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20. Dezember 2008, 08:00 Uhr

Hier werden Sie ins Grab geschunkelt!

ARD, Pocher, Zielgruppe, Zuschauer, Programmdirektor, Publikum

Andy Borg im "Musikantenstadl"© Badzic/BR/ORF

Es ist ja nicht so, dass sie nur Quatsch produzieren würden. Zwischen Haushaltstipps und Heimatabend verbirgt sich manches Schätzchen. Im WDR der Flaschenbierphilosoph "Dittsche" oder das investigative Magazin "Sport inside", im SWR ausgeruhte Gespräche mit den "Menschen der Woche", im BR sogar ein Jugendmagazin, "Südwild". Im Ersten "Hart aber fair". Die Bücherschau "Druckfrisch". Die gewitzte Familienserie "Türkisch für Anfänger". Dokumentationen wie jüngst über den Kindsmörder Magnus Gäfgen. Packend verfilmte Zeitgeschichte, preisgekrönt wie "Contergan", quotenstark wie "Mogadischu". Spannende "Tatorte", die sogar junge Zuschauer ansprechen.

Wenn die Verantwortlichen der ARD nur nicht so gefangen wären in ihrer eigenen politischen Korrektheit. Vor der Wahl des Bundespräsidenten sollen keine "Tatorte" mehr mit Peter Sodann wiederholt werden - es könnte ja ein Mitglied der Bundesversammlung positiv oder negativ beeinflusst werden. Wenn Frank Elstner für "Verstehen Sie Spaß?" in einer Fußgängerzone die Kamera versteckt, muss er peinlichst genau darauf achten, dass kein Kaufhof oder Karstadt im Bild auftaucht - könnte sich ja jemand beschweren wegen Schleichwerbung. Und als Oliver Pocher als Dalai Lama verkleidet durch Köln spazierte, anspielend auf den Deutschlandbesuch des obersten Tibeters - da schien das der Redaktion so heikel, dass dieses Filmchen nie gesendet werden durfte.

Der Konkurrenz ausweichen

Warum sind sie in der ARD so verkrampft? Fürchten sie die Rundfunkräte, jene Aufsichtsgremien, in denen Politiker, Vertreter von Kirchen, Volkshochschulen und Umweltschutzgruppen über Anstand und Sitten wachen? Zittern sie vorm Programmbeirat, der zu so fachmännischen Urteilen kommt wie: Anne Will solle die Fakten schneller präsent haben und Frank Plasberg mehr Frauen einladen? Warum versteckt man einen herrlich anarchischen Komiker wie Kurt Krömer im Nachtprogramm? Warum gibt's Sarah Kuttner erst spätabends und Jörg Thadeusz nur im Dritten? Warum versendet man "Good Night And Good Luck" mit George Clooney montags zur Geisterstunde als deutsche Erstausstrahlung? Warum wurde seit Jahren keine amerikanische Serie eingekauft? Könnten "Dr. House" und "Grey's Anatomy" nicht im Ersten laufen?

Wäre das nicht toll: Junge Frauen treffen sich abends zum Prosecco-Trinken und ARD-Gucken? Thomas Schreiber, der Unterhaltungskoordinator der ARD, sagt dazu nur: "Wir können kein reines Zielgruppenfernsehen machen wie die Privatsender." Und sagt man, das tun Sie doch, für über 60-Jährige, dann verweist er auf die Bevölkerungspyramide. "Für uns ist wichtig: Womit erreichen wir die meisten Gebührenzahler? Und die meisten sind eben älter. Warum sollten wir uns im selben Markt tummeln wie RTL, Sat 1, Pro Sieben und Vox?" Immerhin strahle man für die jungen Zuschauer im kommenden Jahr die Echo-Verleihung aus, die bisher auf RTL lief.

