
Eigentlich müsste Jack Bauer langsam mal sterben...© 2007-2008 Twentieth Century Fox Film Corporation
Der 42-Jährige, der seit mehr als 20 Jahren vor der Kamera steht, wurde durch die Serie zum Superstar - ein schmaler, beinahe zierlicher Mann mit beginnenden Geheimratsecken und scheuem Lächeln, das Fassade sein kann oder echt, charmant ist es allemal. Seinen 41. Geburtstag im Dezember 2007 verbrachte er im Knast - wegen Alkohol am Steuer saß er für sieben Wochen ein. "24" war wegen des Streiks auf Eis gelegt, aber der Star wenigstens in den Schlagzeilen - es gibt keine schlechte PR.
"Jack trägt von Staffel zu Staffel eine größere Schuld mit sich herum", raunt Sutherland am Drehort in Chatsworth (ja, er hat auch im wahren Leben dieses raue Wispern, das einen - wenn man die Serie im Original anguckt - manchmal ganz wahnsinnig macht: Was hat er gesagt?! Warum flüstert der Mann schon wieder?!). Er trägt einen Wollpullover - Winter in Washington - und hat wie immer frisch geschnittene Haare. Alle fünf Tage wird während der Dreharbeiten geschnippelt, damit Jack Bauer sich über die Monate dauernden Dreharbeiten stets ähnlich sieht. Echtzeit, "Real Time", so nennt sich nicht nur die Produktionsfirma der "24"-Erfinder Bob Cochran und Joel Surnow ("Ich bin ein reaktionärer Spinner") - Echtzeit ist schließlich auch der Gimmick der Serie, das Besondere, das den Zuschauer so stresst wie den Helden.
An diesem Sonntagabend wird die Marke Jack Bauer erstmals auf gänzlich fremdem Terrain getestet. Nämlich nicht in Amerika. Und nicht in Serie. In einem zweistündigen Fernsehfilm - Titel: "Redemption", Erlösung - sehen wir Jack in Afrika, verwickelt in einen Putschversuch. Das in Kapstadt gedrehte Abenteuer läuft als Aufwärmer vor Ausstrahlung der neuen Staffel und ist laut Produzent Cassar so etwas wie eine Brücke zwischen Tag sechs und sieben: "Wir wollten den Fans zeigen: Hallo, uns gibt es noch!" Zuletzt nämlich sah man Jack Bauer, wie er auf einer Klippe in Malibu stand und düster ins Meer glotzte ("das existenzialistischste Ende aller Staffeln", schwärmt Schreiber Evan Katz), und man wusste nicht, ob er jetzt seine Waffe in den Pazifik wirft oder sich selbst.
Weder noch, wie man jetzt erfährt: Jack Bauer begab sich nach Afrika, in ein fiktives Land namens Sangala, wo ein ehemaliger Kollege - aus einem Impuls der Abbitte heraus vermutlich, der auch Jack nicht fremd sein dürfte - eine Knabenschule eröffnet hat. Dort findet der erschöpfte Held ein wenig Ruhe. Er unterrichtet die Buben, denkt über seine Taten nach und kommt zu dem Schluss, dass so übel alles nicht war.
Letzteres müssen wir annehmen, denn Jack Bauer bereist das Ausland nicht allein zwecks seelischer Tiefenreinigung, sondern um unangenehmen Fragen zu entgehen. Ein Senatsausschuss beschäftigt sich mit seinen diversen Menschenrechtsverletzungen - und fühlte er sich im Unrecht, würde der ehrbare Jack sich den Vorwürfen ja wohl stellen. "Er kann sein Verhalten nicht erklären", erklärt Sutherland das Verhalten von Jack Bauer. "Er ist nämlich eine durch und durch unpolitische Person. Die Show aber ist politisch." Soll heißen: Es weht ein frischer Wind. Folter ist jetzt igitt! Etwas, das allenfalls Dick Cheney noch gutheißen würde. Und: Eine Frau ist am Ruder. Und, "24"-Fans, jetzt ganz tapfer sein: CTU ist aufgelöst.
