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RTL-Kinderexperiment unter Beschuss

Im Juni startet RTL die Doku-Soap "Erwachsen auf Probe". Weil dort Säuglinge vier Tage lang in die Obhut von Teenagern gegeben werden, reagieren Experten bereits vorab empört. Jetzt kündigen auch Politiker mit markigen Worten Widerstand an.

Von Carsten Heidböhmer

"Ich bin sozial, offen und durchsetzungsstark" - so stellt sich Schleswig-Holsteins Kinder- und Jugendministerin Dr. Gitta Trauernicht in einem bei RTL ausgestrahlten Beitrag selbst vor. Genau gegen diesen Sender möchte die Politikerin ihre Durchsetzungsstärke unter Beweis stellen: Die Ministerin zeigte sich "entsetzt" über eine von RTL angekündigte Doku-Reihe, in der Säuglinge und Kleinkinder von ihren Eltern getrennt und für mehrere Tage in die Obhut von Teenagern gegeben werden. "Ich werde alle denkbaren Aktivitäten ergreifen, um dies zu unterbinden", erklärte Trauernicht in Kiel. "Ich sehe hier das Kindeswohl gefährdet. Solche Vorhaben sind gänzlich ungeeignet und unmoralisch."

Zuvor hatten sich bereits mehrere Experten kritisch zu dem geplanten RTL-Format geäußert. Der Kölner Sender hatte vor einigen Wochen angekündigt, am 3. Juni eine neue Doku-Soap zu starten. In "Erwachsen auf Probe" müssen sich vier Teenie-Paare im Zeitraffer von Schwangerschaft bis zur Pubertät als Eltern behaupten. Zunächst wird eine Schwangerschaft simuliert, später müssen sich die Teenager als junge Eltern um ein Neugeborenes kümmern, das mit einem Dummy simuliert wird. Wenn die Paare diese Prüfung bestehen, bekommen sie einen echten Säugling anvertraut.

Eltern können jederzeit einschreiten

Vier Tage werden die Teenager mit dem Säugling in ein Haus ziehen und sich rund um die Uhr um das Kind kümmern. Zwar können die leiblichen Eltern ihr Baby aus dem gegenüberliegenden Haus über Monitore beobachten und das Experiment jederzeit abbrechen - die Säuglinge werden aber für diese vier Tage aus der elterlichen Obhut gerissen und in eine andere Umgebung verpflanzt.

Genau an diesem Punkt stoßen sich viele Sachverständige. "Diese Sendung setzt die Kinder einem hohen Risiko aus, ist somit Kindeswohlgefährdung und nicht hinnehmbar", sagt Paula Honkanen-Schoberth vom Deutschen Kinderschutzbund. Kinder im Alter von neun bis 14 Monaten seien in einer hochsensiblen Phase und reagierten entwicklungsbedingt mit Angst und Abwehr auf fremde Personen. "Indem RTL diese Kinder existenziellen Ängsten aussetzt, nimmt der Sender die Entstehung einer Bindungsstörung bei den Kindern billigend in Kauf", so Honkanen-Schoberth weiter.

RTL droht Anzeige wegen Kindesmisshandlung

RTL weist darauf hin, dass eine Kinderpsychologin, eine Ärztin sowie erfahrene Erzieherinnen bei dem TV-Experiment rund um die Uhr anwesend seien. Für den Kinderschutzbund ist das jedoch keine Lösung: "Diese Experten können die Kinder weder trösten, noch ihnen die Ängste nehmen", so Honkanen-Schoberth. Protest kommt auch von anderen Sachverständigen. Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" erwägt der Münchner Psychosomatiker Karl Heinz Brisch gar, gegen den Sender und die Eltern Anzeige wegen Kindesmisshandlung zu erstatten.

Erfüllt die Sendung einen pädagogischen Zweck oder wird hier Quote auf Kosten kleiner Kinder gemacht?

Auch die Kinderkommission des Deutschen Bundestags schaltete sich ein: "Wir fordern RTL dringend auf, die Serie nicht auszustrahlen und keine weiteren, die Entwicklung der Kinder gefährdenden, gleich gearteten Sendungen mehr zu produzieren", erklärte die Kommission in Berlin. Das Kindeswohl sei selbst durch psychologische Betreuung im Umfeld nicht gesichert. Der Hebammenverband sprach gar von einer "neuen Form der Prostitution".

RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger verwies dagegen auf die kontinuierlich steigende Zahl der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland. Die Sendung sei ein Eignungstest für Jugendliche mit Kinderwunsch, bei dem sie Familienkompetenz erlernten und Verantwortung für sich, den Partner und Kinder übernähmen.

