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Artiger Einstand ohne Gemütlichkeit

Markus Lanz hat sich bei seinem "Wetten, dass..?"-Debüt tapfer geschlagen. Nach drei Stunden durchgetakteter Konzept-Show bleibt jedoch das dumpfe Gefühl, dass alles zu gewollt und zu wirr war.

Von Martin Jäschke

  Schwarzer Anzug und Strahlelächeln: Markus Lanz begrüßt die Zuschauer zu seiner ersten Ausgabe von "Wetten, dass..?"

Schwarzer Anzug und Strahlelächeln: Markus Lanz begrüßt die Zuschauer zu seiner ersten Ausgabe von "Wetten, dass..?"

  • Martin Jäschke

Zuerst scheint es, als würde Markus Lanz seine Zuschauer heute einmal anders begrüßen: "Mein Name ist Markus Lanz. Ich bin der Neue", ruft er, als müsse er erklären, warum sein Name nicht im Titel der Show enthalten ist. Zum Glück hatte der Neue bereits eine Woche zuvor mitgeteilt, wie aufgeregt er sei und dass er nachts Albträume wegen der Sendung habe. So darf er auch ganz offiziell etwas angespannt wirken.

Und so darf er auch erst mal in bekannte Muster zurückfallen: "Einen schönen guten Abend Ihnen zuhause, freu mich sehr, dass Sie dabei sind!" - so begrüßt Markus Lanz seine Zuschauer sonst bei "Markus Lanz". Mit einem Raab'schen "Wir haben doch keine Zeit!" versucht er dann noch, den frenetischen Eröffnungsapplaus noch ein Stück in die Länge zu ziehen und zelebriert den Moment, auf den er so lange hingefiebert hat, mit einer gut vorbereiteten Wetten-dass-Einstiegs-Anekdote:

Die ersten Witze gehen in die Hose

"Neulich, schöne Szene in einem Kölner Parkhaus: Eine Frau steigt aus dem Auto, kommt wutentbrannt auf mich zu und sagt: 'Wetten, dass das hier ein Frauenparkplatz ist?' Und ich gucke sie an und sage: 'Entschuldigung - Wetten, dass ich das nicht gesehen habe?' Und sie sagt: 'Wetten, dass mir das scheißegal ist?'" Einige Zuschauer lachen.

Dann wettet Lanz noch, dass das eine oder andere an diesem Abend "ganz, ganz herrlich" in die Hose gehen werde. Ob er hiermit auch seine ersten Witze meint, lässt er offen. Dafür beteuert er, dass er das alles nicht gewollt habe und, ganz ehrlich, wenn es nach ihm ginge, Thomas Gottschalk "bis in die Rentenphase seines Lebens" hätte weitermachen können. Aber: "Jetzt stehe ich hier, und wir machen uns jetzt einen schönen Abend."

Das Problem: Alle sind die ganze Zeit da

Für einen richtig schönen Abend mangelt es im neuen Studio leider etwas an Gemütlichkeit. Alles wirkt eine Spur zu orange, eine Spur zu steril, eine Spur zu weltraummäßig. Gottschalks Promi-Fläz-Couch wich einer überdimensionierten, fahrbaren und ziemlich unbequem wirkenden Sitzinsel. Und noch bevor sich die Augen an das neue Studio gewöhnen können, wird es mit Prominenten und Wettkandidaten geflutet. Viele Gesichter, noch mehr Namen, alle nehmen auf irgendwelchen Sitzinseln Platz. Wer jetzt noch durchsteigt, dürfte als Aufnahmeleiter beim ZDF arbeiten.

Es ist eines der Probleme des überarbeiteten Show-Konzepts: Alle sind die ganze Zeit da. Wie Hühner auf einer Stange hocken Sylvie und Rafael van der Vaart, Hannelore Kraft, Wotan Wilke Möhring und Tote-Hosen-Campino neben Bülent Ceylan, Karl Lagerfeld und dem Opernsänger Rolando Villazón. Mittendrin: Der kleine Markus Lanz, der in der Sitzinsel-Kamera-Totale kaum auszumachen ist, der mal hier, mal da eine Frage hinwirft und seine Gäste artig ausgedehnt antworten lässt. Kurz vor seinem Auftritt twittert Rapper Cro vier große Buchstaben aus dem Backstage-Bereich: G Ä H N.

