. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
26. November 2006, 09:53 Uhr

Den Mörder kennt nur die Leiche ...

Die Dame wird gerade zugerichtet für ihren letzten Einsatz in "CSI: NY"© Hector Mata/AFP

Es scheint, als hätten die "CSI"-Macher den Zeitgeist nicht nur erkannt, sondern gleich auf ihre Metalltische geschnallt und bis in die letzte Ritze analysiert. Aus der Pilotsendung, die im Herbst des Jahres 2000 ohne große Werbung und mit noch geringeren Erwartungen ins amerikanische Abendprogramm gehievt wurde, wuchs innerhalb kurzer Zeit ein Pathologen-Imperium mit zwei Ablegerserien ("CSI: Miami" und "CSI: NY") heran, mit Büchern, Computer- und Videospielen. Die Multimillionen-Dollar-Marke - allein am Verkauf der Ausstrahlungsrechte verdient die Produktionsfirma 250 Millionen Dollar im Jahr - verhalf dem graubärtigen Sender CBS zu einem neuen, frischen Image, belebte Karrieren von abgehalfterten TV-Größen wie David Caruso und inspirierte Dutzende Kopien.

"CSI" verhalf dem angestaubten Sender CBS zum besseren Image

In den USA ist schon länger die Rede vom "CSI-Effekt", den die Reihe angeblich aufs wahre Leben hat: In Geschworenenprozessen forderten die - juristisch ungeschulten - Jurymitglieder immer häufiger glasklare Beweislagen, wie sie es Woche für Woche bei "CSI" sehen. Nun ist dies ein Idealzustand, den es selten vor Gericht gibt. Als kürzlich der Schauspieler Robert Blake des Mordes an seiner Frau verdächtigt und trotz vieler belastender Aussagen freigesprochen wurde, begründete die Jury ihre Entscheidung damit, dass eine fehlende Untersuchung erhebliche Zweifel an der Schuld des alten Mannes bestehen lasse. Der Staatsanwalt über die Geschworenen: "Unglaublich dämlich."

"Dig deeper" - also genau hinschauen ist das Motto

Eine Medienrechtsprofessorin aus North Carolina hat eine Studie veröffentlicht, laut der die Sendung den Bestrebungen der Staatsanwaltschaft hingegen eher förderlich ist: So nähmen immer mehr Juroren an, jeder vorgelegte Beweis sei das Ergebnis intensivster Untersuchungen; als setzte sich bei jedem Kiosküberfall ein Team weiß gewandeter Spezialisten in Gang, deren Credo "Dig deeper!" lautet, "Schau genauer hin!" Das jedenfalls ist der Spruch, den das Team vom "CSI: New York"-Chef immer zu hören bekommt. Er gilt für die gesamte "CSI"-Familie; allein, er gilt nicht immer fürs wahre Leben. Jedenfalls, erzählt kichernd der Ex-Cop und "CSI"-Drehbuchschreiber Richard Catalani, gebe es in amerikanischen Gerichtssälen mittlerweile eine sogenannte "CSI"-Belehrung: die Damen und Herren Geschworenen sollten doch bitte keine Wissenschaftswunder erwarten.

Erfinder von "CSI" ließ sich von Doku inspirieren

Ausgedacht hat sich diese hehre Truppe von Resteverwertern der studierte Philosoph Anthony E. Zuiker. Das beleibte und bebrillte Babyface aus Las Vegas, Einzelkind und von klein auf mit dem Erfinden von Spielen und Geschichten beschäftigt, erinnert sich noch genau, wie er vor mehr als sieben Jahren mit seiner hochschwangeren Frau auf dem Sofa saß und überlegte, ob er sich jetzt mit Jennifer ihre obskure Lieblingssendung im Fernsehen anschauen oder lieber eine Runde Basketball spielen gehen sollte. Zuiker blieb sitzen. Zum Glück. Die Sendung hieß "The New Detectives" und war eine Doku-Reihe über Gerichtsmediziner, die mit Hilfe von Blutstropfen und Haaren alte, ungelöste Kriminalfälle abschließen konnten.

Zuiker schob für die Recherche Nachtschichten

Zuiker war alarmiert. Hatte etwa vor ihm noch keiner gemerkt, was für coole Typen das waren?! Die Medien interessierten sich immer nur für die Tat an sich, für die Zahl der Toten, für die Geschichte der Opfer, nicht aber für die mühselige forensische Arbeit, also das Spurenlesen und die Rekonstruktion der Ereignisse. Und in Polizeiserien stapfte der Held für gewöhnlich vom Tatort ins Büro, mampfte einen Bagel und bekam dann einen Anruf aus der Ballistikabteilung, dass die Kugel aus einem Polizeirevolver stamme oder so ähnlich. Wie diese Erkenntnis zustande kam, blieb im Dunkeln. Bis jetzt! Zuiker rief sofort bei der Polizei in Las Vegas an und fragte, ob er zu Recherchezwecken deren CSI-Einheit begleiten dürfe. Sechs Wochen lang schob er Nachtschicht und ließ sich von den Cops die saftigsten Fälle erzählen.

