
Die Dame wird gerade zugerichtet für ihren letzten Einsatz in "CSI: NY"© Hector Mata/AFP
Es scheint, als hätten die "CSI"-Macher den Zeitgeist nicht nur erkannt, sondern gleich auf ihre Metalltische geschnallt und bis in die letzte Ritze analysiert. Aus der Pilotsendung, die im Herbst des Jahres 2000 ohne große Werbung und mit noch geringeren Erwartungen ins amerikanische Abendprogramm gehievt wurde, wuchs innerhalb kurzer Zeit ein Pathologen-Imperium mit zwei Ablegerserien ("CSI: Miami" und "CSI: NY") heran, mit Büchern, Computer- und Videospielen. Die Multimillionen-Dollar-Marke - allein am Verkauf der Ausstrahlungsrechte verdient die Produktionsfirma 250 Millionen Dollar im Jahr - verhalf dem graubärtigen Sender CBS zu einem neuen, frischen Image, belebte Karrieren von abgehalfterten TV-Größen wie David Caruso und inspirierte Dutzende Kopien.
In den USA ist schon länger die Rede vom "CSI-Effekt", den die Reihe angeblich aufs wahre Leben hat: In Geschworenenprozessen forderten die - juristisch ungeschulten - Jurymitglieder immer häufiger glasklare Beweislagen, wie sie es Woche für Woche bei "CSI" sehen. Nun ist dies ein Idealzustand, den es selten vor Gericht gibt. Als kürzlich der Schauspieler Robert Blake des Mordes an seiner Frau verdächtigt und trotz vieler belastender Aussagen freigesprochen wurde, begründete die Jury ihre Entscheidung damit, dass eine fehlende Untersuchung erhebliche Zweifel an der Schuld des alten Mannes bestehen lasse. Der Staatsanwalt über die Geschworenen: "Unglaublich dämlich."
Eine Medienrechtsprofessorin aus North Carolina hat eine Studie veröffentlicht, laut der die Sendung den Bestrebungen der Staatsanwaltschaft hingegen eher förderlich ist: So nähmen immer mehr Juroren an, jeder vorgelegte Beweis sei das Ergebnis intensivster Untersuchungen; als setzte sich bei jedem Kiosküberfall ein Team weiß gewandeter Spezialisten in Gang, deren Credo "Dig deeper!" lautet, "Schau genauer hin!" Das jedenfalls ist der Spruch, den das Team vom "CSI: New York"-Chef immer zu hören bekommt. Er gilt für die gesamte "CSI"-Familie; allein, er gilt nicht immer fürs wahre Leben. Jedenfalls, erzählt kichernd der Ex-Cop und "CSI"-Drehbuchschreiber Richard Catalani, gebe es in amerikanischen Gerichtssälen mittlerweile eine sogenannte "CSI"-Belehrung: die Damen und Herren Geschworenen sollten doch bitte keine Wissenschaftswunder erwarten.
Ausgedacht hat sich diese hehre Truppe von Resteverwertern der studierte Philosoph Anthony E. Zuiker. Das beleibte und bebrillte Babyface aus Las Vegas, Einzelkind und von klein auf mit dem Erfinden von Spielen und Geschichten beschäftigt, erinnert sich noch genau, wie er vor mehr als sieben Jahren mit seiner hochschwangeren Frau auf dem Sofa saß und überlegte, ob er sich jetzt mit Jennifer ihre obskure Lieblingssendung im Fernsehen anschauen oder lieber eine Runde Basketball spielen gehen sollte. Zuiker blieb sitzen. Zum Glück. Die Sendung hieß "The New Detectives" und war eine Doku-Reihe über Gerichtsmediziner, die mit Hilfe von Blutstropfen und Haaren alte, ungelöste Kriminalfälle abschließen konnten.
