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Staunen statt begreifen

In der TV-Show "The next Uri Geller" sucht der Altmeister im Löffelverbiegen seinen legitimen Nachfolger. Zur Auswahl standen dem "Para-Bohlen" unter anderem ein hellsehender Samurai, ein wundersames Pärchen mit Voodoo-Hintergund und ein düsterer Schweizer, der einen Raben geehelicht hat.

Von Björn Erichsen

Immerhin dauerte es bis kurz nach 22 Uhr, bis die Zaubercasting-Show "The next Uri Geller" zum ersten Mal so richtig geschmacklos wurde. Kandidat Vincent Raven, ein Schweizer, Anfang 40, mit Zottelhaar und Lederkluft, sprach da angeblich gerade mit den Toten - und zwar durch intensiven mentalen Kontakt mit dem Raben-Weibchen Korax, das nach seinen Angaben nicht nur Torwächter zum Jenseits sei, sondern ganz nebenbei auch noch seine Ehefrau.

Durch den nekromanten Plausch gelang es ihm, exakt jene verstorbenen Personen zu erraten, deren Namen die drei prominenten Gäste der Show - "Talk-Talk-Talk"-Blondine Sonya Kraus, "Next Topmodel"-Finalistin Anni Wendler und Schauspieler Jürgen Vogel - zuvor versteckt auf einen Zettel geschrieben hatten.

"Du fragst nach deinem Vater, stimmt das?", sagte Raven Wendler auf den Kopf zu, die davon derart angefasst war, dass sie zu weinen begann. Die Kamera nutzte diesen Moment selbstredend für eine Nahaufnahme.

Die schöne Anni hätte sich die Tränen sparen können. Zumindest, wenn sie kurz darüber nachgedacht hätte, warum die Kuverts mit den Zetteln darin für den kurzen Weg von der Promi-Couch zur Bühne unbedingt von Ravens Assistentin in einem verschlossenen Kästchen transportiert werden mussten, bevor der selbsternannte "Rabenvater" sie dort in einer kleinen Feuertonne entflammte. Doch wahrscheinlich kommt es nur zynischen Gemütern in den Sinn, dass auf der Bühne nur drei Kopien aus dem doppelten Boden der Kiste brannten, während sich die Assistentin flugs aus dem Kamerasichtfeld stahl, um die Originale zu lesen und Raven entsprechende Zeichen zu geben. Denn das würde ja bedeuten, dass der Magier und mit ihm ProSieben für einen ganz billigen Trick in aller Öffentlichkeit mit den Gefühlen einer jungen Frau spielte, die ihren Vater im zarten Alter von elf Jahren verloren hat. Und das mag sich doch nun wirklich niemand vorstellen, oder?

"Der größte Mystifier aller Zeiten"

Ravens Auftritt war jedenfalls die mit Abstand bizarrste Darbietung in einer ansonsten höhepunktarmen Show, in der Alt-Magier Uri Geller in den kommenden neun Wochen einen würdigen Nachfolger finden soll. Selbstredend bereitete ProSieben dem notorischen Besteckverbieger einen pompösen Empfang: Im Einspielfilmchen regnete es erst Löffel, dann ergossen sich Superlative über den "größten Mystifier aller Zeiten", "den meistgefeierten Mentalisten der Welt", "den König der Gedankenleser". Geller, schlicht im schwarzen Jackett und blauen Hemd unterwegs, bedankte sich artig und überließ es dann "taff"-Moderator Stefan-"Ich-bin-ja-eher-skeptisch"-Gödde, durch die Sendung zu führen. Der war sichtlich nervös ob der Live-Übertragung, bewies aber im Verlauf des 140-Minuten-Hokuspokus, dass er im Moderationskärtchenablesen talentierter ist als sein RTL-Pendant Marco Schreyl.

Das Procedere des "außergewöhnlichsten Wettbewerbs der Fernsehgeschichte" ist von anderen Casting-Formaten hinlänglich bekannt: Zehn Kandidaten – dem Vernehmen nach allesamt mit "besonderen Gaben" gesegnet – wetteifern mit ihren magischen Künsten um die Gunst des Publikums, das am Ende per Telefon über Weiterkommen oder Ausscheiden abstimmt. Als besonderes Privileg darf Juror Geller aber einen Kandidaten unabhängig vom Zuschauervoting in die nächste Runde winken.

"Versuchen Sie das auf keinen Fall zu Hause!"

Die fünf Kandidaten, die an diesem Abend antraten, mussten sich für ihre Darbietungen rund 30 Minuten Sendezeit teilen. Diese nutzten sie zu manchmal altbekannten, manchmal aber auch recht unterhaltsamen Zauberkunststücken. "Ich bewege mich an der Grenze des Todes" verkündete etwa Kandidat David Goldrake. Danach ließ er sich, Sonya Kraus zur Linken und eine Krankenschwester zur Rechten, an ein EKG-Gerät anschließen und sackte in sich zusammen. Scheinbar ohne Puls, der Pfeifton der Nulllinie erfüllte das Studio. Erst nach unendlichen 20 Sekunden erwachte er wieder mit einem lauten "Uuäärgh" – ein Geräusch, als würde besagter Rabe vor die Haustür kotzen. Und alle waren erleichtert.

