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Sterben wir etwa bald aus?

Steht durch die Gleichstellung der Homo-Ehe gleich der Bestand der Gesellschaft auf dem Spiel? Die CDU-Politikerin Katharina Reiche scheint das zu glauben, war damit im Jauch-Talk aber alleine.

Von Sylvie-Sophie Schindler

  "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

Wer bitte hat denn auf die Repeat-Taste gedrückt? Und warum bloß? Besteht der Verdacht, dass das Zuschauer-Gehirn bereits so vernebelt ist, dass es gar nicht zur Kenntnis nimmt, dass ein und dasselbe Argument partout wiedergekäut wird? Katharina Reiche scheint das zu glauben. Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass die CDU-Politikerin als Kind zwar wusste, wie man bei Monopoly eine neue Straße kauft, doch heute völlig überfordert ist mit der Frage, wo man neue Argumente kauft. Und so spielte sie bei Günther Jauchs Talk-Thema "Kinder, Steuer, Ehe – gleiches Recht für Homosexuelle?" immer nur dieselben Karten aus: Die traditionelle Ehe und Familie bräuchten besonderen Schutz, das sei der Auftrag des Grundgesetzes, und um die Gesellschaft vor dem Aussterben zu bewahren, brauche es Mann und Frau, so sei es eben. Punkt. Aber ob das zum One-Hit-Wonder reicht?

"Die Dinge in der Gesellschaft haben sich verändert", gab der Polit-Moderator zu bedenken. Müsse sich da nicht eine Volkspartei wie die CDU zur Wirklichkeit bekennen und sagen, jawohl, so ist es? Weil das Repertoire eigener Sätze schnell erschöpft war, musste es ein abgegriffenes Zitat tun, das unter anderem Strauß-Wegbegleiter Wilfried Scharnagl schon runterbetete und der wiederum hat es von dem dänischen Philosophen Sören Kierkegaard. "Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, kann schnell Witwer werden", schleuderte Reiche in die Runde. Doch innerhalb ihrer Partei, und das ist bekannt, gibt es längst heftige Kontroversen über die vollständige rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Ehen mit heterosexuellen Ehen. Die CSU und konservative Christdemokraten lehnen das ab, immer mehr Unionspolitiker lenken jedoch ein. Kurz und gut: Es geht in der Union hoch her.

Angst vorm Verfassungsgericht

Zu viel Aufhebens im Grunde, wie Reiche befand, man solle seine Kraft lieber dazu verwenden, Familien zu stärken und auch Alleinerziehende anstatt, so sagte sie, "kleine Rechtsrandgebiete zu regeln." Die Gegenwehr von Thomas Welter kam prompt. "Ich mag mich nicht als Rechtsrandgebiet bezeichnen lassen", wehrte sich der Volkswirt, der in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit seinem Partner lebt und zwei Kinder adoptiert hat. Überhaupt, und das ließ er immer wieder durchblicken, fühlte sich Welter vom Reicheschen Mantra diskriminiert. "Ich verstehe nicht, warum wir keine Familie sein sollen", wandte er ein. Unverständnis bei der Familienpolitikerin: "Ich diskriminiere Sie nicht." Aber sie engagiere sich nun mal für das "Modell in der Gesellschaft, das den Fortbestand sichert" - und so weiter und so weiter.

Da mag sie noch so sehr fürchten, zur Witwe zu werden, aber am Zeitgeist schlittert sie völlig vorbei, die Katharina Reiche – auch Henning Scherf, Bremens ehemaliger Bürgermeister, gab ihr das deutlich zu verstehen. Mehr noch. "Sie schaffen es nicht, Verfassungswirklichkeit anzunehmen", kritisierte der SPD-Politiker. Man könne das auch verfassungswidrig nennen. Damit spielte er auf die jüngste Entscheidung des Bundesrats und die Urteile des Bundesverfassungsgerichts an. Und die stärken schwule und lesbische Paare in ihren Rechten. Konkret: Homosexuelle, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben, können Adoptivkinder ihres Partners beziehungsweise ihrer Partnerin ebenfalls adoptieren.

Im Sommer wird nun ein weiteres Urteil aus Karlsruhe erwartet. Dabei dreht es sich um die Frage, ob das Ehegatten-Splitting auch für Homo-Ehen eingeführt wird. Wenn ja und wenn auch die Volladoption für homosexuelle Paare erlaubt würde, stünde am Ende die vollständige Gleichstellung von eingetragener Lebenspartnerschaft und Ehe.

Auf zu neuen Wegen

Bei dieser Entwicklung würde der Journalist Reinhard Müller wohl am liebsten auf die Bremse treten. Man solle sich, so wandte er ein, nicht im Eiltempo von dem Thema Ehe und Familie verabschieden. Fragt sich, welches Eiltempo denn? Geht es wirklich zu schnell? Und was wären eigentlich die Konsequenzen? Stefan Kaufmann konnte nicht nachvollziehen, inwiefern der Fortbestand der Gesellschaft überhaupt bedroht sein solle. "Durch die Gleichstellung wird keine Hetero-Ehe weniger geschlossen und kein Kind weniger geboren", so der Bundestagsabgeordnete der CDU, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt.

Damit also die klare Botschaft an alle Paniker: So schnell wird unsere Gesellschaft schon nicht aussterben. Ob das nun eine gute Nachricht ist oder eine schlechte? Darüber hätte man vielleicht reden können, ob die Gesellschaft, in der wir leben, eine ist, die es wert ist, sie zu erhalten – oder ob es neue Modelle braucht. Ganz bestimmt aber hätte man in der TV-Debatte erwähnen müssen, dass es in Deutschland viele Kinder gibt, die zwar bei Frau und Mann aufwachsen, aber trotzdem vernachlässigt und misshandelt werden. Die traditionelle Familie, so sehr sie Reiche auch schützen will, bietet selbst nicht automatisch Schutz.

Sylvie-Sophie Schindler

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