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Geheimvertrag für die Zauberschüler

Alles ganz geheimnisvoll - so möchte ProSieben die Show "The next Uri Geller" rüberbringen. So gar nicht zauberhaft sind die Vertragskonditionen, denen die Kandidaten zustimmen sollten. Nicht einmal auf den Gewinn von 100.000 Euro wollten sich die Produzenten anfangs festlegen.

Von Björn Erichsen

"Unglaubliche Phänomene" - so untertitelt ProSieben seine neue Zaubercasting-Show "The next Uri Geller". Nach einer durchwachsenen ersten Sendung, bei der die vorgeführten Tricks der Kandidaten im Anschluss allesamt schnell enträtselt waren, bleibt an dieser Show vor allem eines unglaublich: der Vertrag, den die mit der Produktion der Sendung beauftragte Firma Constantin Entertainment im Vorfeld an die Kandidaten verschickt hat. Denn dieser "Mitwirkenden-Vertrag", der stern.de vorliegt, ist gespickt mit Klauseln, die die Teilnehmer in weiten Teilen dem Gusto der Produzenten aussetzt.

Für einen professionellen Bühnenmagier, der sein Publikum mit der Illusion des scheinbar Unmöglichen faszinieren will, ist es verpönt, sich selbst als übersinnlich zu bezeichnen. So reagierten viele der Kandidaten mit Kopfschütteln, als ihnen nach erfolgreich absolviertem Auswahlverfahren in Köln ein Vertrag der Constantin Entertainment ins Haus flatterte, in dem die Bedingungen für ihre Teilnahme an der Show "The next Uri Geller" geregelt ist. Darin sollten die "Auserwählten" bescheinigen, dass sie "über ausgeprägte mentale und intuitive Fähigkeiten, wie etwa Gedankenlesen, Telekinese, Suggestion oder Autosuggestion" verfügen.

"Als ich den Vertrag bekam, dachte ich zunächst, ich traue meinen Augen nicht", sagt einer der Casting-Teilnehmer, der sich geweigert hat, den Kontrakt in dieser Form zu unterzeichnen, zu stern.de. "Ich kann doch nicht schriftlich bestätigen, Dinge mit meinen Gedanken bewegen zu können. Diese Fähigkeit habe ich nicht und auch keiner der anderen Kandidaten. Mir persönlich missfällt es sehr, dass die Produzenten der Sendung ständig so tun, als würde dort tatsächlich etwas Übersinnliches passieren."

Zauberkünstler verdienen weniger als "DSDS"-Kandidaten

Doch auch sonst hat es der Vertragsentwurf von Constantin Entertainment, die Formate wie "Frauentausch", "Richter Alexander Hold", "Comedyfalle" oder "Ein Job - deine Chance" produzieren, in sich: Ohne Zustimmung der Produzenten dürfen sich die Kandidaten danach weder öffentlich zur Show äußern, noch mit ihrer Teilnahme an der Sendung werben. Die Teilnehmer müssen Constantin Entertainment das Recht einräumen, "die Produktion auf exklusiver, sowie zeitlich, inhaltlich und örtlich unbeschränkter Basis auszuwerten." Sämtliche Verwertungsrechte liegen dabei selbstredend beim Produzenten. Die Anlage 1 des Vertrages, in der die Rechteeinräumung näher erläutert wird, umfasst satte 21 Punkte.

Das Ganze erinnert an die geharnischten Verträge, mit denen etwa die Teilnehmer bei "Deutschland sucht den Superstar" Jahr für Jahr gegängelt werden. Allerdings werden die Nachwuchssänger besser entlohnt - die Kölner Tageszeitung "Express" berichtete im Februar 2007 von 1.600 Euro Tagesgage - als die gestandenen Künstler bei "The next Uri Geller": Gerade einmal 1000 Euro erhalten die Kandidaten pro Auftritt inklusive Probetagen - im Vergleich zu den Summen, die ProSieben angesichts der hohen Einschaltquoten - bei der ersten Show waren es rund vier Millionen Zuschauer - mit der Sendung verdienen dürften, ein lächerlich geringer Betrag.