Hollywoodproduzent Bruckheimer entdeckte "CSI" für die Massen Die Erfahrung des heute 37-Jährigen mit dem Filmgeschäft beschränkte sich bis dahin auf das Erfinden von Monologen für seinen Freund, einen arbeitslosen Schauspieler, der Texte für Vorsprechtermine brauchte. Und ein Drehbuch hatte er verfasst, über einen Spieler - Zuikers Mutter war Croupier. Immerhin war Jerry Bruckheimer auf ihn aufmerksam geworden. Der auf Action spezialisierte Hollywoodproduzent ("Fluch der Karibik") drängte ins TV-Geschäft und suchte Stoffe. Ob Zuiker vielleicht eine Idee...? Hatte er. Bei ihrem ersten Treffen attackierte ihn Zuiker förmlich damit, er spielte "CSI" mit verteilten Rollen vor, warf mit Fachbegriffen aus der Gerichtsmedizin um sich und erklärte eine Filmtechnik, die er "snap zooms" nannte: Mit Hilfe von Computeranimation wollte er Details wie ins Fleisch dringende Pistolenkugeln oder brechende Knochen zeigen, wusch, zack, zoing; das war ganz in Bruckheimers Sinne.

Der TV-Neuling durfte produzieren, der Nobody schreiben, der Darling des TV-Chefs spielen

Der erste Sender, dem die beiden das Konzept unterbreiteten, lehnte ab. Dito der zweite. Die Serie klang teuer, der Erfinder war ein Nobody, sein Förderer ein Fernsehneuling. Zuiker war am Boden zerstört. Inzwischen hatte jedoch der Schauspieler William Petersen - Kinofans aus dem Thriller "Manhunter" bekannt - das Drehbuch gelesen und sich in die Rolle des "CSI"-Chefs verguckt; den wollte er spielen, nichts anderes. Der Chef des Fernsehsenders CBS indes, Les Moonves, war seit Jahren schon hinter William Petersen her; den wollte er haben für eine Fernsehserie, keinen anderen. So kam alles zusammen: Der Fernsehneuling durfte produzieren, der Nobody durfte schreiben, CBS teilte sich die Kosten - und später den Erfolg - mit der kanadischen Produktionsfirma Alliance Atlantis Communications.

Bei der ersten internen Vorführung für den CBS-Chef gab's Häppchen. Auf dem Bildschirm fährt William Petersen mit seinem "CSI"-Van vor, marschiert ins Badezimmer eines Hauses zur Leiche, setzt sich seine Brille auf und begutachtet in dem Moment, in dem Les Moonves sich gerade eine Gabel Krautsalat in den Mund schob, einen Haufen bleich wuselnder, fetter Maden. In Großaufnahme.

Als Polizist hatte Mike Scott mit fiesen Kerlen zu tun. Heute darf er "CSI"-Stars wie Emily Procter beim Dreh beraten. Bereitet bestimmt mehr Freude© Picasa 2.0

Ausgestrahlt wurde trotzdem, und "wir wussten gleich am nächsten Morgen, dass wir der Hit waren", sagt Zuiker heute, wo mit seiner kleinen Erfindung im Jahr rund zwei Milliarden Dollar um- gesetzt werden. "War ich überrascht? Nein. Ich war ja neu, ich wusste nicht, wie sich Flops anfühlen."

Erfolgsgeheimnis ist der Look, die Mikro-Animationen

Er sagt, das Erfolgsgeheimnis von "CSI" sei der Stil, der "Look": die schnellen Rückblenden zum Beispiel, in denen gezeigt wird, wie das soeben gefundene Stück Porzellan zum Aufschlitzen einer Kehle benützt wurde (ja, in Großaufnahme). Die Mikro-Animationen, wo die Kamera ins Körperinnere dringt und Venen oder Nervenbahnen entlangsaust. Maden, offene Kehlen, offene Beine: Schön ist der "CSI"-Look nicht gerade. Keinesfalls die ideale Begleitung zum Abendessen. Mindestens einmal pro Folge kommt ein Igitt-Bild, ganz im Dienst der Wissenschaft natürlich. Vergangene Woche, erzählt Produzentin Donahue, wurde ein Opfer geköpft. "Das haben wir wieder rausgeschnitten, zu eklig." Gucken die Leute nicht wegen des Ekelfaktors? "Aber nein!", sagt Zuiker entrüstet. "Im Gegenteil. Sie verzeihen uns das Eklige, weil die Wahrheit eben nicht immer schön ist."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 47/2006

 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
CSI Sexuell unterbeschäftigte Teamplayer

Spurensicherer waren früher gerade gut genug, um dem mürrischen Kommissar das Kaliber der Tatwaffe zuzurufen. Nun aber hat sich ein Haufen Statisten zu Helden entwickelt. "CSI" ist so erfolgreich, weil es unseren Arbeitsalltag mit dem Mythos vom allmächtigen Profi-Team ausschmückt. mehr...

CSI "Wer's glaubt, ist selig ..."

Wie realistisch sind die hoch erfolgreichen Ermittler der "CSI" - im Vergleich zum echten Kriminalistenleben? Der international renommierte Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke über sauertöpfische Spurenkundler, vernichtete Beweise und Polyesterhosen. mehr...

CSI Original und Fälschung

Nachgemacht wird gern, doch im Kopieren ausländischer Erfolgsserien waren die hiesigen Fernsehmacher nie wirklich gut. Vieles floppte - auch deshalb, weil es uns an Hollywoodpersonal mangelt. Nun versucht man sich an einem deutschen "CSI". Wie soll das gut gehen?. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft