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9. Juni 2007, 09:00 Uhr

End­lo­se Va­ria­tio­nen von "nett"

Lieblingslehrer: "Pisa - Der große Nationentest" - Moderator: Pilawa© wdr/dh

Als "Wer wird Mil­lionär?" mit Günther Jauch Ende der 1990er ein bei­spiel­loser Überraschungserfolg für RTL wurde, moderierte Pi­lawa erst ei­nen Abklatsch auf Sat 1 und ging dann 2001 zur ARD, wo er die Idee für "Das Quiz mit Jörg Pi­lawa" mitentwi­ckel­te: Es spielt nicht ein Kandidat, sondern ein Kandi­datenpaar; es sind Kol­legen, Eheleute, Freunde. Vorteil: mehr Dynamik, weni­ger Auf­regung bei den Kandi­daten. Und: Der Moderator tritt viel mehr in den Hintergrund. Kandi­daten, Saal­publi­kum und promi­nente Gäste behandelt Pi­lawa stets respektvoll und ohne jede Spur von Zynismus oder Sarkasmus. Die Frauen, die nach dem "Quiz" um Autogramme anstehen, sind ausschließlich aus sei­ner Kernziel­grup­pe Fünf­­zig aufwärts. Ei­ni­ge haben von über 1000 "Quiz"-Sendungen mehr als 500 live im Studio gesehen. Pi­lawa ist schlagfertig, wenn es um den klassi­schen erwartbaren Kalauer geht (Dieter Pfaff, im Gästeraum vorm "Star Quiz": "Wann wird denn das gesendet?" Pi­lawa: "Nie"). Außerdem ist er ein Mann, der tatsächlich mit ei­­nem Auge zwinkert, wenn er ei­nen Scherz macht. Das wirkt erst irri­tierend, später, wenn man sich daran gewöhnt hat, anhei­melnd. Und so arbei­tet er: erwartbar, zuverlässig, anhei­melnd, buchstäblich mit ei­nem Augenzwinkern.

Der Porsche als Rückzugsraum

In sei­ner Garderobe, beim Hemdenwechsel zwi­schen zwei Sendungen, ist Pi­lawa weni­ger berechenbar. Bis weni­ge Sekunden vor sei­nem Auf­tritt springt er von ei­nem Thema zum anderen. Also: Vor anderthalb Jahren war er im Sommerurlaub in Hali­fax in Kanada. Sonst fährt er immer nach Amrum, sei­ne Mutter hat dort eine Feri­enwohnung. Tür auf, Kinder raus, perfekt. Sechs Wochen. Immer. Aber dann zur Abwechslung mal zwei Wochen Halifax. In Hali­fax gibt es Stadtrundfahrten mit Amphi­bienfahrzeugen, das hat Pi­lawa sehr gefal­len. Das könnte man doch in Hamburg auch machen, Stadt- und Hafenrundfahrt in ei­­nem. Seitdem bemüht Pi­­lawa sich um die erforderli­chen Genehmi­gungen, er kann detail­liert berichten über die Antriebsarten von Amphi­bienfahrzeugen. Aber auch: Er produziert mit italieni­schen Kol­legen ei­­nen Dokumentarfilm über die Roten Bri­gaden, das italieni­sche Pendant der RAF. "Und wenn das dann bei 3Sat, Arte oder Phoenix laufen soll­te, dann werde ich mir das garantiert mit ei­ner schönen Flasche Wein anschauen und mich sehr darüber freuen." Small Talk, wäh­rend ihm die Maskenbildnerin die Fingernägel poliert. Beim Wimperntuschen räsonniert er über Schwarz-Grün oder da­rüber, wa­rum es in Deutsch­land keine Protestkul­tur mehr gibt. Außer Amphibienfahrzeugen gehören zu seinen fernseh­fernen Interessen: das Geschäft "Herrensa­che" an der Alster in Hamburg, das er im vergangenen Jahr mit einem al­ten Freund seiner Frau und seinem Schneider eröffnet hat, um preiswerte Maßanzüge anzubieten. Und sein Porsche 356, Baujahr 1959, der früher der Fa­milie Gug­genheim gehört hat und jetzt, wenn Pila­wa nach Berlin fährt, um einen Hausfrauenpreis zu verleihen, sein "letzter geschützter Rückzugsraum" ist.

Auf dem Monitor, der in die Garderobe überträgt, was im Studio passiert, scherzen derweil seine Anheizer, das Publikum sol­le gleich besonders heftig applaudieren für Pila­wa, denn er habe sich heute zum ersten Mal sel­ber die Schuhe zugebunden. Es bleibt der Eindruck, dass Pila­wa Seiten hat, die er, sobald er hinaustritt vor dieses Publikum und die Ka­meras auf ihn gerichtet sind, mehr oder wenig er absichtlich unterdrückt. Der Amphibienfahrzeuge- und Rote-Briga­den-Pila­wa ist dann weg, was bleibt, wenn die Ka­mera läuft, ist ein Pilawa, der sich selbst reduziert hat.