Die Anti-Terror-Einheit - berühmt für ihren "Bopp-bopp-Dü-dü"-Klingelton und ihren fliegenden Managementwechsel (wir kennen nicht weniger als 15 Direktoren) - wurde dem FBI einverleibt und nach Washington umgesiedelt. In der Handlung des am 12. Januar 2009 beginnenden siebten Tags wird Jack Bauer mit einer jungen FBI-Agentin zusammenarbeiten, die staunend seine routinierten Gesetzesbrüche - aus Zeitnot! Nur aus Zeitnot! - wahrnimmt. Die mürrische Computerfachfrau Chloe (gespielt von der Stand-up-Komödiantin Mary Lynn Rajskub) lässt in einem Anschmecker-Spot verkünden, sie sei jetzt hauptberuflich Hausfrau und Mutter, und damit seien die Zeiten für immer vorbei, da sie Jack Bauer aufs nimmermüde Handy die Baupläne des Pentagon oder Live-Bilder vom Wettersatelliten über Peking e-mailte. Chloe-Anhängern sei aber versichert, dass die Schauspielerin - obschon frisch entbunden von einem Sohn - im September auf dem Set gesichtet wurde. Chloe, das ist sicher, wird nicht nur Bäuerchen machen, sondern Bauer helfen, wie immer.
Auf welche Weise nun der Afrika-Urlauber zurück in die USA findet, davon handelt "Redemption": Ein rebellischer General (Tony Todd) plant den Staatsstreich in seinem politisch instabilen Heimatland. Finanziell unterstützt wird er dabei von einem amerikanischen Senator, der so eine Art Blackwater-Privatarmee betreibt. Der sinistre Politiker wird gespielt von Jon Voight, der im Sinistren immer besser und besser wird, was aber nicht damit zu tun haben kann, dass er der einzige berühmte Schauspieler Hollywoods ist, der sich für McCain stark machte. Weiteres Unglück ist schon angelegt: Die eben eingeschworene Präsidentin (Cherry Jones, eine angesehene Broadway-Schauspielerin) hat einen Sohn, der mit einem Mitarbeiter des Senators befreundet ist, welcher die dubiosen Machenschaften seines Chefs offenlegen möchte. In Afrika indes - gedreht wurde sieben Wochen lang in Kapstadt - stellt der Putsch-General eine Kinderarmee auf, die er - ta-dah! - an jener Schule rekrutieren möchte, die Jack Bauers Freund und Mentor (Robert Carlyle) errichtet hat. Jack, der Gelegenheitslehrer, packt die Schulbücher also wieder ein und die Knarre aus, unbarmherzig tickt die Uhr.

In Jack Bauers Welt lauert überall Gefahr© 2007-2008 Twentieth Century Fox Film Corporation
"Wir sind eine richtige Familie", sagt in der FBI-Studiohalle in Chatsworth der Schauspieler Carlos Bernard, der wegen Todesfalls (seines eigenen) eine Staffel lang aussetzen musste, aber in der siebten nun wieder mit dabei ist. Er spielt den ehemaligen CTU-Boss Tony Almeida, einen treuen Bauer-Freund, der sich zum Finsterling gewandelt hat. Mehr könne er nicht sagen, sagt Bernard grinsend, sonst müsse er alle Zuhörer erschießen. Kein Zweifel, die Dreharbeiten zu "24" sind Undercover-Aktionen, immer gewesen, und alle Beteiligten versichern schriftlich, darüber zu schweigen, wie es weitergeht. Wie es ausgeht. Wenn es denn einmal ausgeht.
"Kiefer und ich", sagt Jon Cassar, "haben oft überlegt, dass Jack Bauer eigentlich sterben muss. Das wäre realistisch. Aber dann haben wir über einen Kinofilm nachgedacht. Was könnte man nicht alles mit Jack Bauer machen! Jetzt sind wir jedenfalls nicht mehr so scharf darauf, ihn zu töten."
Jack Bauer als Kino-Franchise-Unternehmen wie James Bond und Jason Bourne - ein verstörter Killer, der keine Fragen stellt, der nur endgültige Antworten gibt. Gerade seit den Wahlen fragen sich Kritiker, ob "24", die Verkörperung der Paranoia aus der Bush-Ära, im Optimismus der Obama-Mania überhaupt überleben kann. Jack Bauer, der Ausputzer - ein Ewig-Gestriger? Die "24"-Macher sind unerschüttert. "Unsere Schreiber", sagt Jon Cassar, "können ziemlich gut in die Zukunft sehen." Staffel Nummer acht ist bereits in Planung. Auch Obamas Amerika wird fiese Tage erleben. Unbarmherzig tickt die Uhr.
"24" im deutschen Fernsehen Pay-TV Premiere zeigt am Sonntag, den 11. Januar, den "24"-Film "Redemption". Am Montag startet dann die neue Serie. Zuschauer ohne Premiere-Zugang müssen voraussichtlich bis Ende des Jahres warten, dann wird ProSieben Film und Serie ausstrahlen