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9. Juli 2010, 10:20 Uhr

Der Fußball-Häuptling geht ganz leise

Aber Gerhard Delling, ein solider Sportreporter, der als Solist immer wieder als überanstrengter Metaphern-Rastelli auffällt, hält ihn wach, stachelt ihn an, fordert ihn heraus. Zwei Spröde reiben sich aneinander - und, oh Wunder! - da schlägt es Funken. "Warum verstehen Sie das nicht?", klagt dann Netzer oder lobt eine "wirklich sehr kluge Frage". "Ach, Sie übertreiben", mault er oder spricht von den Linienrichtern als "diesen bedauernswerten Kreaturen" oder von Bastian Schweinsteiger, der "seine persönliche Niederlage am Boden auslebt". Er hadert mit der "unsinnigen Regelung des passiven Abseits" und betont immer wieder, dass er etwas "nie für möglich gehalten hätte".

Mancher Streit wirkt bewusst übertrieben, aber leicht rekonstruierbar ist, woraus diese Dialoge ursprünglich ihren Esprit bezogen: Ständig forderte Netzer von den Spielern, wofür er selber im öffentlichen Bewusstsein eben nicht stand - Disziplin und Laufbereitschaft, Einsatz und Zweikampfhärte, gelegentlich sogar nationale Opferbereitschaft. Da ließ sich gut frotzeln. Dankbar ließ Gerhard Delling kaum eine Gelegenheit dazu verstreichen und wuchs so gemeinsam mit Netzer. Aus dem flotten Duett wurde ein eingespieltes Paar, in letzter Zeit häufiger auch ein routiniertes Ritual. Insofern ist es tatsächlich "time to say good-bye".

Die Erinnerung bleibt, jetzt weckt der Abschied mehr Wehmut als Erleichterung. Schon vor Netzer gab es viele Versuche mit Experten und Co-Kommentatoren, etwa mit Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge - aber erst Günter Netzer schuf den Prototyp des Fußball-TV-Experten als unaufgeregten, ruhigen Sprecher. Das ist sein Verdienst. Damit begründete er eine Ära.

Neue Zeiten, neue Typen: Mehmet statt Günter

Im Grunde waren es das ZDF und Jürgen Klopp, die eine Zeitenwende einläuteten. "Kloppo" war ganz anders. Für ihn war Fußball "geil" und Party. Dennoch bewahrte er im Rausch der Emotionen seinen analytischen Verstand und erklärte Fußball. Sein Metier ist weniger, aus dem Gesehenen das Konzentrat des Wesentlichen zu ziehen (wie Netzer es tut) als das Nicht-Gesehene zu visualisieren. Und es ist ein neuer Experte da, der dies fast noch besser kann, dem wir plötzlich sogar überraschende Einsichten verdanken, der uns erklärt, dass Flanken reine Übungssache sind und gelegentlich unbedingt mit dem Vollspann ausgeführt werden sollten - Mehmet Scholl. Schon nach dieser Weltmeisterschaft ist klar, dass er ein ganz anderer Typ, aber unbedingt ein würdiger Nachfolger des großen Günter Netzer sein wird. Jetzt muss sich nur noch die "Paarbildung" mit Reinhold Beckmann so glücklich fügen wie das Duo Delling/Netzer zu seinen besten Zeiten.

Günter Netzer hat in einem Interview gesagt, eben weil er vor der Kamera genau so sei wie auch sonst im Leben, sei es ihm überhaupt nicht aufgefallen, dass er über lange Zeit hinweg nie gelacht habe. Jetzt kann er dies herzhaft, ausführlich und unbeobachtet tun. Aber in Südafrika war es ihm endlich auch vor der Kamera vergönnt: Über diese eigenartigen Vuvuzelas konnte Günter Netzer sich vor Lachen ausschütten.

