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Der große Welterklärer

Er kann einfach nicht loslassen und braucht die große Bühne: Lange nach seiner aktiven Zeit drängt es Peter Scholl-Latour noch immer ins Fernsehen. Teil drei der Serie, in der stern.de sechs Geißeln der Talkshows vorstellt.

Von Wolfgang Röhl

Natürlich wünschen ihm alle ein extralanges Leben. Die volle Jopie-Heesters-Strecke, mindestens! Aber viele fragen auch bang: Was wird, wenn er einmal nicht mehr ist? Wer erklärt uns dann die Welt, und was sie im Innersten zusammenhält? Wenn ein Sack im Reisfeld umfällt, wer steckt dahinter? ER wusste stets die Antwort und weiß sie noch immer. Die tumben Amerikaner sind es, nichwahr, und, äh, die verblendeten Israelis und die ahnungslosen Europäer, nichwahr (ohne Franzosen, die lässt er gerade noch so gelten). Den Schlamassel im Irak oder Afghanistan oder im Jemen oder in Somalia hätten sich die Plattköpfe ersparen können, wenn sie ihn nur gefragt hätten, Peter Scholl-Latour, nach Zar Peter und noch vor Peter Alexander wahrscheinlich der größte Peter aller Zeiten (Gröpaz). Aber ihn fragt ja keiner, nichwahr. Beziehungsweise doch, aber erst, wenn es zu spät ist. Dann sitzt er bei Maischberger oder Kerner oder Maybritt Illner oder Anne Will oder dem schönen Giovanni und erklärt den Menschen, was da draußen schief gelaufen ist, taktisch und strategisch, äh, nichwahr. 'S leider Krieg und er begehrt, nicht Schuld daran zu sein.

Aber irgendwie geil war das denn doch, als Starreporter immer mittenmang im Schlachtengetümmel gewesen zu sein. Wenn man ihn reden lässt, erzählt er zum 276. Mal episch, wie er und sein Team 1973 vom Vietcong gekidnappt wurden, da sah er sich im Reporterhimmel schweben, äh, nichwahr. Oder er gibt zu, dass er gar kein Fremdenlegionär war, wie ihm öfters angedichtet wurde, dafür aber bei den französischen Fallschirmjägern gedient hat, auch verdammt harte Jungs. Und welcher Moderator würde ihn nicht reden lassen bis sich die Studiodecke aufrollt, den ollen Haudegen! Läuft die Talkshow nämlich nicht nach seinem Gusto, droht er schon mal damit, sie brüsk zu verlassen, was keiner wollen kann. Denn wer, außer Helmut Schmidt vielleicht, kann uns diese wirre Welt erklären? Siehe oben.

Experte für alles

Peter Scholl-Latour heißt eigentlich Peter "K." Scholl-Latour, K. für Kennichalles. Offiziell wurde er 1934 geboren. Gefühlt ist er zwei- bis dreihundert Jahre alt, rein von seinem Wissen her. War überall, wo's bum-bum macht, nur noch nicht auf dem Mars, hat schon jeden Staatenlenker, Potentaten und General auf Augenhöhe einvernommen. Der Warlord muss erst erfunden werden, mit dem PSL noch kein Tässchen Tee getrunken hat, bewacht von wilden, Kalaschnikows schwingenden Burschen, hoch im unwegsamen Bergland von Absurdistan, wo nur das Satellitentelefon funktioniert. Nebenbei, den Begriff Absurdistan hat er himself geprägt! Er allein war das, nichwahr.

Ein Parodist hat ihn, den Experten für alles, mal so vorgeführt:
"Ja nun, äh, äh, nichwahr, was da in Ceylon, in Sri Lanka passiert, nicht - ich war ja schon oft genug da, schon vor dreißig Jahren und ich kenne mich da aus, nicht, ich hab's ja gesehen - also, da tut sich die Regierung keinen Gefallen mit, nicht wahr. Selbst wenn die jetzt diese LTTE sozusagen... in den Dschungel gedrängt haben, nicht wahr, die sind ja dezimiert, aber da leben noch 1000 von denen, und das sind die Erfinder der Selbstmordattentate, nicht, gegen die zu kämpfen ist sinnlos, die können gar nicht verlieren. Und wenn Sie die alle töten, nicht wahr, dann äh, äh, wachsen 10.000 nach. So sieht's doch aus."

Werner Enke der Geostrategie

Ja, unser Mann weiß, wie der Taliban tickt, der Kongoneger kämpft, der Asiate attackiert. Wie aufgezogen sagt er dazu Sätze, die man nicht immer ganz versteht, weil er heftig nuschelt und leichtfüßig vom Hütchen aufs Stöckchen springt. Aber das macht nichts. Nicht einer, der ihm das Mekongwasser reichen könnte! Man kann ihm vertrauen. Er ist der Darboven-Mann der Krisenberichterstattung. Die ganze Welt schaut gebannt zu, wenn der kleine große Mann den Planeten sortiert. Offenbar verfolgen sogar die Menschen in den Souks des Orients gebannt seine Analysen bei ARD und ZDF. Er hat jedenfalls festgestellt: "Türkische und arabische Taxifahrer lehnen es oft als Ehrensache ab, von mir Fahrgeld zu nehmen."

PSL hat mehr als 20 Kriege besucht, 27 Bücher darüber geschrieben, unzählige Preise abgegriffen, nicht selten zwei Talkshows an einem Tag bereichert. Vor Jahren hatte mal eine Zeitung nachgezählt: Seine Auftrittsfrequenz lag noch vor der von Westerwelle! Volles Programm also, aber noch umfangreicher ist die PSL-Exegese. Die Kollegen rätseln seit Ewigkeiten neidvoll: Was hat er, was wir nicht haben? Was macht ihn so sexy? Der Pulverdampf, der sein Parfüm ist? Sein Einstecktüchlein, das er noch trüge, wenn hinter seinem Rücken der Dritte Weltkrieg ausbräche? Er selbst sieht als Grund die Tatsache, dass "sich am Ende eben immer heraus gestellt hat, dass ich Recht gehabt habe." Äh, nichwahr?

Und warum? Weil PSL schon immer so etwas war wie der Werner Enke der Geostrategie. Zieht der Westen in irgendein Scharmützel, erteilt PSL, wie der Junge aus "Zur Sache, Schätzchen", sogleich die messerscharfe Analyse: 's wird böse enden! Und behält damit Recht. Zwangsläufig, auf die eine oder andere Weise. Und dafür lieben wir ihn, unseren schlauen alten Peter, nichwahr.

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