Vergebene Chancen

Es geht ja gar nicht darum, den Alten ihren Spaß zu nehmen. Keiner, der jemals zu Besuch in einem Seniorenheim war und in die leuchtenden Augen blickte, wenn auf dem Bildschirm Florian Silbereisen zu zappeln begann, brächte das übers Herz. Mit seinem "Adventsfest der Volksmusik" erreichte er gerade stattliche 6,5 Millionen Zuschauer. Aber eines Tages werden Silbereisen und Kollegen ihre Zielgruppe ins Grab geschunkelt haben. Was dann? Niemand fordert, die ARD solle Menschen in einen Container pferchen, Prominente in den Dschungel schicken oder Schönheitsoperationen durchführen. Aber es gibt Formate im Privatfernsehen, die dem Ersten gut zu Gesicht stünden. Die ließ man grußlos an sich vorbeiziehen. Das Konzept von "Wer wird Millionär?" hatte der ARD vorgelegen - abgelehnt. Ebenso die Idee für einen Tanzwettbewerb, der bei RTL als "Let's Dance" ein Erfolg wurde. Sogar "TV total" war dem Ersten angeboten worden; keine Chance. Dabei müssen "öffentlich-rechtlich" und "verschnarcht" keine Synonyme sein. Die britische Bürosatire "The Office", die Pro Sieben zu "Stromberg" inspirierte, läuft in der öffentlich-rechtlichen BBC. Ebenso die Comedy "Little Britain", die hintersinnig mit Klischees über Schwule und Behinderte spielt - und bei uns im Nischenkanal Comedy Central strandete.

Die gute alte Zeit

Früher war die ARD auch nicht von gestern. Es gab Zeiten, da setzte sie Maßstäbe. In den Siebzigern lief im Ersten Deutschlands erste Comedy "Klimbim"; in den Achtzigern die erste Musikvideo-Show "Formel Eins", lange bevor MTV deutschen Boden betreten hatte; in den Neunzigern die erste Late Night Show, "Schmidteinander". Die Dritten bauten Moderatorennachwuchs auf, Sandra Maischberger, Thomas Gottschalk, Günther Jauch.

ARD, Pocher, Zielgruppe, Zuschauer, Programmdirektor, Publikum

"Das Traumhotel"© André Fichte/ARD Degeto

Ach, Jauch. Würde dem Ersten auch ganz gut stehen. Vor zwei Jahren wollte man ihn zurückkaufen, als Nachfolger von Sabine Christiansen. Der NDR-Intendant war am Verhandeln, als plötzlich der Rundfunkrat und die designierte Intendantin des WDR zu quengeln begannen, man wolle Jauch schon exklusiv. Der SR-Intendant ließ verlauten, ohne Jauch gehe die ARD-Welt auch nicht unter. Am Ende warf Jauch entnervt das Handtuch. Ganz aufgegeben hat man ihn nicht, auch wenn das offiziell keiner bestätigen möchte. Man flirtet sanft. Jauchs Firma produziert Shows fürs Erste, er kommt jetzt als Kandidat zu Frank Plasbergs Jahresendquiz. Wer weiß, vielleicht fühlt er sich ja wieder wohl im Ersten. Ach, und Hape Kerkeling. So einen hätten sie natürlich auch wieder gern, sagt natürlich keiner laut. Hier hat er ja mal angefangen, als Königin Beatrix verkleidet und Duschhauben verlosend. Immerhin darf die ARD sein Pilgerbuch verfilmen, "Ich bin dann mal weg". Zarte Annäherung.

Im kommenden Jahr werden die Fernsehgebühren erhöht. Wer weiß, wie lange die jungen Zuschauer das noch klaglos mitmachen werden: für Sender bezahlen, die man so gut wie nie einschaltet. Die GEZ, die für die Öffentlich-Rechtlichen das Geld eintreibt, hatte vor einigen Monaten eine Imagekampagne geschaltet. Man sah Teenager, sie trugen trendige T-Shirts, auf denen stand: "Natürlich zahl' ich." Und ihr begeistertes Lachen schien zu sagen: "ARD und ZDF sind soooo geil." Manchmal muss man sich als Fernsehmacher eben ein bisschen selbst belügen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 51/2008

Von Alexander Kühn
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KOMMENTARE (10 von 52)
 
