
Andy Borg im "Musikantenstadl"© Badzic/BR/ORF
Es ist ja nicht so, dass sie nur Quatsch produzieren würden. Zwischen Haushaltstipps und Heimatabend verbirgt sich manches Schätzchen. Im WDR der Flaschenbierphilosoph "Dittsche" oder das investigative Magazin "Sport inside", im SWR ausgeruhte Gespräche mit den "Menschen der Woche", im BR sogar ein Jugendmagazin, "Südwild". Im Ersten "Hart aber fair". Die Bücherschau "Druckfrisch". Die gewitzte Familienserie "Türkisch für Anfänger". Dokumentationen wie jüngst über den Kindsmörder Magnus Gäfgen. Packend verfilmte Zeitgeschichte, preisgekrönt wie "Contergan", quotenstark wie "Mogadischu". Spannende "Tatorte", die sogar junge Zuschauer ansprechen.
Wenn die Verantwortlichen der ARD nur nicht so gefangen wären in ihrer eigenen politischen Korrektheit. Vor der Wahl des Bundespräsidenten sollen keine "Tatorte" mehr mit Peter Sodann wiederholt werden - es könnte ja ein Mitglied der Bundesversammlung positiv oder negativ beeinflusst werden. Wenn Frank Elstner für "Verstehen Sie Spaß?" in einer Fußgängerzone die Kamera versteckt, muss er peinlichst genau darauf achten, dass kein Kaufhof oder Karstadt im Bild auftaucht - könnte sich ja jemand beschweren wegen Schleichwerbung. Und als Oliver Pocher als Dalai Lama verkleidet durch Köln spazierte, anspielend auf den Deutschlandbesuch des obersten Tibeters - da schien das der Redaktion so heikel, dass dieses Filmchen nie gesendet werden durfte.
Warum sind sie in der ARD so verkrampft? Fürchten sie die Rundfunkräte, jene Aufsichtsgremien, in denen Politiker, Vertreter von Kirchen, Volkshochschulen und Umweltschutzgruppen über Anstand und Sitten wachen? Zittern sie vorm Programmbeirat, der zu so fachmännischen Urteilen kommt wie: Anne Will solle die Fakten schneller präsent haben und Frank Plasberg mehr Frauen einladen? Warum versteckt man einen herrlich anarchischen Komiker wie Kurt Krömer im Nachtprogramm? Warum gibt's Sarah Kuttner erst spätabends und Jörg Thadeusz nur im Dritten? Warum versendet man "Good Night And Good Luck" mit George Clooney montags zur Geisterstunde als deutsche Erstausstrahlung? Warum wurde seit Jahren keine amerikanische Serie eingekauft? Könnten "Dr. House" und "Grey's Anatomy" nicht im Ersten laufen?
Wäre das nicht toll: Junge Frauen treffen sich abends zum Prosecco-Trinken und ARD-Gucken? Thomas Schreiber, der Unterhaltungskoordinator der ARD, sagt dazu nur: "Wir können kein reines Zielgruppenfernsehen machen wie die Privatsender." Und sagt man, das tun Sie doch, für über 60-Jährige, dann verweist er auf die Bevölkerungspyramide. "Für uns ist wichtig: Womit erreichen wir die meisten Gebührenzahler? Und die meisten sind eben älter. Warum sollten wir uns im selben Markt tummeln wie RTL, Sat 1, Pro Sieben und Vox?" Immerhin strahle man für die jungen Zuschauer im kommenden Jahr die Echo-Verleihung aus, die bisher auf RTL lief.
Es geht ja gar nicht darum, den Alten ihren Spaß zu nehmen. Keiner, der jemals zu Besuch in einem Seniorenheim war und in die leuchtenden Augen blickte, wenn auf dem Bildschirm Florian Silbereisen zu zappeln begann, brächte das übers Herz. Mit seinem "Adventsfest der Volksmusik" erreichte er gerade stattliche 6,5 Millionen Zuschauer. Aber eines Tages werden Silbereisen und Kollegen ihre Zielgruppe ins Grab geschunkelt haben. Was dann? Niemand fordert, die ARD solle Menschen in einen Container pferchen, Prominente in den Dschungel schicken oder Schönheitsoperationen durchführen. Aber es gibt Formate im Privatfernsehen, die dem Ersten gut zu Gesicht stünden. Die ließ man grußlos an sich vorbeiziehen. Das Konzept von "Wer wird Millionär?" hatte der ARD vorgelegen - abgelehnt. Ebenso die Idee für einen Tanzwettbewerb, der bei RTL als "Let's Dance" ein Erfolg wurde. Sogar "TV total" war dem Ersten angeboten worden; keine Chance. Dabei müssen "öffentlich-rechtlich" und "verschnarcht" keine Synonyme sein. Die britische Bürosatire "The Office", die Pro Sieben zu "Stromberg" inspirierte, läuft in der öffentlich-rechtlichen BBC. Ebenso die Comedy "Little Britain", die hintersinnig mit Klischees über Schwule und Behinderte spielt - und bei uns im Nischenkanal Comedy Central strandete.
Früher war die ARD auch nicht von gestern. Es gab Zeiten, da setzte sie Maßstäbe. In den Siebzigern lief im Ersten Deutschlands erste Comedy "Klimbim"; in den Achtzigern die erste Musikvideo-Show "Formel Eins", lange bevor MTV deutschen Boden betreten hatte; in den Neunzigern die erste Late Night Show, "Schmidteinander". Die Dritten bauten Moderatorennachwuchs auf, Sandra Maischberger, Thomas Gottschalk, Günther Jauch.

"Das Traumhotel"© André Fichte/ARD Degeto
Ach, Jauch. Würde dem Ersten auch ganz gut stehen. Vor zwei Jahren wollte man ihn zurückkaufen, als Nachfolger von Sabine Christiansen. Der NDR-Intendant war am Verhandeln, als plötzlich der Rundfunkrat und die designierte Intendantin des WDR zu quengeln begannen, man wolle Jauch schon exklusiv. Der SR-Intendant ließ verlauten, ohne Jauch gehe die ARD-Welt auch nicht unter. Am Ende warf Jauch entnervt das Handtuch. Ganz aufgegeben hat man ihn nicht, auch wenn das offiziell keiner bestätigen möchte. Man flirtet sanft. Jauchs Firma produziert Shows fürs Erste, er kommt jetzt als Kandidat zu Frank Plasbergs Jahresendquiz. Wer weiß, vielleicht fühlt er sich ja wieder wohl im Ersten. Ach, und Hape Kerkeling. So einen hätten sie natürlich auch wieder gern, sagt natürlich keiner laut. Hier hat er ja mal angefangen, als Königin Beatrix verkleidet und Duschhauben verlosend. Immerhin darf die ARD sein Pilgerbuch verfilmen, "Ich bin dann mal weg". Zarte Annäherung.
Im kommenden Jahr werden die Fernsehgebühren erhöht. Wer weiß, wie lange die jungen Zuschauer das noch klaglos mitmachen werden: für Sender bezahlen, die man so gut wie nie einschaltet. Die GEZ, die für die Öffentlich-Rechtlichen das Geld eintreibt, hatte vor einigen Monaten eine Imagekampagne geschaltet. Man sah Teenager, sie trugen trendige T-Shirts, auf denen stand: "Natürlich zahl' ich." Und ihr begeistertes Lachen schien zu sagen: "ARD und ZDF sind soooo geil." Manchmal muss man sich als Fernsehmacher eben ein bisschen selbst belügen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 51/2008