Auch die gerade gestarteten Castingshows "Popstars" (Pro Sieben) und "X Factor" (RTL/Vox) zeigen das. In diesem Genre gibt es zwei Pole: das klassische "Deutschland sucht den Superstar" mit Dieter Bohlen ist die routiniert gehandhabte Inszenierungsbühne für Selbstdarsteller aus vorwiegend nicht-akademischem Milieu, die allerlei Demütigungen erdulden. Stefan Raab hat mit "Unser Star für Oslo" demonstrativ den Gegenpol geschaffen: die Castingshow als sachorientierte Flötenstunde der gymnasialen Oberstufe. Hier ging es puristisch um Talent und Musik, die Kandidaten wurden von Anfang an als "Künstler" bezeichnet und mit Respekt behandelt. Die Juroren gaben sich als sanfte Behüter, nie provozierende Vertreter der harten Realität "da draußen".
Die neuen Castingshows versuchen nun keineswegs, Dieter Bohlen noch einmal zu radikalisieren. Im Gegenteil: Sie suchen einen Platz zwischen Bohlen und Raab. So zynisch wie Dieter Bohlen mag niemand mehr sein. "X Factor" ist aber genauso konfektioniert wie "DSDS". Die optischen und akustischen Effekte, die Vorstellung der Kandidaten, bei denen vom angehenden Sportlehrer bis zum Ex-Knasti alle sozialen Milieus vertreten sind, die wägende Jury - das alles ist wie ehedem. Aber die Kandidaten sollen nicht offenkundig nur Show-Material sein. Zumindest soll die Auswahl nicht sofort den Anschein haben, es ginge nur darum, die zehn Adjektive aufzufüllen, die sich eine Redaktion vorher ausgedacht hat.
Im Zentrum stehen die Juroren. "Star-Trompeter" Till Brönner soll Seriosität ausstrahlen, Produzent George Glueck internationales Flair. Beide präsentieren sich als letztlich "gütige Diktatoren". Auch sind da Hobbysänger, denen man Freude und Talent durchaus abnimmt. Aber vor allem wird gejault, gebettelt, gejubelt und geflennt wie überall im Casting-Gewerbe. Und Chef-Jurorin Sarah Connor, auf die alle Effekte zugeschnitten sind, grimassiert dazu eifrig. So soll "Emotionalität" dargestellt werden. Verändert hat sich nicht die Substanz, aber die Attitude - hier hin zum Förder-Unterricht.
Deutlicher auf Resozialisierung angelegt ist "Popstars", wo der unvermeidbare Detlev D! Soost, der früher gerne den Bootcamp-Sadisten gab, der kleine Mädchen mit diebischer Freude gegeneinander aufhetzte und durch schwere Choreographien quälte, sich verwandelte. Er ist nun der zwar noch harte, aber letztlich zugewandte Streetworker. Nur um sie da unten herauszuholen, um ihre eigene Anstrengung zu unterstützen, muss er gelegentlich streng sein. "Popstars" sucht wieder eine "Mädchenband". Warum? Weil man nur das Beste will und hier die Aussicht auf Erfolg am größten ist. Die Sender zeigen sich als gute Onkel der gefallenen Kinder.
Wie gesagt: Das alles ist mehr Attitude als Substanz, kaum wirkliche Veränderung der Show und des Geschäfts. Aber immerhin: Der Zug fährt nicht nur in die eine Richtung. Es wird nicht alles nur immer blöder und immer extremer. Dies ist im Fernsehen zwar ein ständiger Versuch und eine ständige Versuchung - aber über die Grenzen des Mach- und Zumutbaren wird zwischen Senderverantwortlichen und Publikum immer wieder neu verhandelt.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.