Clemens1964 (22.12.2008, 18:00 Uhr)
rotz
wenn ich diesen rotz auf den privatsendern sehe, bin ich ganz froh, dass die ör "rentnerkanäle" sind. wäre das gesamte programm so debil wie bei den privaten, wäre die glotze schon lange aus dem fenster geflogen...
aeternitas (22.12.2008, 15:53 Uhr)
Über Geschmack
lässt sich streiten aber Sendungen wie Grey's Anatomy und Dr. House sind bei bestem Willen nichts für den gehobeneren Geschmack! Diese Sendungen sind ok für die Privaten und sollen da auch bleiben! Sendungen mit viel Quote sind nicht automatisch gut. Oder wollen Sie Dieter Bohlen und Heidi Klum Formate als gut bezeichnen???
Wäre ich Programmdirektor von ARD würde erstmal kräftig ausgemistet werden und dann werden die Programmplätze neu vergeben. "Sturm der Liebe" würde vormittags laufen, weil dann die Hausfrauen beim Bügeln Unterhaltung haben. Außerdem ein paar "Frauenfilme" weil zu dieser Zeit überproportional viele Frauen TV gucken. Nachmittags würde ich alte Klassiker wiederholen (die Einschaltquote geht dann ohnehin runter), die relativ beliebten Vorabendsoaps mit "Verbotene Liebe", "Marienhof" und "Großstadtrevier"/"Berlin Berlin"/"Türkisch für Anfänger" lassen und DANACH etwas richtig cooles bringen, denn das ist der Punkt an dem die Jugend wegzappt. So etwas wie "Der Fall" nach wahren Begebenheiten, aufwendige Geschichtsdokus die VOR dem 3. Reich spielen, eine interessante Sendung die den Jugendlichen vielleicht die Politik nahe bringt. Jedenfalls sollten "normale" Leute schon vor der Tagesschau angelockt werden. Und dann sollten die richtig guten Sachen wie "Neues aus der Anstalt" im ZDF auf den 20.15 Uhr Sendeplatz gehoben werden. Die ARD könnte ja Motto-Tage machen: Montags nen guten Spielfilm, Dienstags einen Heimatfilm, Mittwoch einen Männerfilm (wenig Tiefgang, viel Action z.B. James Bond), Donnerstags einen Frauenfilm (wenig Action, viel Tiefgang), Freitags einen guten Krimi, Samstags einen Blockbuster und Sonntags den Tatort/Polizeiruf 110. Oder ein anderes gutes Magazin (gern auch politisch) vorziehen. Die öffentlich rechtlichen sollten erkennen, dass sie in Sachen Verblödungs-TV den privaten nicht das Wasser abgraben kennen und konsequent ihre Stärken ausspielen. Qualität muss dabei ganz groß geschrieben werden. Leute die freiwillig Sendungen anschauen, wo im Hintergrund Leute lachen, damit man weiß, wann der Witz kommt (den man dann zwar nicht versteht aber es trotzdem witzig findet) werden nie niveauvolles Fernsehen mögen. Aber man kann damit ein paar Abstinenzler zurücklocken und die, bei denen noch nicht alles verloren ist.
gormiti (22.12.2008, 14:53 Uhr)
@joschitura
hahah ja wenn Sie sich auch die Tageszeitung kaufen, ist doch dann ihr Problem. Verstehen Sie. Ich will dieses ZDf nicht sehen, muß es aber trotzdem zahlen. Will wirklich jemand Thomas Gottschalk sehen? Wozu?
Weil andere meinen wie wissenschaftlich sie sind...Ich warte mal auf den biedern Hr. Bublath, man schaue die Parodie bei switch und man weiß Bescheid.
Übrigens Ich schau nicht vie lTV aber ZDf ist auf der Fernbedienung bei mir "300"..zwischendrin ist nur dieses rauschen. Es ist die Angst meine Kinder könnten mal aus Versehen da hin zappen. Das will man ja nicht.
hharlekin (21.12.2008, 16:30 Uhr)
Ich war mal ARD-Fan
Politische Magazine um 1/3 gekürzt,
Polit-Talks (nicht nur Anne Will, auch vorher schon Christiansen) meist nervig-chaotisch, um abzuschrecken, inhaltlich (selbstverständlich) stramm wirtschaftslastig, CDU-(Regierungs-)orientiert, selbst der Scheibenwischer wirkt, als würden seine Texte in der INSM (Initiative neue soziale Marktwirtschaft), der Lobbyorganisation der Arbeitgeber, geschrieben (Hildebrandt hat sowas Peinliches, was aus seiner Sendung gemacht wurde, NICHT VERDIENT!!!),
die Krimi-Bücher werden immer schlechter, dazu widerliche Daily-Soaps usw...usf...
