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Senile Aussetzer im Samtjackett

Wetten, dass bei Thomas Gottschalk gar nichts mehr geht? Wie ein tütteliger Alter schwärmte der Moderator am Samstagabend von früher und ließ sich von Michelle Hunziker durch den Abend führen. Das wurde selbst einem Hollywoodstar zu bunt. Die Quote war ein Desaster.

Von Mark Stöhr

Schwer zu sagen, was der Mann noch mitbekommt. Früher einmal war er der größte deutsche Showmaster, smart und schnell, heute ist er ein Unterhaltungsrisiko. Fahrig und fad steuerte Thomas Gottschalk gestern Abend das einstige ZDF-Flaggschiff "Wetten, dass ..?". Ein überforderter Endfünfziger im blauen Samtjackett. Gelungene Gags: Fehlanzeige. Gelungene Gespräche: nicht vorgesehen. Sein großes Thema: das Altern. In den seligen Zeiten gab es noch richtige Diven und Derwische. Leute wie Sophia Loren und die Schminkfratzen von Kiss. Er hatte sie eingeladen. Die Loren, wie generalüberholt mit voller Lippe und glatter Stirn, und Kiss-Bassist Gene Simmons, dem die berühmte lange Zunge inzwischen bis zum Boden hängt. Es hat alles nichts genutzt. Die Gegenwart ist gnadenlos. Immer wieder bat Gottschalk seine Assistentin Michelle Hunziker um Hilfe: "Du musst mir erklären, worum es geht." Ja, worum eigentlich?

Wie ein dressierter Seehund

An der blonden Schweizerin lag es nicht, dass die 187. Ausgabe von "Wetten, dass ..?" so danebenging. Sie tat, was sie konnte: Ihr Kleid hatte einen neckischen Ausschnitt. Wie ein dressierter Seehund hoppelte sie neben Gottschalk her und schlug an, wenn er sich verzettelte. Auch die Ausstatter gaben ihr Bestes und verpassten den Wettkandidaten die gleichen dämlichen Brillen wie eh und je.

Selbst die Wetten hatten die erträgliche Balance zwischen originell und ohne Worte. Eine Zehnjährige mit Schuhgröße 42 nuckelte an Star-Wars-Figuren ("Wenn ich rappelig bin, nehme ich die in den Mund"). Ein Maschinenbaustudent ließ sich von einem Seil auf Luftballons plumpsen und trieb seinen Großeltern im Publikum das Wasser in die Augen. Geradezu rührend. Zwei Krankenhausangestellte schmissen Operationsbesteck runter und erkannten am Klang des Aufpralls, was es war ("Ein Schlitzhammer!"). Und sieben Stammtischbrüder manövrierten bei voller Fahrt zwei Bagger von einem Hänger zum anderen. Was man halt so macht in seiner Freizeit, wenn man ins Fernsehen will.

Nicht einmal den Gästen auf der Couch konnte man einen Vorwurf machen. Sie plapperten den größtmöglichen Unsinn in der wenigen Zeit, die ihnen zur Verfügung stand. Inka Bause, die Bauern-Verkupplerin von RTL, gab Einblicke in die Praktiken ihres Senders, die man so nicht erwartet hätte ("Wir versuchen, die Bauern vor der Presse zu schützen. Dann sind alle happy und glücklich"). Wladimir Klitschko führte Gottschalk in die Konventionen der ukrainischen Namensgebung ein ("Wie heißt dein Vater?" - "Hans" - "Dann würdest du bei uns Thomas Hansevitch Gottschalk heißen"), und Kevin Costner zeigte ihm die Allüren eines abgehalfterten Hollywoodstars.

Schon im Vorfeld hatte es Ärger mit dem Amerikaner gegeben, weil dem das geplante Bühnenbild für die Fernsehpremiere seiner Country-Band Modern West nicht gepasst hatte. Das ZDF wollte es mehr rustikal mit Holz und Hufeisen, Costner schlicht und ohne Cowboy-Applikationen. Der Besserung der Laune des Schauspielers, Regisseurs und jetzt auch noch Musikers war auch nicht zuträglich, dass Gottschalk ein Hohelied auf dessen Film "Waterworld" sang. Niemand wird jemals erfahren, was ihn dazu trieb. Der Film kann es jedenfalls nicht gewesen sein. "Waterworld" gilt als einer der größten Rohrkrepierer der Filmgeschichte. Die wenigen Zuschauer im Kino lachten an den dramatischen Stellen. Costner zog denn auch die Konsequenzen: Er verschwand nach seinem Auftritt aus der Show und wird so schnell nicht mehr im deutschen Fernsehen zu sehen sein.

Einzig Sophia Loren hatte ein Einsehen mit dem tütteligen Gastgeber. Als der mehr und mehr die Kontrolle über den aufgedrehten Jungschauspieler Matthias Schweighöfer verlor ("Du stiehlst mir die Schau!"), hatte die 75-Jährige einen formidablen senilen Aussetzer. Sie kramte plötzlich in ihrem rechten Ohr herum und wollte gar nicht mehr damit aufhören. Der Grund stellte sich erst Ewigkeiten später heraus: Loren hatte beim Auftritt von Kiss den Dolmetscher-Knopf gegen zwei Lärmschutzstöpsel eingetauscht. Das hatte sie danach ganz vergessen und wunderte sich, dass keiner mehr übersetzte. Sie konnte froh sein. Denn so verpasste sie Gottschalks kläglichsten Versuch eines Lachers: "Wenn sich zwei Italienerinnen treffen, sprechen sie über Pasta." Den Spruch hätte sich selbst Hans-Joachim Kulenkampff vor dreißig Jahren verkniffen. Es war ein Trauerspiel, ein fast pünktliches noch dazu. Nur gerade mal schlappe zwanzig Minuten hatte Gottschalk überzogen. Das war auch einmal anders. Der Mann ist echt alt geworden.

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