HOME

Der Worte sind genug gewechselt

An der Kanzlerin gescheitert - und jetzt auch noch beim Thema Bildung versagt: Günther Jauch findet einfach keine Linie für seine TV-Diskussion am Sonntag.

Von Sylvie-Sophie Schindler

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

Was ist denn da bloß wieder schief gelaufen? In diesen Tagen gibt es doch wirklich nichts Wichtigeres als über Karl-Theodor zu Guttenberg zu sprechen. Das angekündigte Comeback ist dabei nur eine Petitesse. Drängender sind andere Fragen. Welche Kleidergröße trägt der Herr Baron nach seinem jüngsten Zuwachs an Körperpfunden? Ist das passende Kampf-Piloten-Outfit bereits geordert? Warum hat Guttenberg erst so spät entdeckt, dass er ohne Brille besser sehen kann? Wie viel Zeit spart er sich morgens, da der Griff in die Haargel-Dose nun entfällt? Günther Jauch hat, wie bekannt ist, ein Faible für allzu Menschliches. Eine pseudo-kumpelige Plauderei mit dem blaublütigen Plagiator wäre wie maßgeschneidert für ihn. Mögliches Thema der Sendung: "Generation Gutti - warum gibt es so viele geklaute Zitate?" Doch Jauch packte in seinem ARD-Talk am Sonntagabend lieber eine bereits x-Mal durchgekaute Diskussion an und fragte in plakativer Manier: "Generation doof - warum gibt es so viele Bildungsverlierer?"

Gejammer über den Untergang des Abendlandes

Nett ist das natürlich nicht, mal wieder Deutschlands Kinder und Jugendliche so abzustempeln und an den Pranger zu stellen. Und deren Eltern selbstverständlich gleich mit dazu. Denn immer wieder sprachen die Talkgäste davon, dass es ja schon im Elternhaus losgehe - wenn sich Mama und Papa nicht für die Bildung ihres Zöglings interessierten, dann gute Nacht. Kommt einem irgendwie bekannt vor, dieses Argument. Und erwarte ja keiner, dass es sonst welche eklatanten Neuigkeiten in dieser TV-Debatte gab. Es wurde geradeso daher geredet, als säße man irgendwo in Deutschland bei Bier oder Kaffee und jammere, mal wieder über den Untergang des Abendlandes.

Allein: Was bringt's? 60 Sendeminuten wären besser genutzt, würde man sich ernsthaft um Lösungsansätze bemühen, die sich auch tatsächlich umsetzen lassen. Oder um aus Goethes "Faust", von dem später noch die Rede sein soll, zu zitieren: "Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen."

Engagierte Pädagogen auf neuen Wegen

Unbestritten, im deutschen Bildungssystem läuft so einiges schief, doch zeigt sich, dass es immer wieder Lehrer gibt, die neue Wege gehen und damit Erfolg haben. Es tut also Not, diese zu Wort kommen zu lassen, und so war es ein Glücksfall für diese Sendung, dass Sabine Czerny über ihre Arbeit berichtete - an ihrer alten Schule erreichten ihre Schüler Bestnoten, und das ganz ohne Druck. "Es gibt keine Kinder, die nicht lernen wollen", so die Überzeugung der engagierten Grundschullehrerin aus Bayern. Und doch würden, so Czerny, Kinder ihre Freude an der Schule oft schneller verlieren als ihre Milchzähne. Die Pädagogin meinte außerdem: "Noten lügen". Sie würden keine Aussage über die Fähigkeiten geben, die Kinder haben. Mehr noch: Konkurrenzkampf, der durch Notenvergabe entstehe, produziere Bildungsverlierer.

Als Gegenbeispiel trat Michael Rudolph auf. An seiner Schule in Berlin-Friedenau herrschen Ordnung und Disziplin, wer beispielsweise dazwischenquatsche oder zu spät komme, würde in aller Herrgottsfrühe den Hof fegen, das wirke. Und so sah man in einem kleinen Einspieler einen Jungen, wie er mit einem Rechen Laub zusammenkehrte. "Ich halte nichts von Kuschelpädagogik", sagte Rudolph mit preußischer Strenge und hatte damit sicher alle Anhänger des Bestsellers "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" auf seiner Seite.

Mini-Ausflug zu "Wetten, dass..?"

