Aber Gerhard Delling, ein solider Sportreporter, der als Solist immer wieder als überanstrengter Metaphern-Rastelli auffällt, hält ihn wach, stachelt ihn an, fordert ihn heraus. Zwei Spröde reiben sich aneinander - und, oh Wunder! - da schlägt es Funken. "Warum verstehen Sie das nicht?", klagt dann Netzer oder lobt eine "wirklich sehr kluge Frage". "Ach, Sie übertreiben", mault er oder spricht von den Linienrichtern als "diesen bedauernswerten Kreaturen" oder von Bastian Schweinsteiger, der "seine persönliche Niederlage am Boden auslebt". Er hadert mit der "unsinnigen Regelung des passiven Abseits" und betont immer wieder, dass er etwas "nie für möglich gehalten hätte".
Mancher Streit wirkt bewusst übertrieben, aber leicht rekonstruierbar ist, woraus diese Dialoge ursprünglich ihren Esprit bezogen: Ständig forderte Netzer von den Spielern, wofür er selber im öffentlichen Bewusstsein eben nicht stand - Disziplin und Laufbereitschaft, Einsatz und Zweikampfhärte, gelegentlich sogar nationale Opferbereitschaft. Da ließ sich gut frotzeln. Dankbar ließ Gerhard Delling kaum eine Gelegenheit dazu verstreichen und wuchs so gemeinsam mit Netzer. Aus dem flotten Duett wurde ein eingespieltes Paar, in letzter Zeit häufiger auch ein routiniertes Ritual. Insofern ist es tatsächlich "time to say good-bye".
Die Erinnerung bleibt, jetzt weckt der Abschied mehr Wehmut als Erleichterung. Schon vor Netzer gab es viele Versuche mit Experten und Co-Kommentatoren, etwa mit Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge - aber erst Günter Netzer schuf den Prototyp des Fußball-TV-Experten als unaufgeregten, ruhigen Sprecher. Das ist sein Verdienst. Damit begründete er eine Ära.
Im Grunde waren es das ZDF und Jürgen Klopp, die eine Zeitenwende einläuteten. "Kloppo" war ganz anders. Für ihn war Fußball "geil" und Party. Dennoch bewahrte er im Rausch der Emotionen seinen analytischen Verstand und erklärte Fußball. Sein Metier ist weniger, aus dem Gesehenen das Konzentrat des Wesentlichen zu ziehen (wie Netzer es tut) als das Nicht-Gesehene zu visualisieren. Und es ist ein neuer Experte da, der dies fast noch besser kann, dem wir plötzlich sogar überraschende Einsichten verdanken, der uns erklärt, dass Flanken reine Übungssache sind und gelegentlich unbedingt mit dem Vollspann ausgeführt werden sollten - Mehmet Scholl. Schon nach dieser Weltmeisterschaft ist klar, dass er ein ganz anderer Typ, aber unbedingt ein würdiger Nachfolger des großen Günter Netzer sein wird. Jetzt muss sich nur noch die "Paarbildung" mit Reinhold Beckmann so glücklich fügen wie das Duo Delling/Netzer zu seinen besten Zeiten.
Günter Netzer hat in einem Interview gesagt, eben weil er vor der Kamera genau so sei wie auch sonst im Leben, sei es ihm überhaupt nicht aufgefallen, dass er über lange Zeit hinweg nie gelacht habe. Jetzt kann er dies herzhaft, ausführlich und unbeobachtet tun. Aber in Südafrika war es ihm endlich auch vor der Kamera vergönnt: Über diese eigenartigen Vuvuzelas konnte Günter Netzer sich vor Lachen ausschütten.