Von jeder zweiten Betriebsweihnachtfeier hingegen kennt man die Nummer der beiden "Liebenden" Vivian Sommer und Olaf Kohrs, ein wundersames Pärchen mit Voodoo-Hintergrund: Sie verbindet sich die Augen, er streift durch das Publikum und lässt sie allerlei Gegenstände erraten. Ebenso altbekannt, aber dafür zumindest spannend, der Auftritt von Hayashi, dem "hellsehenden Samurai", der beim Einschlagen auf diverse Pappzylinder glücklicherweise genau jenem ausließ, unter dem ein langes Kampfmesser deponiert war. Pädagogisch wertvoll der blinkende Warnhinweis von ProSieben: "Versuchen Sie das auf keinen Fall zu Hause!"

Autorität und Glaubwürdigkeit

Neben Statements von Prominenten, Zuschauern und Experten kamen im Rahmenprogramm die drei (Ober-)Bürgermeister der Städte Köln, Grevenbroich und Neuss zu Wort. Die waren unmittelbar hinter der Promi-Couch platziert und fanden das meiste "Einfach nur erstaunlich." Man mag sich über diesen Besuch wundern (Gödde: "Ihre Volksvertreter"), zumindest bis man auf lawblog.de liest, dass die Staatsanwaltschaft Düsseldorf unlängst die Anfrage einer "Fernsehfirma im bayerischen Ismaning" abgelehnt habe. Für "The next Uri Geller" wollten die "jeweils drei Studiogäste aus besonders glaubwürdigen Berufsgruppen einladen, die Kraft ihres Amtes Autorität und Glaubwürdigkeit verkörpern." Und da kann die Alternative natürlich nur ein Politiker sein.

Geller indes gefiel sich sichtlich in seiner Rolle als Juror und thronte als eine Art Para-Bohlen auf einem lichtumfluteten Schalensessel. Jeden Kandidaten bedachte er mit einer kurzen Bewertung in Englisch, ein Dolmetscher übersetzte: "Hayashi, von dir geht eine Aura des Geheimnisvollen aus" oder "Raven, dich umgibt eine Aura des Geheimnisvollen" - so ging das in einer Tour. Kandidat Nicolai Friedrich, der zuvor Jürgen Vogel und Sonya Kraus telepathisch verbunden hatte, adelte er mit folgendem Hinweis: "An dir sehe ich, dass das Gehirn über eine Art fassbare Energie verfügt." Vermutlich aus Höflichkeit verschwieg er ihm, dass er eben jene Darbietung bereits in den Original-Sendungen von "The Successor" in Israel und den USA bestaunen durfte.

"Löffel nicht vergessen - und auf den Fernseher legen"

Natürlich bekam Geller ("Ich habe in den siebziger Jahren das interaktive Fernsehen erfunden") auch noch seinen großen Auftritt. Wie in alten Zeiten forderte er die Zuschauer auf, ihre alten Uhren und sonstigen defekten Hausrat in die Nähe des Fernsehers zu verfrachten. Per Gedankenkraft wollte er diese wieder in Gang setzen. "Ich kann ihnen zu 100 Prozent, also fast, garantieren, dass bei ihnen etwas passieren wird", sagte Gellers Dolmetscher-Stimme aus dem Off und mahnte vor der Werbepause noch mal eindringlich: "Löffel nicht vergessen - und auf den Fernseher legen."

Nun wissen die meisten Fernsehzuschauer im Jahre 2008 natürlich, dass insbesondere alte Uhren oft die Angewohnheit besitzen, allein durch den Einfluss der Körperwärme für kurze Zeit wieder zu laufen, wenn man sie in die Hand nimmt, mit ihnen herumspielt, oder, wie von Geller befohlen, noch einmal aufzieht. Nichts Neues also. Und doch gab es einen Lerneffekt: Geller brachte dem Publikum immerhin bei, wie man auf hebräisch 1-2-3 zählt. Anschließend brüllte er "Echad, shtaym, shalosh" zweimal derart laut ins Mikrofon, dass mit Sicherheit irgendwo im Lande ein Löffel vom Fernseher gefallen ist - allein durch die Lautsprechervibration.

Die "Freaks of Magic" wussten mehr

Damit die Zuschauer nicht vollständig das Gefühl hatten, in einer Flashback-Schleife in den Siebzigern gefangen zu sein, wurden sie immer wieder aufgefordert, ihre Erfahrungen per E-Mail einzuschicken, besser noch anzurufen oder für 50 Cent eine MMS mit dem Bild eines Geller-Wunders einzuschicken. Gelegentlich wurde dann in eine Telefonzentrale geschaltet, wo eine Dame mit bemerkenswert tiefem Ausschnitt vor Begeisterung überschäumte: "Ein DVD-Player, ein USB-Stick, Uhren alles funktioniert wieder - und die Drähte glühen weiter", brabbelte sie derart aufgeregt herunter, als sei soeben der gesamte Elektroschrott der Republik in Stephen-King-Manier zum Leben erwacht.

Viel mehr war nicht in der ersten Show, die in den nächsten Wochen einem Zauberlehrling auf die Karriereleiter helfen soll. Anni Wendlers Tränen waren längst wieder getrocknet, als Samurai Hayashi erfuhr, dass er aus der Sendung gewählt worden ist. Vivian Sommer kam dagegen mit Partner Olaf Kohrs per Geller-Wildcard weiter. Eine Information, die man im Zaubererforum "Freaks of Magic" erstaunlicherweise bereits am Dienstag um 19.35 Uhr, also gut eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Live-Show, verkündete. Wusste man dort mehr? Waren es hellseherische Fähigkeiten? Egal eigentlich bei einer Show, die den Untertitel "Unglaubliche Phänomene" trägt. Am besten man folgt einfach dem Slogan, den ProSieben schon vorab ausgegeben hat: Staunen statt begreifen!

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