In der Summe ergebe dies, so die Verantwortlichen, "a new level of entertainment". Letztlich basieren diese "Action-Shows" alle auf demselben Prinzip: eine krähende Domina-Moderatorin (wahlweise Sonya Kraus, Charlotte Engelhardt oder Johanna Klum) peitscht ein paar Kandidaten an, erzeugt möglichst viel künstlichen Druck und wir schauen zu, wie viel davon sie ertragen. Die bisher ausgestrahlten Folgen von "Solitary", "League of Balls" usw. kamen aus der Konserve und waren längst aufgezeichnet. Sie wirkten besonders unecht. Das neue Level des Entertainment war unterirdisch. Sehnlichst wird das Ende der Sommerpause für Brainpool und Stefan Raab erwartet, die dann wieder das ProSieben-Programm prägen werden, inklusive neuer Folgen von allerlei Live-Wettkämpfen von Stefan Raab und dem "Bundesvision Songcontest".
Schon daran, aber auch an Peter Zwegat und Kathrin Saalfranks RTL-Präsenz ist zu sehen, dass das Fernsehen nach wie vor vom Star-Prinzip lebt. So denken weder RTL noch Günther Jauch daran, das Unterhaltungs-Engagement zu drosseln, seit klar ist, dass dieser 2011 ins seriöse ARD-Talkfach wechselt. Im Gegenteil: "Wer wird Millionär" bleibt mit kleinerer Kandidatenrunde zu Beginn als permanentes Quotenärgernis für die ARD weiterhin bestehen; "Alt gegen jung - das Duell der Generationen" wird Jauch darüber hinaus moderieren und "5 gegen Jauch" mit Oliver Pocher als Gastgeber zusätzlich auch selbst produzieren. Hape Kerkeling, dessen Zukunft schon ausschließlich beim ZDF gemutmaßt wurde, beglückt RTL mit einer Weihnachtshow und einem "Uschi Blum Special". Trotz der üblichen Comedy-Stars von Mario Barth bis Cindy aus Marzahn, dem ewigen Dieter Bohlen mit wieder einmal ausgewechselter Jury bei "DSDS" wird es bei RTL etwas eng mit unterhaltsamen Hausgewächsen. Folglich darf Daniel Hartwich das BBC-Format "101 Ways to leave a Game Show" ausprobieren und Nazan Eckes irgendwie überall mitspielen.
Sat.1 dagegen hat das Problem, dass die eigenen Stars nicht zünden. Vor allem Johannes B. Kerner kommt nicht aus dem Quark und ist für eine breite Öffentlichkeit zunächst einmal verschwunden. Neben den täglichen Talk-Mühen soll er die Show "Deutschland gegen Holland" mit anderen Gegner-Ländern fortführen, eine weitere Primetime-Show und den Jahresrückblick moderieren. Oliver Pochers in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte "Late Show" wird auf 23.15 Uhr geschoben; dafür darf er nun zusätzlich mit "Lieber Onkel Olli" Kinderträume erfüllen, während Kai Pflaume familienkompatibel einen "Bastelkönig" suchen wird. Ob das wirklich zünden wird? Da ist ProSieben jedenfalls froh, dass Heidi Klum irgendwie weiter angebliche "Top-Models" sucht und eine "Popstars"-Jury unverwüstlich die nächste Mädchenband castet.
Vorsichtig wird alles etwas deutscher
Bei Film und Serien haben die Sender weitgehend ihre jeweilige Profilierung herausgebildet. Die "Simpsons", "Grey's Anatomy" und Mystery-Serien gehören zu ProSieben; "Monk", allerlei CSI, "Dr. House" und "Cobra 11" laufen auf RTL. Zu den Serien brauchen die Sender einzelne Highlights. Sat.1 benennt sie schon wie seit Jahren: "Die Wanderhure" mit Alexandra Neldel und "Die Frau des Schläfers" mit Yvonne Catterfeld lassen arge Klischees befürchten. Hinzu kommt die Verfilmung der 247 Tage Haft es Marco Weiss in der Türkei. Da setzt RTL bei eigenproduzierter Fiction schon auf größeres Volumen. "Hindenburg" wird ein Zweiteiler und angeblich die bisher teuerste RTL-Eigenproduktion überhaupt. Nur ein Großereignis der deutschen Nationalgeschichte scheint heute noch für eine aufwändige Eigenproduktion geeignet zu sein. Bei den Serien aber gibt es auch unter der Hand kleine Verschiebungen. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst der neuen Sat.1-Führung. Mit "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle" gab es tatsächlich Erfolge für charmante deutsche Serien. Für "Doctor's Diary" gilt dies analog für RTL. Da auch "Ladykracher", "Pastewka", "Schillerstraße" (alle Sat.1 ) und "Stromberg" (Pro Sieben) weitergeführt werden, darf man dies als sanfte Hinwendung zum Eigenen, zum deutschen Stoff deuten.
Fazit
Revolutionen bringt der deutsche Fernsehherbst auf keinen Fall, aber kleine Veränderungen: Vorsichtig sagen die Programmentwickler der Krise adieu, präsentieren die wenigen Stars noch häufiger, aber ahnen bereits, dass für Serien und Filme bevorsteht, was in allerlei "Help-", "Coaching-" oder "Reality-Formaten" schon fast ausgereizt zu sein scheint: die Hinwendung zum Alltag und zum eigenen Land.
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Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.