Spannend wäre es gewesen, wäre es zu einem Schlagabtausch zwischen den beiden gegensätzlichen Lehrern gekommen. Doch Jauch folgt dem allgemeinen Talkshow-Trend - oder hat er ihn gar begründet? - alle Gäste hübsch der Reihe nach ihre Sätzchen aufsagen zu lassen. Dazwischen hineingestreut, und das in immer geringerer werdender Taktung, emotional hoch gepeitschte Einspieler, die bitteschön unbedingt für Empörung sorgen sollen. So wie die heimlichen Aufnahmen von Bewerbungsgesprächen in einem Handwerksbetrieb, die zeigten, dass die Aspiranten nicht mal mehr in der Lage sind, eine Tischfläche auszurechnen, die einen Meter breit und 2,50 Meter lang ist.

Eine nächste ideale Vorlage, um sich in Schimpftiraden über die "Generation doof" zu ergehen. Was aber nicht so recht glückte, denn der Unternehmer Harald Christ, der selbst eine Karriere vom Arbeitersohn zum Millionär hingelegt hat, warnte vor "solchen Pauschalierungen."

Sogar ein Mini- Ausflug zu "Wetten, dass..?" war noch drin: Eine 14-Jährige, die den gesamten "Faust" auswendig gelernt hat, wurde spontan gefragt, welche Passagen sich auf Seite 139 finden. Ob das reicht, um sich als Gottschalk-Nachfolger ins Gespräch zu bringen? An Jauch nämlich hat irgendwie noch keiner gedacht.

Erinnerungen an stern.tv

In ihrer Machart und Dramaturgie erinnerte die gesamte Sendung, und das darf sich Jauch auch dieses Mal wieder anhören, mehr denn je an stern.tv. Was daran schlecht ist? Nun ja, immerhin wurde Jauch als bahnbrechender Nachfolger von Sabine Christiansen und Anne Will gehandelt. Doch deren journalistische Raffinesse mag dem altgedienten Moderator einfach nicht gelingen, und so hangelt er sich von Einspieler zu Einspieler, hält sich daran fest wie ein Herr zu Guttenberg an seinen lahmen Ausreden zu den Plagiatsvorwürfen.

Mehr aber noch ärgert das wiederholte Abrutschen in allzu Seichtes, etwa wenn Jauch mit seinen weiteren Talkgästen Felix Magath und CSU-Politikerin Monika Hohlmeier über deren Schulzeit palaverte oder über dreistreifige Sportschuhe und welche Nachteile zweistreifige Treter für eine Schulkarriere haben. Und natürlich gab es in der letzten Sendeminute den zu erwartenden verbalen Guttenberg-Schlenker. Jauch zu Hohlmeier: "Wie groß ist Ihre Freude, wenn er zurückkommt?" Geht's noch, mag man da lapidar dazwischen rufen, was sicher keine äußerst gebildete Bemerkung wäre, aber die Empörung haargenau trifft.

Fragwürdige Auswahl der Gäste

Denn ja, man ist empört nach einer solchen Sendung. Man ist empört, weil das Gefühl zurückbleibt, dass Kinder und Jugendliche und ihre Lernsituation nicht ernst genug genommen werden. Schlimmer: dass sie nur dazu benutzt werden, um ein Talkshow-Thema mehr auf der Agenda zu haben. Es reicht einfach nicht, fast ausschließlich Plattitüden auszutauschen, um irgendwie die Sendeminuten rumzukriegen. Was ist erreicht, wenn man schlussendlich wieder mit Goethes Faust einstimmt: "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor."

Das wäre nicht passiert, wäre man, wenn sich schon nicht der Moderator austauschen lässt, unter anderem bei der Auswahl der Gäste anspruchsvoller gewesen. Der Philosoph Peter Sloterdijk, um nur ein Beispiel zu nennen, hätte da sicher mehr sinnvolle Gedankenanstöße gebracht. In einer seiner Thesen spricht er von einer notwendigen Geste der Einladung an die Schüler und fordert "Schulen als Gästehäuser des Wissens und Ausflugsziele der Intelligenz." Was gelingen kann, wenn Lernen, wie Sloterdijk sagt, zur Vorfreude auf sich selbst würde. Nur: dreistreifige Turnschuhe sind sein Thema nicht. Das hat ihn wohl disqualifiziert.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

Partner-Tools

  • Sylvie-Sophie Schindler