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Von wegen Kinderbonus!

Die Gewinner des Finales von "Got to Dance" heißen Veronika und Daniel. Sie tanzen Standard und Latein - und sind zu jung, um ihren Sieg zu später Stunde auf der Bühne feiern zu dürfen.

Von Jens Wiesner

100.000 Euro gewonnen - und dann aber schnell ins Bett: Weil sie erst 13 sind, durften die "Got to Dance"-Gewinner Veronika und Daniel nach 22 Uhr nicht mehr auf die Bühne.

100.000 Euro gewonnen - und dann aber schnell ins Bett: Weil sie erst 13 sind, durften die "Got to Dance"-Gewinner Veronika und Daniel nach 22 Uhr nicht mehr auf die Bühne.

Kim Laura und ihre Mitstreiter ringen mit den Tränen. "Riverdance on drugs" - so hatte Howard Donald die Penguin Tappers noch vor kurzem gelobt. Und jetzt das: Drei rote Lichter leuchten gleichzeitig am Pult der Jury. Nicht ein Licht, nicht zwei. Drei. Eine veritable Klatsche für die Stepptanzgruppe aus Hemsbach. Da bleibt selbst das Lachen im Halse stecken, als Juror Howard bei der Urteilsbegründung passgenau am korrekten Deutsch vorbeischießt ("Es ist Scheide!"). Denn die Kritik trifft, weil sie berechtigt ist: Zu wuselig wirkte der Auftritt zu den Klängen von Hans Zimmers "Fluch der Karibik"-Hymne - insbesondere dann, wenn man ihn an der viel besseren Leistung im Halbfinale misst.

Für das Finale der Sat.1-Tanzshow "Got to Dance" war der Ausrutscher der steppenden Pinguine ein unverhoffter Glücksfall. Mit den steinernen Mienen der Jury, den enttäuschten Gesichtern der Geschassten und den Proteststürmen des Publikums kehrte eine Dramatik zurück in die Ausscheidungsrunde, die nach den ersten drei Auftritten drohte, zu einer langweiligen Lobhudelei zu verkommen. Zumindest die Möglichkeit des Scheiterns war von nun an in die DNA dieses Finales eingebrannt - auch wenn die Jury nie wieder Gebrauch davon machen sollte.

Viel konnte man ja auch nicht sagen gegen die über weite Strecken hochklassigen und technisch sauberen Acts, die es bis hierhin geschafft hatten: Poppin Hood, dessen Körper zum Nussknackerballet wieder kunstvoll ruckelte und zuckelte. Patrizia, die mit ihren gefühlvollen Bewegungen zu Phillip Poisel für einen Moment die Hektik des Tages vergessen ließ. Oder Vadim, der 13-jährige Freestlyer mit Baseball-Cap, auf der Tanzfläsche noch ganz Checker, im Angesicht der flirtenden Jurydamen dann aber wieder schüchtern bis hinter beide Ohren.

Dennoch war der harte Rauswurf der Pinguine im direkten Vergleich nicht nachzuvollziehen: Gerade zum Ende hin hätte die Jury durchaus von der einen oder anderen roten Karte Gebrauch machen dürfen, zeigte sich aber überraschend nachsichtig: M.I.K. Family, die im Halbfinale noch mit ihrer Helikopter-Nummer geglänzt hatten, präsentierten neben ihren durchtrainierten Sixpacks leider auch mehrere Patzer und flogen nur - "um ein Haar, ey!" (Palina Rojinski) - nicht raus. Vergleichsweise enttäuschend präsentierten sich auch die Publikumslieblinge Ben & Airdit. Ihre Darbietung geriet überraschend unsauber und unsynchron.

Dennis vom andern Stern

Ganz anders Dennis, der sich diesmal nur in schwarzen Shorts bekleidet auf der Bühne zeigte. Doch von einer reinen Fleischbeschau war der minimalistische Auftritt des Balletttänzers weit entfernt. "Poetry in motion" nannte es Jurorin Nikeata Thompson, Palina Rojinski hielt es erst gar nicht auf ihrem Platz und Howard Donald verschlug es beinahe die Sprache: "Ich habe großen Respekt vor dir", stammelte er - und diesmal saß die Grammatik.

Dass Dennis M.als heißer Favorit der Jury galt, war nach dieser Rundumhuldigung klar. Doch hatte nicht schon der Eurovision Song Contest eindrucksvoll bewiesen: Fernsehzuschauer und Fachjury ticken mitunter völlig anders. Vor der großen Verkündigung des Siegers musste Johanna Klum (führte souverän-süß durch den Abend) die seltsame Sitzordnung erklären - denn nicht alle Kandidaten waren nach der Werbepause auf die Bühne zurückgekehrt. "Es ist nach 22 Uhr. Kinder unter 16 dürfen leider nicht mehr auf die Bühne", erklärte die Moderatorin schulterzuckend. Und der Zuschauer musste unweigerlich schmunzeln. Vor der deutschen Bürokratie ist noch jeder in die Knie gegangen.

"Tiere und Kinder, immer die gleiche Scheiße."

Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet die jüngsten unter den Teilnehmern waren, die schließlich die Arme in die Höhe recken durften. Veronika und Daniel hatten schon die Jury mit ihrem vor Charme sprühenden Latino-Auftritt verzaubert - und nun also auch - wenn auch knapp - die Herzen der Couchpotatoes erobert. Dass es ausgerechnet die Kleinsten waren, sollte bei einigen Zuschauern allerdings sauer aufstoßen. "Kinder ziehen immer", beklagte sich Katrisha11 auf Twitter und wünschte sich für die nächste Staffel eine Extrakategorie á la "The Voice Kids".

Noch deutlicher wurde Anna Maria: "Tiere und Kinder, immer die gleiche Scheiße." Doch am Kinderbonus allein dürfte der Sieg nicht gelegen haben: Schließlich haben es Veronika und Daniel ("Wir sind Freunde und Tanzpartner, mehr nicht!"), die sich den 100.000 Euro Gewinn nun teilen dürfen, fachlich durchaus drauf: Sonst wären die beiden sicher nicht vierfache Bayerische Meister geworden - oder hätten erst im Februar Ex-Fußballer Thomas Helmer gezeigt, wie man das Tanzbein schwingt. Damals allerdings bei der Konkurrenz, für die RTL-Show "Shootingstars - Promis an ihren Grenzen". Bleibt zu hoffen, dass die Senderverantwortlichen dort gestern genau zugesehen haben - wie man eine erfolgreiche Castingshow im Nach-Bohlen-Zeitalter gestaltet.

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