Immerhin werden diese Shows von Millionen gesehen. Auch wenn sich nicht alle dazu bekennen - vor den Fernsehgeräten kommt das Helfer-Format gut an. Iris Mayerhofer, Unterhaltungschefin bei Kabel Eins, weiß, was den Erfolg dieser Sendungen ausmacht: "Wir zeigen die wahren Geschichten echter Menschen. Damit kann sich der Zuschauer sehr gut identifizieren. Aber wir belassen es nicht dabei, die Geschichte nur zu zeigen, wir bringen sie auch zu einem positiven Ende." Feel-Good-TV nennt es die Unterhaltungschefin. Gute Gefühle, die sich auf den Zuschauer übertragen. "Man freut sich mit den Protagonisten. Wir haben viel Resonanz von Zuschauern bekommen, die sich freuten, dass endlich mal in einer Sendung nur Gutes getan wird."
Eine Zeit lang erleben Familien oder Einzelpersonen das Glück auf Erden. Werden getätschelt und weichgespült. Die Sender lassen sich nicht lumpen, wenn es um Nächstenliebe geht.
Iris Mayerhofer legt wert darauf, dass die Kandidaten der neuen Kabel-Eins-Show "Der Glücksvollzieher" nicht nach "Schlagzeilen-Trächtigkeit" ausgewählt werden. Und vorführen will der Sender angeblich auch niemanden: "Wer entscheidet, wann ein Schicksal im Fernsehen lediglich dokumentiert wird und ab wann man von Vorführen spricht? Ist eine Schicksals-Dokumentation über siamesische Zwillinge bei Arte automatisch eine preisverdächtige Dokumentation und bei Privatsendern 'Vorführen von Schicksalen'?"
Kabel Eins' "Glücksvollzieher" Tetje Mierendorf beschert seit letzter Woche immer montags ausgewählten Menschen einen Tag, der so gar nicht zum Rest ihres Lebens passt. Einen guten Tag. Ein Tag, an dem das Glück auf der Straße liegt. In der ersten Folge traf es den Medizin-Studenten Johannes. In einer Zeit, in der alles schief läuft, fällt ihm plötzlich alles in den Schoß: ein Handy, Konzertkarten, ein Modelauftrag ... Geblendet von so viel Glück dankt er zunächst dem Falschen: "Lieber Gott, du meinst es gut mit mir!" Dass die fleischgewordene Barmherzigkeit Tetje Mierendorf dahinter steckt, ahnt er in diesen Momenten noch nicht. Die Aufklärung folgt erst am Abend. Johannes hat nicht Gott auf seiner Seite sondern Tetje. Glückskind oder arme Wurst?
Es ist natürlich nichts Verwerfliches dabei, andere Menschen glücklich zu machen. Dass die Wiederholungen des "Emotainments" langsam aber sicher sämtliche Richtershows aus dem Fernsehprogramm verdrängt, ist ein positiver Nebeneffekt, der noch mehr Menschen erfreut, als eigentlich geplant. Der Preis für die Kandidaten ist jedoch hoch. Vor laufender Kamera müssen sie sich emotional nackig machen und zeigen, wie übel ihnen das Leben mitgespielt hat. Das ist der Deal. Von nix kommt nix. In ihrer Not bleibt den Familien meist nichts anderes übrig als mitzumachen. Gezeigt wird alles, was ordentlich auf die Tränendrüse drückt. Die Kamera schwenkt zu James Blunt durch die Schimmel befallene Wohnung. Sinéad O’Connor bietet die perfekte Untermalung beim Durchblättern alter Fotos eines verstorbenen Familienmitglieds.
Früher oder später ist die bunte Tüte guter Laune ausgeleert. Die Kameras sind weg. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass auch das TV-Team weder Krankheiten heilen, noch Tote auferstehen lassen kann. Und irgendwann hat sie die Vergangenheit wieder. Den Vorwurf, dass die Kandidaten vor die Kamera gezerrt und danach fallen gelassen werden, lässt Iris Mayerhofer von Kabel Eins nicht auf sich sitzen: "Johannes, dem Glückskind der ersten Sendung, konnten wir durch die finanzielle Unterstützung ein sorgenfreies Weiterstudieren ermöglichen. Die zuständige Redakteurin hat seitdem mehrmals mit ihm telefoniert!"
Die Frage ist nur, ob das reicht, findet Medienpsychologe Süss. "Das Risiko besteht, dass bei den Betroffenen ein schaler Beigeschmack zurückbleibt, weil sie realisieren, dass man ihnen nicht aus reiner Menschenliebe oder persönlicher Sympathie etwas völlig Überraschendes geschenkt hat, sondern weil die Sendung damit Einschaltquoten machen soll und die eigentlichen Stars nicht sie, sondern die Moderatoren sind."
Den Zuschauer indes stört das wenig. Sind die Tränen des Mitleids getrocknet, zappt er zur nächsten guten Tat und denkt vermutlich tatsächlich, damit die Welt retten zu können. Ganz nach dem Motto: Es gibt noch viel Gutes zu tun. Schalten wir den Fernseher an.