
Mit diesen Herrschaften legt man sich in der Zukunft besser nicht an: Versicherungs-"Agenten" forschen in "2057" genauestens nach, ob ein Patient auf seine Gesundheit achtet© ZDF
Dabei kommt die kritische Distanz zum Fortschritt oft zu kurz: Zwar beschreibt die Doku, wie anfällig die komplexen Steuerungssysteme der Zukunft sein werden, und dass große Versicherungsunternehmen all denen, die sich nicht an die gesundheitlichen Vorschriften halten, die Versorgung entziehen - aber an keiner Stelle wird die Frage gestellt, ob wir wirklich so leben wollen?
Die Möglichkeit, dass die Menschen darauf verzichten, sich trotz möglichen Sicherheitsvorteile rund um die Uhr beobachten und bewachen zu lassen, und die Gefahr, die ein Kontrollorgan ausüben könnte, das die Macht über all das besitzt, sind kein Thema - auch wenn in der dritten Folge immerhin auf mögliche politische Querelen der künftigen Supermächte eingegangen wird.
Wenn man darüber hinwegsieht, ist man nach Ansicht der Doku um einiges schlauer - vielleicht sogar hoffnungsvoller. Während in den Nachrichten Klimakatastrophe und Energiekollaps vorausgesagt werden, bietet "2057" kleine Ansatzpunkte, die Mut machen, einfach weil es Wissenschaftler zu geben scheint, die tatsächlich an der Lösung der Probleme arbeiten und sie nicht bloß wie Politiker in Grund und Boden diskutieren. Was freilich nicht bedeutet, sich zurück lehnen zu können und bloß abzuwarten.
Die große Schwäche von "2057" sind die aufgesetzt wirkenden Spielszenen, die als Verknüpfung der unterschiedlichen Erkenntnisse funktionieren sollen - und vermutlich dem Zuschauer signalisieren, dass er keine trockene Wissenschaftsdoku ansehen muss. Das geht in Ordnung, doch hätten die Autoren gut daran getan, sich nicht gleich kleine Dramen auszudenken: einen Arzt, der nach einem Unfall, von seiner ärgsten Konkurrentin operiert werden soll; einen greisen "Old School Hacker", der eine komplette Stadt lahm legt; ein Astronauten-Team, das im Streit zwischen China und den USA zwischen die Fronten gerät.
Das alles ist sehr pathetisch geworden, zu sehr übertrieben, um noch seriös zu wirken, und oft einfach überflüssig: Die Macher hätten ruhig darauf vertrauen können, dass das, was sie über die Zukunft erzählen wollen, spannend genug ist.
Macht nichts: "2057" ist in jedem Fall sehenswert, und dem ZDF nach "2030 - Aufstand der Alten" schon die zweite spannende Zukunftsprognose in diesem Jahr gelungen. Was sich davon bewahrheitet, wird sich so schnell nicht herausfinden lassen. Vielleicht lachen die Menschen in 50 Jahren auch über die hoffnungslos veraltete Prognose ihrer Vorfahren.
Oder sie sind enttäuscht. Wenn man überlegt, wie schwer sich heute schon viele damit tun, sämtliche Funktionen ihres Handys zu nutzen, und wie umständlich es sein kann, einen einfachen DSL-Anschluss zu beantragen, ist man sich jedenfalls nicht mehr ganz so sicher, ob das mit dem hochtechnisierten Fortschritt wirklich so einfach werden wird.
"2057 - Unser Leben in der Zukunft" ist heute, am Freitag, ab 13 Uhr vorab auf zdf.de zu sehen. Arte zeigt die drei Teile ab morgen jeweils samstags um 20.45 Uhr, das ZDF sonntags um 19.30 Uhr.