Zuiker war alarmiert. Hatte etwa vor ihm noch keiner gemerkt, was für coole Typen das waren?! Die Medien interessierten sich immer nur für die Tat an sich, für die Zahl der Toten, für die Geschichte der Opfer, nicht aber für die mühselige forensische Arbeit, also das Spurenlesen und die Rekonstruktion der Ereignisse. Und in Polizeiserien stapfte der Held für gewöhnlich vom Tatort ins Büro, mampfte einen Bagel und bekam dann einen Anruf aus der Ballistikabteilung, dass die Kugel aus einem Polizeirevolver stamme oder so ähnlich. Wie diese Erkenntnis zustande kam, blieb im Dunkeln. Bis jetzt! Zuiker rief sofort bei der Polizei in Las Vegas an und fragte, ob er zu Recherchezwecken deren CSI-Einheit begleiten dürfe. Sechs Wochen lang schob er Nachtschicht und ließ sich von den Cops die saftigsten Fälle erzählen.
Der erste Sender, dem die beiden das Konzept unterbreiteten, lehnte ab. Dito der zweite. Die Serie klang teuer, der Erfinder war ein Nobody, sein Förderer ein Fernsehneuling. Zuiker war am Boden zerstört. Inzwischen hatte jedoch der Schauspieler William Petersen - Kinofans aus dem Thriller "Manhunter" bekannt - das Drehbuch gelesen und sich in die Rolle des "CSI"-Chefs verguckt; den wollte er spielen, nichts anderes. Der Chef des Fernsehsenders CBS indes, Les Moonves, war seit Jahren schon hinter William Petersen her; den wollte er haben für eine Fernsehserie, keinen anderen. So kam alles zusammen: Der Fernsehneuling durfte produzieren, der Nobody durfte schreiben, CBS teilte sich die Kosten - und später den Erfolg - mit der kanadischen Produktionsfirma Alliance Atlantis Communications.
Bei der ersten internen Vorführung für den CBS-Chef gab's Häppchen. Auf dem Bildschirm fährt William Petersen mit seinem "CSI"-Van vor, marschiert ins Badezimmer eines Hauses zur Leiche, setzt sich seine Brille auf und begutachtet in dem Moment, in dem Les Moonves sich gerade eine Gabel Krautsalat in den Mund schob, einen Haufen bleich wuselnder, fetter Maden. In Großaufnahme.

Als Polizist hatte Mike Scott mit fiesen Kerlen zu tun. Heute darf er "CSI"-Stars wie Emily Procter beim Dreh beraten. Bereitet bestimmt mehr Freude© Picasa 2.0
Ausgestrahlt wurde trotzdem, und "wir wussten gleich am nächsten Morgen, dass wir der Hit waren", sagt Zuiker heute, wo mit seiner kleinen Erfindung im Jahr rund zwei Milliarden Dollar um- gesetzt werden. "War ich überrascht? Nein. Ich war ja neu, ich wusste nicht, wie sich Flops anfühlen."
Er sagt, das Erfolgsgeheimnis von "CSI" sei der Stil, der "Look": die schnellen Rückblenden zum Beispiel, in denen gezeigt wird, wie das soeben gefundene Stück Porzellan zum Aufschlitzen einer Kehle benützt wurde (ja, in Großaufnahme). Die Mikro-Animationen, wo die Kamera ins Körperinnere dringt und Venen oder Nervenbahnen entlangsaust. Maden, offene Kehlen, offene Beine: Schön ist der "CSI"-Look nicht gerade. Keinesfalls die ideale Begleitung zum Abendessen. Mindestens einmal pro Folge kommt ein Igitt-Bild, ganz im Dienst der Wissenschaft natürlich. Vergangene Woche, erzählt Produzentin Donahue, wurde ein Opfer geköpft. "Das haben wir wieder rausgeschnitten, zu eklig." Gucken die Leute nicht wegen des Ekelfaktors? "Aber nein!", sagt Zuiker entrüstet. "Im Gegenteil. Sie verzeihen uns das Eklige, weil die Wahrheit eben nicht immer schön ist."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 47/2006