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Zur Wahrsagerei verführt

Attitüden wie im Mädcheninternat: Günther Jauch bearbeitete den Fall Edathy auf dem Felde der Spekulation. Und vergab die Chance, das weitaus brisantere Thema Kinderpornographie zu diskutieren.

Von Sylvie-Sophie Schindler

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

Oliver Welke fand am Freitagabend in seiner "heute-Show" im ZDF die passende Metapher. Man müsse sich, so der TV-Satiriker, das politische Berlin "leider wie ein gigantisches Mädcheninternat vorstellen". Allerdings: Es sei schlimmer als bei "Hanni und Nanni". Doch wer hat, auf den Fall Edathy bezogen, was wann und an wen weitergetuschelt? Eine Frage, deren Beantwortung nur auf Mutmaßungen hinauslaufen kann.

Günther Jauch, längst beheimatet auf dem Felde der Spekulation, scheute sich in seiner sonntäglichen ARD-Talkrunde wieder mal nicht, seine Gäste zur Wahrsagerei verführen zu wollen. "Niemand weiß, wie es wirklich war", stellte FDP-Mann Wolfgang Kubicki klar und demonstrierte damit seine Resistenz. "Zu viele Menschen haben es gewusst", ließ der Journalist Georg Mascolo wissen und sich hinreißen zu der Einschätzung, es handle sich bei den über den Fall Informierten um eine dreistellige Zahl. Auch wenn es einigermaßen plausibel klang, hieb- und stichfest beweisen konnte auch er es nicht. Und dreistellig, was heißt das schon, das können 100 Menschen sein oder auch 999. Und damit herzlich willkommen zu einem erneuten 60-Minuten-Fischen in allerlei Konjunktiven. Wem bitte bringt dieses Rätselraten was? Wir sind doch hier nicht bei "Wer wird Millionär?" Also: Warum wurde der Zuschauer mit Überlegungen torpediert, die zu nichts führten? Anleitungen zum Verblöden gibt es doch längst schon bei dem Kollegen Markus Lanz.

Im Online-Forum zur Sendung gaben viele Zuschauer zu erkennen, zum Glück, dass sie sich eben nicht für blöde verkaufen lassen. "Ich kann nur empfehlen, dass man solche Sendungen erst dann macht, wenn ein Ermittlungsverfahren abgeschlossen ist, weil noch gar nichts geklärt ist", hieß es da. Oder: "Über ungelegte Eier spricht man nicht." Das Thema sei erst dann sinnvoll, wenn mehr belastbare Tatsachen vorlägen, monierte ein weiterer Forist und setzte nach: "Oder sollte Günther Jauch den Zuschauern eine lange Nase drehen, indem er dieses Thema ausgerechnet dann nicht wieder aufnimmt, wenn eine solide Diskussionsgrundlage dafür vorliegt?"

Über Oppermann muss Jauch allein orakeln

Die Redaktion jedenfalls hätte die Debattenhütte auch auf Stein bauen können und nicht nur auf Sand. Auch wenn in der Causa Edathy viele Themenkomplexe nah zusammen liegen, es hätte Not getan, die Situation von Kindern in den Fokus zu rücken, die man für den pornographischen Markt ausbeutet. Welcher Maßnahmen bedarf es, um Kinder wirksam zu schützen, wäre beispielsweise eine solche wichtige Frage gewesen. "Ich bin erschüttert, von welch einer Gleichgültigkeit gegenüber Kindern diese Sendung heute Abend begleitet worden ist", schrieb ein User des Forums. Immerhin, CDU-Mann Wolfgang Bosbach gab zu verstehen, er interessiere sich für den Gemütszustand dieser Kinder mehr als für den von Edathy. Und Mascolo forderte eine Verschärfung der Gesetze im Bereich Kinderpornographie. Zu recht. Allein schon, dass es so genanntes "legales" Foto- und Videomaterial von nackten Kindern und Jugendlichen überhaupt gibt, ist mehr als ein Nachdenken wert, um es mal so zu formulieren. Edathy soll im Besitz von ebensolchem gewesen sein. Es handle sich um Bilder von unbekleideten Jungen im Alter zwischen 9 und 13, eventuell auch 14 Jahren, hieß es von der ermittelnden Staatsanwaltschaft Hannover.

Wie zu erwarten, ließ man sich in der Runde bisweilen dazu hinreißen, über Edathy zu Gericht zu sitzen. Ein allseits beliebtes Freizeitvergnügen, wie nicht zuletzt der Fall Kachelmann zeigte. "Von jemanden, der Politik macht, möchte ich sowas nicht", urteilte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen. Obwohl das Material womöglich nicht strafrechtlich relevant sei, wolle er Edathy trotzdem nicht mehr in der SPD haben, stimmte auch Parteikollege Karl Lauterbach ein. Bosbach, Kubicki und Mascolo ließen sich hingegen nicht beirren. Es müsse auch hier die Unschuldsvermutung gelten. "Auch für Hans-Peter Friedrich", stellte Bosbach klar.

Kaum kam die Rede auf den am Freitag zurückgetreten Landwirtschaftsminister, gab es bei Lauterbach kein Halten mehr. Man könnte es fast schon Schwärmerei nennen, als er sagte: "Wir sind alle dankbar, dass er uns informiert hat." Friedrich sei ein ausgezeichneter Kollege, der "großen Schaden von uns abgewendet" habe. Schon verstanden, der Kuschelkurs der Großen Koalition soll weiter durchgezogen werden. Das Thema der Sendung "Der Fall Edathy und die Folgen – Regierung in der Krise?" beantwortete Lauterbach deshalb wenig überraschend so: "Es gibt keine Regierungskrise. Der Sturm wird sich legen." Eigentlich hätten sich die Beteiligten "alle gesetzeskonform verhalten". Aha. Auch Jauchs Nachhaken: "Wann hören wir zu diesem Thema etwas von der Kanzlerin?" verpuffte. Ungeklärt blieb unter anderem auch die Rolle und Zukunft von Thomas Oppermann. Um mehr zu erfahren, muss sich Jauch dann wohl alleine vor die Wahrsagekugel setzen.

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