
Regisseur Dieter Wedel (r.) undder Hochstapler Jürgen Harksen, auf dessen Erlebnissen der Zweiteiler basiert© DPA
Wie Ulrich Tukur ihn spielt, mit kraftvoller Eleganz, kommt der Hochstapler Glanz reichlich gut weg in Ihrem Film. Ist der Betrüger am Ende auch ein tragischer Held?
Ja, natürlich. Wie unendlich einsam muss einer sein, der nur noch lügt? Aber er muss über Charisma verfügen, er muss ein überzeugender Verführer sein, sonst wäre es doch gar nicht nachzuvollziehen, dass seine Kunden ihm so blind folgen und so voll vertrauen. Außerdem bewundere ich den Einfallsreichtum solcher Geschichtenerzähler, wie es Hochstapler nun einmal sind. Aber am Ende ist dieser Glanz natürlich ein melancholischer Versager wie aus einer bittersüßen Fitzgerald-Story.
In "Gier" werden einige Anleger auch deshalb zu Opfern, weil sie die scheinbare Wärme einer "Ersatzfamilie" suchen. Ist der Film ein Plädoyer dafür, Freundschaft und Geschäfte fein säuberlich voneinander zu trennen?
Der Trick, das zu vermischen, den sehen Sie doch in jeder Bankfiliale. Da wird von einem "Beratungsgespräch" geredet, obwohl es sich ganz klar um ein Verkaufsgespräch handelt. Die Botschaft ist: Wir sind für dich da. Die Wahrheit heißt: Dafür bezahlst du.
Das Familien-Prinzip nutzen Sie selbst auch…
Stimmt. Bei mir wird weniger gezahlt, die Schauspieler müssen länger arbeiten und warten ewig auf ein verlässliches Drehbuch. Trotzdem machen sie mit.
Die Wedelianer - auch so eine Art Orden?
Maßlos übertrieben. Letztlich ist ein Regisseur einem Hochstapler ähnlich: Er vermittelt allen, er wüsste stets genau, wo er hin will. Leider ist das häufig geblufft.
Das ist Koketterie!
Nicht nur. Ich will schon noch überrascht werden. Wenn von Anfang an alles klar und sortiert ist, wird es ein langweiliger Film. Es sollte also zu Drehbeginn wie in einem dunklen Zimmer sein, in dem man sich auch noch an Möbeln stößt. Und die anderen folgen…
Weil sie glauben, Sie hätten die einzige Taschenlampe!
Solange sie das glauben, ist alles gut.
Ist Ihre Rolle als cholerischer Verrückter, der jederzeit für einen Anfall von Jähzorn zu haben ist, Ihr erfolgreichster Trick?
Nett, dass Sie es einen Trick nennen. Die pure Drohung, ich könnte explodieren, sorgt manchmal bereits für eine gewisse Disziplin. Und manchmal reicht sie leider nicht aus, dann muss ich explodieren.
Kann es sein, dass der Anteil echter Wut im Lauf der Jahrzehnte stark abgenommen hat?
Keine Ahnung. Aber es ist jedenfalls ein legitimes Mittel, um sich durchzusetzen. Leider bin ich entsetzlich empfindlich, geradezu krankhaft empfindlich. Dadurch passiert es, dass ich ausraste. Also es ist nicht immer eine berechnende Pose. Im Prinzip ist es natürlich gut, wenn alle am Set darum bemüht sind, den Regisseur bei guter Laune zu halten.
Ertappen Sie sich gelegentlich bei Anfällen von Altersmilde, gar von Geduld?
Wie heißt das Wort? Im Ernst: Nee.
In Ihrer gerade erschienenen Autobiografie "Vom schönen Schein und wirklichen Leben" schildern Sie Ihre Freude, als Sie beim Debüt "Gedenktag" 1969 einen riesigen Panzer hin- und herdirigieren können. Ist das der Hauptantrieb geblieben, der Spaß am Kommandieren?
Der Spaß am Spielen! Ob ich eine große elektrische Eisenbahn dirigiere oder einen Panzer kommandiere oder, wie bei "Gier", an einem Drehtag über 20 Schauspieler, Hunderte von Komparsen, eine Band und ein riesiges Team lenke, es ist immer vor allem der Spaß am Spielen. Die Begeisterung dafür habe ich nie verloren. Ich merke das, wenn ich mit Udo Reiter, dem MDR-Chef, auch so ein Spielbegeisterter, zusammensitze und über einen Film rede, der die letzten Tage des Staatszirkus der DDR erzählen soll. Das packt mich jetzt schon, da bin ich voller Vorfreude ...
"Die Affäre Semmeling", "Der große Bellheim", "Der Schattenmann" - fühlen Sie sich manchmal wie der staatlich vereidigte Film-Dokumentarist dieses Landes? Rächer der einfachen Leute, Senioren und Mafia-Opfer?
Dieses Amt habe ich nicht angestrebt, ich maße es mir auch nicht an. Vor allem möchte ich die Zuschauer gut unterhalten. Meine Stoffe haben mich immer brennend interessiert, und es waren Gegenwartsstoffe. Wenn das und die Tatsache, dass noch ein paar andere Sätze drin vorkommen als "Super!", "Ist ja krass" und "Wir müssen reden", einen zu einer bestaunten Ausnahme macht, liegt es eher an den Verhältnissen als an mir.
Der Fall Harksen Als Inspiration für Wedels TV-Zweiteiler "Gier" diente unter anderem der Fall des Finanzbetrügers Jürgen Harksen (l.). Mit teuren Partys und aberwitzigen Renditeversprechen ergaunerte Harksen ab 1987 von seinen "Kunden" (unter ihnen Dieter Bohlen und Udo Lindenberg) Millionensummen für Investments, die es nicht gab. Von 1993 bis zu seiner Auslieferung 2002 lebte Harksen in Südafrika. 2003 verurteilte ihn das Landgericht Hamburg zu sechs Jahren und neun Monaten Haft. Seit 2008 ist Harksen frei; er arbeitet im Weinhandel in Hamburg.