Es ist bezeichnend, daß das derzeit beste Politmagazin und die derzeit beste Kabarettsendung im "Rentner-Sender" ZDF laufen... ("Frontal21" und "Neues aus der Anstalt"), was daran liegen mag, daß man beim ZDF zumindest kleine Trippelschritte in Richtung Programm-Verbesserung zu gehen (aber auch da gibts genügend Schrott übelster Sorte).
Hoffnung machen mir dennoch gelegentlich die "Dritten". Vielleicht hat die ARD doch noch eine Chance, wenn die alte Riege abdankt?
Zum jetzigen Zustand der ARD kann ich nur mit einem Zitat des (viel zu früh verstorbenen) Kabarettisten Matthias Beltz sprechen:
"Fernsehen ist dazu da, um den Menschen auf den Tod vorzubereiten".
DanielMenges (21.12.2008, 16:10 Uhr)
@Maria1000
Dieses Gemeckere erklärt sich aus der Tatsache, dass junge Leute sehr viel Geld für ein TV-Programm zahlen müssen, dass für sie nichts bietet. Und dass die ARD-Oberen Interesse heucheln, Jüngeren etwas bieten zu wollen.
Maria1000 (21.12.2008, 15:38 Uhr)
Ich verstehe dieses Gemeckere nicht.
90 % des Fernsehprogramms auf allen Kanälen orientiert sich doch am Geschmack des jugendlichen bildungsfernen Prekariats und 20-40jährigen Aufsteiglern. WARUM ist es dann so schlimm, wenn auch für ÄLTERE oder gar Betagte, die vielleicht behindert/altersschwach/geuunfähig den ganzen Tag zuhause oder im Altenheim oder Pflegeheim liegen müssen(!) und nicht mehr viel unternehmen oder rausgehen koennen dann eben AUCH(!) in einigen Programmen regelmässig wa läuft?
Muss wirklich ALLES dem "verdeckten" Werbefernsehen für Jugendliche und Junge untergeordnet werden? Oder haben auch Leute, die NICHT meinen Geschmack teilen ein RECHT darauf, gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen vielleicht öfters auch alte Volksmusik und/oder uralte Filme, die sie vielleicht vor 60 Jahren mit ihren Eltern damals angesehen haben, zue rleben udn sich zu freuen?!
Nein, ich mag weder Volksmusik noch ähnliches, gucke selber fast nujr noch Nachrichten, Rockkonzertmitschnitte, Natur-/Gesellschafts-Dokus und Historische und sonstige Reportagen am liebsten, aber ich käme nie auf den Gedanken zu VERLANGEN, dass ALLE Sender und zu 90 % nur Programm nach MEINEM Geschmack senden müssten, wie einige es hier wohl verlangen! Mich stören die Sendungen für Senioren NICHT, die haben genauso ein Anrecht, etwas nach ihrem Geschmack im Fernsehen zu finden (wobei sicherlich aber auch nicht alle heutigen Senioren gerne Volkstümliches mögen...)
OttoB (21.12.2008, 14:31 Uhr)
Schade das die ÖR die Werbesender
kopieren will, mit solchem Mist wie Schmidt und Pocher.
Lustig finde ich das so viele Menschen meinen RTL usw. bekommen sie umsonst, das Geld kommt ja von der Werbung und das zahlen die Manager von ihren Gehältern?
Werbung gehört zur Preiskalkulation die Fernsehgebühren zahlt auch jeder ob er die Sender sieht oder nicht.
Zwar nicht an die GEZ sondern an der Kasse im Supermarkt, merkt ja keiner!
the_Nick (21.12.2008, 13:44 Uhr)
???
Was zum Teufel ist ARD??
DanielMenges (21.12.2008, 12:46 Uhr)
Die ARD will nicht jünger werden...
... das wird doch aus dem gut recherchierten Text und den Worten Herres' sehr gut deutlich. Sie muss so tun, als ob sie wollte, klar. Aber im Grunde sind sie mit den alten, leicht einzuschätzenden Zuschauergruppen sehr zufrieden. Das wird noch zehn Jahre gut gehen. Dann haben sie ein verdammt ernstes Problem... Es wäre schade um die Öffentlich-Rechtlichen.
Clibanarius (21.12.2008, 12:14 Uhr)
Nach einem Check...
...der Angebote von Save.tv dieses Freaks (er wird sich gleich angesprochen fühlen) bleiben nach Entfernung sämtlicher "Drecks ÖR" kaum noch brauchbare Sender um sich einen äähh..."wissenschaftlich dokumentarischen" "Film" reinzuziehen. Und dafür zahlt er zwischen 4,99 und 9,99 Euro p.M. Überaus schlau.*g*
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