Die Show ist hohl. Nun kann ein junger Mann reich sein und eine junge Frau im Fernsehen reüssieren, ohne dass dies schrecklich sein muss. Beides traf auch auf das Vorgängerpaar zu, das für ProSieben schon einmal mit reichlich Kitsch und Pomp die Illusion einer romantischen Hochzeit pseudo-dokumentarisch vorexerziert hat. Die Sängerin Sarah Connor und ihr Gatte in spe, der ehemalige Boy-Band-Musiker Marc Terenzi aber hatten sichtbar Freude an der Inszenierung, setzen sich aktiv in Szene, spielten aus Gaudi ein riesigen Stück Fake-TV mit. Jetzt aber ist es anders. Es gibt keinen Fitzel, der uns augenzwinkernd andeutet, dass da außer der in Szene gesetzten Fassade noch eine andere Dimension ist. Gülcan und Sebastian nehmen alles 1:1 für bare Münze. Sie haben keine ironische Distanz zur Hohlheit der Show. So feiern sie mit dem jugendaffinen Sender ProSieben das Ideal von entfesselter Äußerlichkeit und unbeschwertem Konsum. Wie hier "Traumhochzeit" und "romantische Liebe" inszeniert werden, kann man nur mit erschüttertem Staunen registrieren.
Sprachlos im Wasserfall der Wörter. Zurzeit wird der Roman "On Chesil Beach" von Ian McEwan viel gelesen. Er spielt im Jahr 1962. Ein Paar scheitert, weil es keine Worte hat für die Sexualität. Das wird Gülcan und Sebastian gewiss nicht passieren. Besonders ihr liegt ja alles sofort auf der Zunge. Auch von ihrer Liebe plaudern beide permanent: Es wimmelt nur so von "Schatz" und aufgemalten Herzchen. Aber es gibt keinen Satz, der etwas zu tun hätte mit der Individualität des anderen. Keine Zeile, keine Geste ist originell. Alles ist Zitat, Klischee, Kitsch, unspezifisch. Beide haben keine Worte für den anderen. Das ist beklemmend.
In der Gesamtheit wirkt das Format deswegen nicht wie das übliche, aus den bunten Blättern gewohnte Staunen über die kuriosen Reichen und Schönen, sondern eher wie die Orgie einer Erziehungsdiktatur für den Mainstream. Traurig stimmt die Sprachlosigkeit mitten im Schwall der Worte.
Rührung, verkehrt. Natürlich spielt dabei auch das jugendliche Unvermögen eine Rolle. Alle Beteiligten mühen sich aufrichtig um Anteilnahme und Rührung, besonders die fürsorgliche und stolze ältere Schwester Gülcans. Sie kann oder mag es ihr nicht direkt sagen.
Weil die Kameras schon mal da sind und weil in Gülcans Leben alles Wichtige ohnehin das Mediale ist, nimmt die ältere Schwester als Geschenk für Gülcan ein Video auf. Darin sitzt sie an einem Ufer und erzählt: von der gemeinsamen Kindheit, davon, wie stolz sie auf die kleine Schwester ist, wie sehr sie ihr alles Gute wünscht, dass sie immer für Gülcan da sein wird. Nebeneinander auf dem Sofa sitzend schauen die Schwestern gemeinsam die Video-Botschaft an. Die Reaktion ist seltsam absurd. Nicht Gülcan, die Gemeinte, ist gerührt, sondern vor Rührung in Tränen aufgelöst ist die Schwester, die sich dabei abfilmen lässt, wie sie sich selbst beim Sprechen zuschaut. Eine verquere Inszenierung zeigt kuriose Resultate.
Liebe im Fernsehen. Ob in ernst gemeinten Formen oder in pseudo-dokumentarischem Entertainment - es ist fast ein Trost, wie sehr sich die Liebe gegen das Fernsehen sperrt. Sie ist nicht zu erhaschen, sie bleibt unsichtbar - erst recht wenn sie verschüttet wird unter Bergen von Kitsch, Geld und Gebrabbel. Man kann sie in diesem Medium ergreifend und wahrhaftig wohl nur fiktional haben. Für Braut und Bräutigam, die Rollenspieler, erst recht aber für Gülcan Karahanci und Sebastian Kamps, die Individuen, ist zu hoffen, dass sie "in echt" ganz anders sind als im Fernsehen, wo sie uns - trotz ihrer Jugend - leider nur entgegentreten als "Role Model" für die endgültige Paarung von Medienmonster und Geldsack.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei VOX ("Sports-TV"), bei SAT.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.