Viel Wirbel also um eine Doku-Soap, die noch nicht einmal gesendet wurde. Und jetzt kommt auch noch die Kieler Jugendministerin mit markigen Worten. Denen sie auch Taten folgen lässt: Trauernicht hat inzwischen die Kommission für den Jugendmedienschutz (KJM) eingeschaltet, die zentrale Aufsichtsstelle für den Jugendschutz im privaten Rundfunk. Dieser Weg steht ihr selbstverständlich frei - wie jedem anderen Bundesbürger übrigens auch. Und offenbar war die Politikerin nicht die Erste, die sich über die noch nicht ausgestrahlte Sendung beschwert hat: Die KJM bestätigte auf Nachfrage von stern.de den Eingang mehrerer Ersuche in Bezug auf "Erwachsen auf Probe".

Vorab einschreiten kann die Kommission jedoch nicht. Das weiß auch Gitta Trauernicht. Denn das Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein Grundrecht. "Eine Zensur findet nicht statt", heißt es im Artikel 5 des Grundgesetzes.

Medienaufsicht hat nichts zu beanstanden

Genauso, wie kein Journalist in Deutschland seinen Text vorab einer staatlichen Medienaufsicht vorlegen muss, hat kein Sender die Pflicht, seine Inhalte vorab genehmigen zu lassen. Es gibt für die privaten Anstalten die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), der Sender ihre Inhalte vorab zur Begutachtung vorlegen können, was RTL im Fall von "Erwachsen auf Probe" getan hat. Mit dem Resultat, dass nichts zu beanstanden war.

Die Kommission für den Jugendmedienschutz darf erst nachträglich aktiv werden, indem sie die Entscheidung der Freiwilligen Selbstkontrolle überprüft. Dass sie eine Beurteilung der FSF kritisiert, kommt aber nur in den wenigsten Fällen vor. Die Ausstrahlung von "Erwachsen auf Probe" kann die Ministerin auf diesem Wege also nicht verhindern.

Ein Fall fürs Jugendamt?

Trauernicht geht sogar noch weiter: Sie fordert die Jugend- und Ordnungsämter auf, sofort zu handeln, falls Familien aus Schleswig-Holstein an der Doku-Soap teilnehmen. Aus dem Ministerium heißt es hierzu: "Die Jugendämter müssen bei Kindeswohlgefährdungen einschreiten. Ordnungsämter haben vor allem die Aufgabe der Gefahrenabwehr, insofern kann es bei Kindeswohlgefährdungen alles veranlassen, was für die Babys zur Gefahrenabwehr beiträgt." Löst man das Problem also, indem man Familien drangsaliert, die an einer Fernsehsendung teilnehmen? Wie weit darf der Staat überhaupt in Familien eingreifen? Hier geht es um eine grundlegende Abwägung zwischen staatlichen Schutzbefugnissen auf der einen und persönlichen Freiheitsrechten auf der anderen Seite.

Die Jugendministerin zögert nicht lange: Innerhalb ihres Ministeriums lässt sie bereits Gesetzesänderungen prüfen. Ob daraus etwas wird, bleibt abzuwarten. Deutlich mehr verspricht da ihre Ankündigung, auf der Jugendminister-Konferenz rechtliche Lücken im Kinderschutz zu identifizieren, um Kindeswohlgefährdung dieser Art künftig zu verhindern. Ob man damit aber die Ausstrahlung einer TV-Sendung verhindert? Schwer zu glauben, zumal das Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland sehr hoch geschätzt wird.

Kostenlose Werbung

Schon jetzt hat die Debatte einen Gewinner: RTL. Mit jedem empörten Experten, mit jeder aufgebrachten Politikerin gelangt das neue Format in die Medien und bekommt kostenlose Werbung. Nicht wenige Zuschauer dürften am 3. Juni einschalten, um auch an dem Aufreger teilzuhaben und zu sehen, ob das wirklich so schlimm ist. Passend dazu kündigte der Privatsender RTL 2 den Start einer auf acht Teile angelegten Dokusoap mit dem Titel "Wunschkind" an, bei der werdende Eltern gefilmt werden.

Was ist aber die Konsequenz daraus? Muss man jedes Format hinnehmen, nur weil der Protest dem Sender nützen könnte? "Diese Sendungen werden sowieso bekannt. Man kann nicht alles kommentarlos hinnehmen, nur weil es anderen nützen könnte", sagt Paula Honkanen-Schoberth vom Kinderschutzbund. Ihre Einwände gegen die RTL-Baby-Sendung klingen durchaus plausibel. Auch wenn "Erwachsen auf Probe" ein Millionenpublikum finden wird, so erfährt die Öffentlichkeit immerhin, wie Fachleute zu dem stehen, was im Fernsehen gezeigt wird.

Ob die Kieler Jugendministerin mit ihren markigen Ankündigungen mehr bewirken kann, bleibt abzuwarten.

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