Cindy bezaubert als Assistentin

Gegen Zuschauermüdigkeit zaubert der Sender eine Lanz-Assistentin herbei: Cindy aus Marzahn gibt mit ihrer Schnodder-Schnauze und Glitzerkleidern die neue Hunziker - fünfmal breiter, aber auch fünfmal lustiger. Die anfängliche Skepsis beim Zuschauer weicht nur langsam der Erkenntnis, dass das ZDF diese Personalie tatsächlich ernst zu meinen scheint.

Und doch: Es ist zu öde, es ist zu artig, es ist zu formell. Wetten-dass-Nostalgiker vermissen den kumpelhaft-anzüglichen, den unverbindlichen Thomas Gottschalk, das Kommen, Gehen und Herzen an der Showtreppe - und damit die natürliche Dramaturgie der Show, wenn sich die Couch nach und nach mit Weltstars füllt und wieder leert.

Gottschalk hätte mehr Bussis platziert

Die - in dieser Hinsicht - rühmliche Ausnahme macht Jennifer Lopez: Sie verschwindet nach ihrem Auftritt noch einmal kurz in die Maske und trippelt nur 45 Minuten später aus dem Nichts auf die Sitzinsel zu. Während Bülent Ceylan weiter eher Belangloses von sich gibt, bleibt Lanz sitzen und ruft zu Cindy herüber: "Holst du sie ab?" Ein Gottschalk hätte zu diesem Zeitpunkt längst drei Bussis und einen beherzten Hüftgreifer platziert. Dann findet Lanz doch noch den Weg in die Senkrechte und zu Frau Lopez, versucht es sogar ein bisschen mit Anfassen, aber eben auch nur ein bisschen. Ja, mein Lieber, Herrschaften, der Vorgänger war da souveräner.

Lanz fragt Lopez nach ihrem Partner, einem ihrer Bühnentänzer: "Wird der noch bezahlt von Ihnen, oder muss der das so machen?" Da blitzt er wieder auf, der gute alte Wetten-dass-Herrenhumor. Mit dem Unterschied, dass Gottschalk seine weiblichen Gäste nicht zu siezen pflegte. Und dass zwischen Thommy und Jenny garantiert nicht Karl Lagerfeld gesessen hätte.

Lanz hat gekämpft

Wetten gibt es übrigens auch. Die stehen ja jetzt wieder mehr im Mittelpunkt der Show. Nicht so sehenswert ist die, wo der Mann mit dem Trecker irgendwas auf zwei Rädern machen will, weil sie schneller vergeigt ist, als man die Wette versteht. Sehenswerter, weil skurriler, ist die mit dem Jungen, der sämtliche Ansagen der Berliner S-Bahn auswendig kann, die mit der Frau, die Hunderassen durch Fellbüschel-Kneten erkennt und die mit dem Mann, der mit seinen Wackelohren einen Draht zieht und das Wort "Käse" morst. "Käse ist richtig! Sensationell!", findet Lanz, und: "Schöne Wetten! Solche Wetten brauchen wir."

Was bleibt nach der 200. Ausgabe von "Europas größter TV-Show"? Der unangenehme Eindruck, dass das ZDF mit Bülent Ceylan als Gast, Cindy aus Marzahn als Assistentin, einem deplatzierten Michael Kessler als Günther Jauch und einer missglückten "Schlag den Lanz"-Variante zu sehr sein wollte wie RTL und Pro Sieben. Der nicht ganz so unangenehme Eindruck, dass Markus Lanz sich nicht nur bei allem und jedem "sehr, sehr herzlich" bedankt, sondern sich auch sehr, sehr anstrengt und bestimmt bald ganz, ganz herrlich in die Sendung reinfinden wird. Und die beruhigende Erkenntnis, dass sich "Wetten, dass…?" immer noch so viel Öffentlich-Rechtlichkeit bewahrt hat, dass die 500 Nackten bei der Stadtwette gar nicht nackt sind. Egal. Hauptsache, Wette gewonnen. Und die Sendung mit den wohl größten Erwartungen seit Jahren irgendwie über die Bühne bekommen.

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