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Es ist Borowski, der darf das

Es sind dicke Bretter, die der Kieler "Tatort" bohrt: ein schwuler Minister, ein toter Autor und neue Spuren im Fall Barschel. Nur mit Mühe schafft es der Krimi, den Zuschauer nicht zu frustrieren.

Von Niels Kruse

  Wer ist der Mörder? Und vor allem: von wem? Borowski und Brandt stehen nicht nur vor dem Rätsel Karl Martin von Treunau (M.)

Wer ist der Mörder? Und vor allem: von wem? Borowski und Brandt stehen nicht nur vor dem Rätsel Karl Martin von Treunau (M.)

Und das alles in 90 Minuten: zwei Städte, ein toter Autor, eine dubiose Talkshow-Moderatorin, ein frischgekürter Minister, der sich als schwul outen muss, neue und gefährliche Erkenntnisse im rätselhaften Fall Barschel und immer wieder wichtige Beweise, die aus den Polizeistuben verschwinden. Der neue "Tatort" aus Kiel nimmt sich viel vor, taumelt manchmal, kriegt aber trotz der enormen Erzählmasse am Schluss doch noch die Kurve. Vor allem dank des "Tatort"-erfahrenden Regisseurs Eoin Moore, der auch für den exzellenten "Polizeiruf 110" aus Rostock verantwortlich ist. Und dank des hitzköpfigen Stoikers Klaus Borowski (Axel Milberg).

Nachdem der Chefermittler seinen ollen Passat in der letzten Folge geschrottet hatte, fährt er nun mit einem knallroten Volvo zum Tatort. Im Fall von "Borowski und der stille Gast" ist es eine Yacht, auf der der bekannte Autor und Säufer Dirk Sauerland tot aufgefunden wird. Nach wenigen Minuten wird klar, dass Sauerland auf Männer steht und er ein Verhältnis zu dem gerade erst zum Minister ernannten Karl Martin von Treunau (Thomas Heinze) hat. Aus Angst um seine Karriere versucht der Biedermann, optisch eine Mischung aus Christian Wulff und Guido Westerwelle, sein Outing zu verhindern. Eine schöne, falsche Fährte, die Regisseur und Drehbuchschreiber Moore da legt.

"Tatort" knüpft an Verschwörunsgtheorien an

Denn eigentlich geht es überhaupt nicht um schwule Politiker, sondern um tote Politiker. Vor allem um tatsächlich existierende, genauer, um einen, der vor exakt 25 Jahren leblos in einem Genfer Hotel gefunden wurde: Uwe Barschel, damaliger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Sein Tod gibt bis heute Rätsel auf. Mord oder Selbstmord? Beides lässt sich weder beweisen noch ausschließen. Deswegen blühen seit Jahren die Verschwörungstheorien und hier knüpft der "Tatort" an: Denn Opfer und Journalist Sauerland soll an neue Informationen gekommen sein, darunter ein Video aus dem Hotelzimmer Barschels, die zu seinem Mörder führen könnten.

Der Kieler "Tatort" greift eine der beliebtesten Mutmaßungen auf, dass nämlich Uwe Barschels Tod im Zusammenhang mit der Waffenlobby steht und auch die Geheimdienste irgendwie darin verwickelt sind. Und wo Schlapphüte am Werke sind, passieren natürlich seltsame Dinge. So wird Borowskis Assistentin Sarah Brandt (diesmal etwas hölzern: Sibel Kekilli) im Genfer Hotel Beau Rivage von zwei Unbekannten das iPad aus der Hand gerissen, dann verschwindet der Beweisfilm aus ihrem Büro und zu guter Letzt werden alle Ermittlungsspuren von ihrem Amtsrechner gelöscht. Dass die Polizistin, die als Computerspezialisten in die Krimireihe eingeführt wurde, keine Sicherheitskopien gemacht hat, wirkt unglaubwürdig - aber: geschenkt.

Ohne Ergebnis zurück nach Kiel

Eigentlich hält der Kommissar nichts von den ganzen Konspirationen, hatte er damals schließlich selbst im Barschel-Fall mitermittelt. Doch als plötzlich ein geheimnisvoller Professor auftaucht und neue Beweise für einen Mord liefern will, leckt Borowski wieder Blut. Am Ende aber kehren er und Kollegin Brandt mit leeren Händen zurück nach Kiel und somit auch zum Ausgang der Handlung: zurück zum schwulen Minister und der Ex-Frau des Ermordeten, die als Star-Moderatorin Ulla Jahn (Marie-Lou Sellem) zwar Karriere gemacht hat, dabei aber nicht zu einem besseren Menschen wurde.

Es ist selten, dass in Deutschland echte Fälle in fiktiven Formaten weitergesponnen werden. Der Kieler "Tatort" hat es gewagt, das ist löblich. Auch wenn es in der Natur der Sache liegt, dass der Krimi keinen Beitrag zur Lösung des wahren Falls Barschel liefern konnte und wollte. Letztlich bleibt eine Menge Holz, die das Ermittlerteam in anderthalb Stunden hacken muss. Und den Machern gelingt oft nur mit Mühe, die Zuschauer nicht zu frustrieren. In einer Szene sagt der Chefermittler "Ich bin Kriminalist, ich darf das." Für die gesamte Folge gilt: Es ist Borowski, er darf das.

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