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Raus aus dem Nebel, rein in die Herzen

Sieger mit eigenem Song? Jean-Michel Aweh hat das in einer Castingshow scheinbar Unmögliche geschafft. Nicht nur deshalb war das "Supertalent"-Finale der Konkurrenz von "Voice of Germany" überlegen.

Von Christoph Forsthoff

  Siegerpose: "Supertalent" Jean-Michel Aweh

Siegerpose: "Supertalent" Jean-Michel Aweh

Bei uns sind im Publikum so gute Leute wie bei den anderen als Finalisten!" Volltreffer für Dieter Bohlen, wo er Recht hat, hat der Gernegroß nun mal Recht: Die Sänger im "Supertalent"-Finale können es locker mit den vier Finalisten am Abend zuvor bei "The Voice of Germany" (TVoG) aufnehmen – und dass es hier bei RTL obendrein noch die wunderbare Geschichte von Christian Bakotessa gibt, der als Zuschauer in einer Sendepause entdeckt wurde und nun am Ende sogar auf Platz zwei landet, bietet natürlich bestes Futter für die rührenden Episoden zufälliger Talent-Entdeckungen. Doch selbst ohne diese Tränen-Story hat es Bohlen zum Abschluss dieser "Supertalent"-Staffel einmal mehr allen gezeigt, die ihn nach den Anfangserfolgen der Sat.1-Konkurrenz längst ausmustern wollten: Wie schon in den Halbfinals lässt der Vater aller Castingshows die weichgespülten TVoG-Kollegen bei den absoluten Zuschauerzahlen weit hinter sich.

Und das durchaus zu Recht – und zwar keinesfalls nur wegen des 20-jährigen Jean-Michel Aweh, der sich hier mit seinem eigenen (!) Song "Raus aus dem Nebel" den Sieg und die Prämie von 100.000 Euro holt. Nein, während sich am Abend zuvor spätestens nach der zweiten Gesangs-Runde Langeweile breit machte ob der sich in ihren künstlerischen Qualitäten nur wenig unterscheidenden Kandidaten, kommt hier nun zum Tragen, dass es um mehr als nur Musik geht – nämlich um Unterhaltung. Und so entwickelt sich im Laufe der 155 Minuten tatsächlich eine über weite Strecken unterhaltsame Show: Sei es nun der Papagei Jacko, der "Hänschen klein" auf die "Jingle Bells"-Melodie krächzt oder eine unglaublich ansteckende Lache imitiert, der kleinwüchsige Seifenblasenkünstler Hammou Bensalah oder der großartige Magier Dan Sperry, mit dem Juror Thomas Gottschalk am liebsten gleich auf Tournee gehen würde – wenn auch in Las Vegas und nicht in Deutschland.

Bohlen verteilt Lob

Zwischen diesen durchaus gelungen Show-Acts darf sich dann auch das ein oder andere Sangestalent versuchen – wohl dosiert und damit auch gut erträglich. Denn, das haben uns die Live-Sendungen der Sat.1-Konkurrenz gelehrt: Mögen die Coaches noch so sensibel und einfühlsam sein (spitze Zungen würden ihnen wohl eher eine gewisse verbale Beliebigkeit attestieren), sie sind in ihren allzu oft belanglosen Formulierungen einfach sterbenslangweilig. Und da sich unter den Sängern keine wirkliche Entdeckung findet, vermögen auf Dauer auch deren Cover-Songs kaum mehr zu unterhalten als gute Schulkonzerte – nur, dass hier eben für Kostüm, Deko und Technik ein professioneller Aufwand betrieben wird. Letzterer fehlt natürlich auch beim "Supertalent" nicht, und doch gibt es hier mit dem Sieger und Bakotessa tatsächlich zwei Musiker, die nicht nur begabt sind, sondern obendrein die gern bemühte eigene Note mitbringen. Aweh mit einem wirklich sehr ordentlich gemachten eigenen Pop-Titel, dem Bohlen denn auch prophezeit "Ich glaube, dir gehört die Zukunft"; sein Kontrahent mit einer Stimme, die ihm ein Riesen-Lob des Hit-Fabrikanten beschert – "einer der besten, wenn nicht der beste Sänger, den wir je hier hatten".

Überhaupt, der viel gescholtene Verbal-Terminator: Wer den Pop-Titan an diesem Finalabend erlebt, vermag kaum zu glauben, dass dieser sonst vernichtende Urteile fällt. Ein-, zweimal gerät seine Kritik schärfer im Ton, als Bohlen Deidra Jones nach ihrem Gloria Gaynor-Imitat "I will survive" (zu Recht) einen Karaoke-Auftritt wie auf einer "Betriebsfreier bei KiK" attestiert. Doch ansonsten beweist der 58-Jährige mit seinen Kommentaren vor allem fachliche Treffsicherheit ohne verbale Verletzungen – gut möglich, dass ihn da die positive Kritik für die Sat.1-Softies eines Besseren in seiner Ausdrucksweise belehrt hat. Gut möglich aber auch, dass die künstlerische Qualität im Finale verbale Amokläufe schlicht verbietet. Was seiner eigenen Glaubwürdigkeit im Übrigen nur gut tut – und unterhaltsamer als Rea Garvey oder Xavier Naidoo sind seine Kommentare dennoch allemal.

Weitere Staffeln müssten um Zuschauer kämpfen

Doch auch seine Jury-Kollegen können noch einmal ihre Trümpfe ausspielen: Michelle Hunziker, die mit ihrer Dauerfröhlichkeit und ihrem silbernen Paillettenkleid die nölende Nena am Abend zuvor locker in den Schatten stellt; und auch "Neuzugang" Thomas Gottschalk, der endlich einmal mehr als nur eine Ahnung seiner Entertainer-Qualitäten aufblitzen lässt und sich selbst nicht nur die "Tapferkeitsmedaille" für sein Mitwirken in dieser "Supertalent"-Staffel verleiht: "Schwer war das nicht bei Euch – bisher hatte ich in meinem Leben richtig gearbeitet…"

Dass es ihn dennoch kein weiteres Mal in diese Show verschlagen wird, scheint absehbar – ebenso wie weitere Casting-Folgen auf RTL und Sat.1 folgen werden. Ob die indes den Zuschauerrückgang stoppen können – im Finale schalteten bei TVoG fast 20 Prozent weniger 14- bis 49-Jährige ein als noch vor zehn Monaten beim Sieg Ivy Quainoos – scheint fraglich; Bohlen könnte da mit seinem Mix aus Entertainment und Casting auf einem besseren Weg sein. Auch wenn er ganz sicher nicht jedes Mal das Glück einer Talent-Entdeckung im Publikum haben wird.

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