Gewinn entscheidet Produzent nach Gusto

Andere Sachverhalte dagegen sind extrem vage gehalten: die Regeln und das Preisgeld etwa. So soll sich "die Höhe des auszuzahlenden Gewinns... jederzeit ändern" können, genauso wie "die Bewertungs-, Ausscheidungs- und Gewinnregelungen". Heißt im Klartext: Constantin Entertainment wollte sich bei der Gestaltung der Show so gut wie jedes Hintertürchen offen halten.

"Jedem meiner Mandanten würde ich von der Unterzeichnung eines solchen Vertrages dringend abraten", sagt Rechtsanwalt Mark Schmidt, Mitglied des Fachanwaltsausschusses Urheber- und Medienrecht, nach Einsicht des Vertrages zu stern.de. "Die Teilnehmer setzen sich einem hohen Maß an Willkür der Produzenten aus. Das Regelwerk ist nebulös formuliert und lässt sich sehr weit interpretieren, der Gewinn könnte 100.000 Euro sein, aber genauso gut ein Restaurantgutschein. Wer diesen Vertrag unterschrieben hat, kann nur wenig dagegen tun. Zum einen müssen sie an vielen Stellen ihre Ansprüche ausdrücklich ausschließen, zum anderen dürfen sie sich nicht öffentlich äußern."

Bei der Produktionsfirma sieht man das ganz anders. "Die Verträge mit den mitwirkenden Mentalisten bei unserer Show 'The Next Uri Geller' entsprechen den branchenüblichen Konditionen und Grundlagen", sagt Otto Steiner, Geschäftsführer von Constantin Entertainment, zu stern.de. "Sie sind sehr detailliert auf die individuellen Wünsche der einzelnen Künstler abgestimmt worden."

Dies bestätigt man auch bei ProSieben, hält sich ansonsten aber eher bedeckt: "Zu Inhalten darf sich mit Rücksicht auf den einzelnen Vertragspartner weder die Produktionsfirma noch der Sender äußern", sagt Christoph Körfer, Pressesprecher der ProSiebenSat1 Media Group. Immerhin bestätigt Körfer die Höhe der Gewinnsumme: "Der Sieger gewinnt den Titel 'The next Uri Geller' und 100.000 Euro. In der ProSieben-Show werden die Teilnehmer auf diesem Weg begleitet." Was die Magie angeht, äußert sich der Unternehmenssprecher diplomatisch und beruft sich auf den Star der Sendung "Ich zitiere da mal Uri Geller: 'Es interessiert nicht, wie die Talente begeistern, sondern dass sie begeistern'."

"Übersinnlichkeits-Klausel" abgemildert

In der Tat konnten einige Teilnehmer durch ihren Widerstand gegen den ersten Vertragsentwurf einige Änderungen in der Ursprungsversion durchsetzen. Nach stern.de-Informationen konnten manche der Teilnehmer etwa eine Fixierung der Gewinnsumme auch vertraglich erreichen, andere setzten durch, mit ihrer Teilnahme Werbung betreiben zu dürfen.

Und auch die "Übersinnlichkeits-Klausel" wurde verändert - was allerdings zur Folge hat, dass der ohnehin schon dünne Anspruch der Show, irgendwie magisch zu wirken, vollends ad absurdum geführt wird. In einer modifizierten Variante eines "Mitwirkenden-Vertrages", die stern.de ebenfalls vorliegt, heißt es: "Der Vertragspartner ist Zauberkünstler, der mit Hilfe von Tricktechniken die Illusion von z.B. Gedankenlesen, Telekinese, Suggestion und/oder Autosuggestion oder anderer paranormaler Phänomene darstellen kann." So sind die unerklärlichen Phänomene bei "The next Uri Geller" ganz einfach zu erklären: Marktwirtschaft schlägt Magie. Um Längen.

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