Raute an, Raute aus

Diese Reduktion geht bis in die Mimik. Pila­wa hat im Fernsehen zwei Gesichtsausdrücke: keinen und die Raute. Entweder sein Gesicht ist auf abwartende Weise neutral, oder er lächelt. Und wenn er lächelt, formen zuerst die Linien um seinen Mund eine spitze, lebensbeja­hende Raute; im nächsten Augenblick aber sieht man, wie sein gesamtes Gesicht sich in eine Raute verwandelt, von den Stirnfal­ten bis hinunter zum Kinn. Das hat etwas ansteckend Fröh­liches, aber auf Dauer ermüdetes auch. Wer lange Pila­wa schaut, sieht irgendwann nur noch: Raute an, Raute aus. Es kann durch­aus beruhigend wirken. Vor allem aber wirkt Pila­was reduzierte Arbeit verblüffend altmodisch: Im Grunde verbindet ihn mehr mit der unprätentiösen Art eines Wim Thoel­ke oder eines Hans Rosenthal als mit der Fernsehgegenwart. Pila­wa hat gerade bei der ARD-Tochter Degeto bis 2010 unterschrieben. Da­nach will er etwas ändern, grundsätzlich. Er nennt es "meine Agenda 2010" und zwinkert da­bei mit einem Auge. Er sagt: "Meine Frau hat von Anfang an gesagt, dass sie nicht die nächsten 20 Jah­re zu Hause bleiben will . Wir ha­ben da­rüber gesprochen, ob ich mir vorstel­len kann, sie zu Hause abzulösen, wenn sie wieder arbeitet. Und ich kann es mir immer besser vorstel­len. 2010 wäre ein guter Zeitpunkt, um viel­leicht eine große Änderung vorzuneh­men."

Und bis da­hin? Raute an, Raute aus? Als nach Günther Jauchs Absa­ge über die Nach­fol­ge von Sa­bine Christiansen debattiert wurde, fiel nie der Name Pila­wa. Wäre er nicht zumindest ganz gern mal gefragt worden? Schließlich kann er Talkshow, er hat Nach­rich­ten moderiert, produziert Polit-Dokumenta­tionen, hat Geschich­te studiert und macht doch sonst bei der ARD al­les. Nein, da­rauf fällt er nicht herein. Er sagt: "Mal ganz provokant gefragt: Wa­rum um al­les in der Welt möch­te man am Sonntag­abend eine wöchentliche Talkshow moderieren? Das kann überhaupt nicht mein Berufsziel sein, aus ganz praktischen Gründen: Der Sonntag­abend ist mir heilig, da will ich meine Ruhe ha­ben." Vor 15 Jah­­ren hat der Freizeitforscher Horst Opa­schowski den Begriff vom Fernsehen als "Nebenbei-Medium" geprägt. Opa­­schowski ist der Schwiegerva­­ter von Jörg Pila­wa. 80 Prozent, sagt Pila­wa, würden beim Fernsehen doch gar nicht hingucken. Und vor al­­lem sein Quiz am Vorabend greife genau diese Stimmung auf: Man kommt nach Hause, zieht die Schuhe aus, begrüßt die Kinder, und im Hintergrund läuft halt der Pila­wa.

Eigentlich guckt gar keiner

Später, in der Pause zwischen zwei Quiz-Aufzeich­nungen, scherzt Pila­wa, dass er manch­mal bei der Rückkehr in die Garderobe feststel­­le: Seine Mitarbeiter haben auf dem Live-Monitor nicht Pila­was Modera­tion verfolgt, sondern die amerikanische Sitcom "King of Queens" auf Ka­bel Eins. Was er im Prinzip verstehen könne, das sei eine super Sendung, viel­leicht die lustigste der Welt. Aber trotzdem! Seine Mitarbeiter wiederum weisen auf den postkartenkleinen Bildschirm hin, der, für die Ka­meras unsichtbar, am Fra­ge- und Antwort-Monitor vor Pila­was "Star Quiz"-Stuhl befestigt ist. Da schaue der Chef während seiner eigenen Sendung manch­mal Fußball, zumindest früher, als der HSV in der Champions Lea­gue war. Ein merkwürdiger, aber auch tröstlicher Gedanke: Pilawa, seine Leute, die Zuschauer zu Hause - eigentlich guckt gar keiner. Wenn dies so wäre - dann hätte Pila­wa die Kunst des Sich-Entziehens endgül­tig perfektioniert: all­gegenwärtig, aber unsichtbar; mittendrin und nirgendwo zugleich.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2007

Von Till Raether
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