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Quartals-Talker mit Töpfchen-Theorie

Ob Jugendkriminalität, Rechtsextremismus oder Amoklauf - Christian Pfeiffer hat die Ursache längst erkannt: Killerspiele. Wo es nur geht, ist der Kriminologe mit seinen Thesen zur Stelle. Teil vier der Serie, in der stern.de sechs Geißeln der Talkshows vorstellt.

Von Wolfgang Röhl

Christian "T." Pfeiffer - T wie Töpfchen -, ist der Quartals-Talker des Fernsehens. Er ist nicht durchgehend auf Sendung. Aber wehe, wenn! Wenn etwa Jugendliche an Schulen oder sonst wo Amok laufen, und dann auch nur der nebulöseste Verdacht besteht, sie könnten zuvor Computerspiele geguckt haben, galoppiert Pfeiffer mit seinen Lieblingssteckenpferden durch alle Fernsehrunden. Der kurzzeitige Justizminister von Niedersachsen, Leiter des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (Spezialgebiet: die Erkundung von lukrativen staatlichen Geldquellen für Forschungsprojekte), propagiert unbeirrbar die These, dass "Killerspiele" unsere Jugend abstumpfen, verrohen und zu schrecklichen Dingen treiben können. Unter Fachkollegen ist er mit derlei Kausalitäten höchst umstritten. Zumal seine Kenntnisse der Computerspielewelt zu wünschen übrig lassen, wie ein Auftritt bei "Hart aber fair" mal belegte. Aber Pfeiffers knackiges Schlagwörterarsenal ("mediale Verwahrlosung", "dramatische Einbußen an Sensibilität für die Leiden der Opfer" usw.) machen ihn unentbehrlich, wenn nach spektakulären Verbrechen die üblichen hastig zusammengetrommelte Quasselrunden quicke Erklärungen versuchen. Zwischentöne sind nur Krampf im Quotenkampf, davon profitiert er.

Immer eine These im Ärmel

Er kann in Endlosschleife über seine Sujets diskutieren, dabei die Hände vor der Brust gegeneinander halten, Fingerspitzen gegen Fingerspitzen, ab und zu sparsame Gesten mit den Händen schaufeln. Ja, er könnte gut und gerne drei Stunden am Stück reden. Was Talkshowmacher am meisten fürchten, - die plötzliche Stille, in der keinem mehr was einfällt -, ist mit Pfeiffer an Bord unmöglich. Unterbricht man ihn nach einer Weile, springt er auch willig auf jedes andere Thema, das gerade durchs Dorf getrieben wird. Kurz, er ist ein Moderatorentraum.

Pfeiffer hat eine Nase wie Pinocchio und immer irgendeine tolle These im Ärmel. Etwa, dass der Rechtsextremismus bei Jugendlichen total populär geworden sei. Die Studie, welche das belegen sollte, wurde freilich weithin verrissen. 1999 hatte er für die relativ hohe Zahl ausländerfeindlicher Gewalttaten in Ostdeutschland die autoritäre Erziehung in den DDR-Kindergärten mit verantwortlich gemacht, wo die Kleinen sogar gemeinsam aufs Töpfchen hätten gehen müssen. Schaumige Spekulationen statt harter Wissenschaft, aber die Ostdeutschen regten sich furchtbar darüber auf. Schwupps, war Pfeiffer wieder im Gespräch.

Pfeifers größte Fehleinschätzung

Ein Jahr später, im Fall Sebnitz, verhob sich der Töpfchen-Theoretiker schwer. Da attestierte er einer Mutter Glaubwürdigkeit, die hartnäckig behauptet hatte, ihr achtjähriger Junge sei drei Jahre zuvor von Rechtsradikalen im Freibad der sächsischen Stadt vor 200 gleichgültigen Zeugen ertränkt worden. Auf Pfeiffers Expertise hin machten die Medien - allen voran "Bild" - ein gewaltiges Fass auf. Ein weltweiter Sturm der Entrüstung über das angeblich naziverseuchte Deutschland brach los. Ein betroffener Bundeskanzler Schröder empfing die Mutter. Wenig später entpuppte sich der Tod ihres Kindes als tragischer Unfall aufgrund mangelnder Aufsicht. Die Presse war zerknirscht. Bei den Rechtsextremen knallten die Korken.

Natürlich hat der Skandal Pfeiffer nicht geschadet. Nicht in den Talkshow-Redaktionen. Dort nimmt man an, das Gedächtnis der Zuschauer gleiche einem Sieb. Und deshalb ist Professor Töpfchen nach wie vor ein gern gebuchter Gast in der Phrasenhölle der Fernsehdebattenkultur, sobald irgendwas mit Jugendgewalt, Killerspielen, schärferen Waffengesetzen und verkorksten Kindern aufs Tapet kommt. Dann spielt er das immergleiche Lied vom Tod, der aus der Playstation kommt.

Fernsehen macht gewalttätig

Einer seiner größten Sorgen ist, dass rund die Hälfte der 13- bis 15-Jährigen einen eigenen Fernseher im Zimmer stehen haben, auf dem sie stundenlang Filme mit jugendgefährdenden Inhalten glotzen und dabei "ihr Leben versäumen." Die Tonalität kennen ältere Zeitgenossen noch aus den Sechzigern, als ein gewisser Adolf Süsterhenn mit seiner "Aktion saubere Leinwand" die Jugend "vor Schmutz und Schund" bewahren wollte. Wer dann kam, waren übrigens die 68er.

Dass Fernsehkonsum die Kids dumm und gewalttätig mache, gehört zu Pfeiffers Grundannahmen. Nun ja - ob gewalttätig, darüber werden die Experten wohl ewiglich streiten. Dass Fernsehen dumm macht, scheint dagegen evident. Man merkt es an jenem leeren Gefühl im Kopf, wenn man nach einem Amoklauf eine Talkshow gesehen hat, in der mal wieder Christian Pfeiffer saß.

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