde es auch mit den Schulen abgesprochen, sonst würde uns das Amt für Arbeitsschutz gar keine Genehmigung erteilen."

Mehr Bewerbungen als je zuvor

Für das Kinderformat sind 40.000 Bewerbungen beim Sender eingegangen. Das sind mehr als jemals zuvor beim Original. Das ruft auch Kinderschützer auf den Plan. "Das Problematische an Castingshows ist, dass mit Träumen und Emotionen gespielt wird", schreibt der Programmratgeber "Flimmo" der Landesmedienanstalten. Fernsehexperten raten darin Eltern, ihre Kinder bei "DSDS Kids" nicht alleine vor dem TV sitzen zu lassen: "Denn wenn Gleichaltrige auf der Bühne stehen, fiebern Kinder noch mehr mit und es fällt ihnen schwer, sich zu distanzieren." Medienpädagoge Bernd Schorb, Beiratsmitglied der Medieninitiative "Schau hin!" des Bundesministeriums für Familie, wirft dem Sender gar vor, Kinder als "mediale Objekte zu vermarkten": "DSDS Kids" sei ein Format, das "zu einem traumatischen Erlebnis führen kann, welches sie dann über die Zeit und die Sendung hinaus verfolgt".

Auch Marijke Amado hat ihre Zweifel, dass die Show pädagogisch professionell eingebettet ist: "Ich bezweifle, dass das bei RTL gut begleitet wird", sagt sie und betont: "Es sollte ein Spiel sein, kein Wettbewerb." War das Fernsehen von früher etwa harmloser, unschuldiger? Auch Amado hatte in den 90er Jahren mit einer Welle der Empörung zu kämpfen. SPD-Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt sah "den Grenzbereich zu sexueller Ausbeutung berührt" und forderte ein Verbot. Die Moderatorin bekam Morddrohungen. "Das belastet mich noch heute", so die Moderatorin. Kein Wunder also, dass Dieter Bohlen schon vor Showstart versucht, die Wogen zu glätten: "Es ist klar, dass man mit Kindern anders spricht als mit renitenten Friseusen", sagt der 58-Jährige. Er will sich jetzt von seiner nettesten Seite zeigen.

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