Eine Hommage von Bernd Gäbler
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KOMMENTARE (10 von 26)
 
LaoLu (10.07.2010, 01:59 Uhr)
Ich wollte eigentlich auch noch was Nettes schreiben, Rapunzelchen,
aber das lasse ich jetzt mal, Sie haben alles gesagt.
appaz (09.07.2010, 21:25 Uhr)
@hosianna"runner"
In einem Punkt gebe ich Ihnen recht:
30 Minuten sog. Vorberichterstattung sollten auch reichen!

Nur: Auch Insider können irren!
Und: Es ist doch in Ordnung, dass sie Irrtümer (anders als z. B. in Politik und Wirtschaft) zugeben, oder!?
hosiannarunner (09.07.2010, 20:58 Uhr)
Netzer, Beckenbauer, Kahn, Scholl usw ...
Für meinen Geschmack ist es äußerst fragwürdig, ob ich vor einem Fußballspiel ein mindestens 60-minütiges Vorgelaber mit irgendwelchen Experten haben muss, die mir dann in der Halbzeit erzählen, warum alles, was sie vor dem Spiel gesagt haben, Mist war und nach Ende des Spiels noch mal erklären, warum die zweite Halbzeit ganz anders verlief, als in der Halbzeitanalyse erwähnt. Nee danke, da mach ich Fußball einfach fünf Minuten vor Spielbeginn an und denn ist gut.
Dass nach einem 4:0 vieles toll gelaufen ist und nach einem 0:3 vieles weniger toll, kann ich dann auch noch alleine herausfinden.
appaz (09.07.2010, 20:47 Uhr)
Outing der eher simpel Gestrickten
Sicher, aus Günter Netzer wäre niemals ein zweiter Walter Jens geworden und Gerhard Dellings "Humor" kommt steifer daher als der stärkste Grog.
Nur: Was die beiden fachlich und dennoch unterhaltsam hinbekommen, übertrifft z. B. die "Leistungen" des ZDF-Duos Müller-Thurgau / Oliver Kahn um Längen. (Dass dies so ist, liegt im Übrigen nicht an Herrn Kahn!)
PC-Gamer (09.07.2010, 18:20 Uhr)
@SpringbokCT
Die Frage ist ob es mich interessiert ob derjenige der fussballtechnische Kommentare von sich geben soll und auf Basis dieses Wissens ein Spiel analysieren kann, oder ob es wichtiger ist das er weiss wo das Kap Horn ist oder sonstiges.

Aber dafür 2 Deppen sich mit 0815 Scherzen sich "provozieren"...ne danke.

Dann lieber ein Kahn der nicht weiss was Adler auf englisch heisst.
purio (09.07.2010, 17:31 Uhr)
ja klar
aber der text wurde sehr gut & versiert geschrieben, my compliments
kallemann17 (09.07.2010, 17:21 Uhr)
Delling/Netzer sehr beliebt!
Laut einer Umfrage ist das Moderatoren-Duo Delling und Netzer sehr beliebt und erlangt 50% der Stimmen!

Siehe: http://www.guten-abend-allerseits.de
SpringbokCT (09.07.2010, 16:36 Uhr)
> PC-Gamer
Ja, Sie schauen sich besser Oliver Kahn an.

Der morgens vor dem Englandspiel noch von Kapstadt aus ans "KAP HORN" gefahren war und seine Kollegin fragte wie "ADLER" in Englisch heißt.
butcher99 (09.07.2010, 16:33 Uhr)
wenn genug
is is genug, Tschüss Günter
PC-Gamer (09.07.2010, 16:10 Uhr)
...endlich
Sorry, aber dieses duo infernale ist ehrlich gesagt nicht mehr anzuschauen.

Ich bin mehr also froh dieses dummes Kasperletheater nicht mehr sehen und hören zu müssen.
Da schau ich mir lieber Oli Kahn an, der versteht es nämlich besser als die meisten gelernten Journalisten das ganze rüberzubringen.

Wenn die zwei wenigstens wie normale Freunde miteinander sachlich kommentieren würden, aber diese Bauerntheater ist einfach langweilig und banal....
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