
Lieblingslehrer: "Pisa - Der große Nationentest" - Moderator: Pilawa© wdr/dh
Als "Wer wird Millionär?" mit Günther Jauch Ende der 1990er ein beispielloser Überraschungserfolg für RTL wurde, moderierte Pilawa erst einen Abklatsch auf Sat 1 und ging dann 2001 zur ARD, wo er die Idee für "Das Quiz mit Jörg Pilawa" mitentwickelte: Es spielt nicht ein Kandidat, sondern ein Kandidatenpaar; es sind Kollegen, Eheleute, Freunde. Vorteil: mehr Dynamik, weniger Aufregung bei den Kandidaten. Und: Der Moderator tritt viel mehr in den Hintergrund. Kandidaten, Saalpublikum und prominente Gäste behandelt Pilawa stets respektvoll und ohne jede Spur von Zynismus oder Sarkasmus. Die Frauen, die nach dem "Quiz" um Autogramme anstehen, sind ausschließlich aus seiner Kernzielgruppe Fünfzig aufwärts. Einige haben von über 1000 "Quiz"-Sendungen mehr als 500 live im Studio gesehen. Pilawa ist schlagfertig, wenn es um den klassischen erwartbaren Kalauer geht (Dieter Pfaff, im Gästeraum vorm "Star Quiz": "Wann wird denn das gesendet?" Pilawa: "Nie"). Außerdem ist er ein Mann, der tatsächlich mit einem Auge zwinkert, wenn er einen Scherz macht. Das wirkt erst irritierend, später, wenn man sich daran gewöhnt hat, anheimelnd. Und so arbeitet er: erwartbar, zuverlässig, anheimelnd, buchstäblich mit einem Augenzwinkern.
In seiner Garderobe, beim Hemdenwechsel zwischen zwei Sendungen, ist Pilawa weniger berechenbar. Bis wenige Sekunden vor seinem Auftritt springt er von einem Thema zum anderen. Also: Vor anderthalb Jahren war er im Sommerurlaub in Halifax in Kanada. Sonst fährt er immer nach Amrum, seine Mutter hat dort eine Ferienwohnung. Tür auf, Kinder raus, perfekt. Sechs Wochen. Immer. Aber dann zur Abwechslung mal zwei Wochen Halifax. In Halifax gibt es Stadtrundfahrten mit Amphibienfahrzeugen, das hat Pilawa sehr gefallen. Das könnte man doch in Hamburg auch machen, Stadt- und Hafenrundfahrt in einem. Seitdem bemüht Pilawa sich um die erforderlichen Genehmigungen, er kann detailliert berichten über die Antriebsarten von Amphibienfahrzeugen. Aber auch: Er produziert mit italienischen Kollegen einen Dokumentarfilm über die Roten Brigaden, das italienische Pendant der RAF. "Und wenn das dann bei 3Sat, Arte oder Phoenix laufen sollte, dann werde ich mir das garantiert mit einer schönen Flasche Wein anschauen und mich sehr darüber freuen." Small Talk, während ihm die Maskenbildnerin die Fingernägel poliert. Beim Wimperntuschen räsonniert er über Schwarz-Grün oder darüber, warum es in Deutschland keine Protestkultur mehr gibt. Außer Amphibienfahrzeugen gehören zu seinen fernsehfernen Interessen: das Geschäft "Herrensache" an der Alster in Hamburg, das er im vergangenen Jahr mit einem alten Freund seiner Frau und seinem Schneider eröffnet hat, um preiswerte Maßanzüge anzubieten. Und sein Porsche 356, Baujahr 1959, der früher der Familie Guggenheim gehört hat und jetzt, wenn Pilawa nach Berlin fährt, um einen Hausfrauenpreis zu verleihen, sein "letzter geschützter Rückzugsraum" ist.
Auf dem Monitor, der in die Garderobe überträgt, was im Studio passiert, scherzen derweil seine Anheizer, das Publikum solle gleich besonders heftig applaudieren für Pilawa, denn er habe sich heute zum ersten Mal selber die Schuhe zugebunden. Es bleibt der Eindruck, dass Pilawa Seiten hat, die er, sobald er hinaustritt vor dieses Publikum und die Kameras auf ihn gerichtet sind, mehr oder wenig er absichtlich unterdrückt. Der Amphibienfahrzeuge- und Rote-Brigaden-Pilawa ist dann weg, was bleibt, wenn die Kamera läuft, ist ein Pilawa, der sich selbst reduziert hat.
Diese Reduktion geht bis in die Mimik. Pilawa hat im Fernsehen zwei Gesichtsausdrücke: keinen und die Raute. Entweder sein Gesicht ist auf abwartende Weise neutral, oder er lächelt. Und wenn er lächelt, formen zuerst die Linien um seinen Mund eine spitze, lebensbejahende Raute; im nächsten Augenblick aber sieht man, wie sein gesamtes Gesicht sich in eine Raute verwandelt, von den Stirnfalten bis hinunter zum Kinn. Das hat etwas ansteckend Fröhliches, aber auf Dauer ermüdetes auch. Wer lange Pilawa schaut, sieht irgendwann nur noch: Raute an, Raute aus. Es kann durchaus beruhigend wirken. Vor allem aber wirkt Pilawas reduzierte Arbeit verblüffend altmodisch: Im Grunde verbindet ihn mehr mit der unprätentiösen Art eines Wim Thoelke oder eines Hans Rosenthal als mit der Fernsehgegenwart. Pilawa hat gerade bei der ARD-Tochter Degeto bis 2010 unterschrieben. Danach will er etwas ändern, grundsätzlich. Er nennt es "meine Agenda 2010" und zwinkert dabei mit einem Auge. Er sagt: "Meine Frau hat von Anfang an gesagt, dass sie nicht die nächsten 20 Jahre zu Hause bleiben will . Wir haben darüber gesprochen, ob ich mir vorstellen kann, sie zu Hause abzulösen, wenn sie wieder arbeitet. Und ich kann es mir immer besser vorstellen. 2010 wäre ein guter Zeitpunkt, um vielleicht eine große Änderung vorzunehmen."
Und bis dahin? Raute an, Raute aus? Als nach Günther Jauchs Absage über die Nachfolge von Sabine Christiansen debattiert wurde, fiel nie der Name Pilawa. Wäre er nicht zumindest ganz gern mal gefragt worden? Schließlich kann er Talkshow, er hat Nachrichten moderiert, produziert Polit-Dokumentationen, hat Geschichte studiert und macht doch sonst bei der ARD alles. Nein, darauf fällt er nicht herein. Er sagt: "Mal ganz provokant gefragt: Warum um alles in der Welt möchte man am Sonntagabend eine wöchentliche Talkshow moderieren? Das kann überhaupt nicht mein Berufsziel sein, aus ganz praktischen Gründen: Der Sonntagabend ist mir heilig, da will ich meine Ruhe haben." Vor 15 Jahren hat der Freizeitforscher Horst Opaschowski den Begriff vom Fernsehen als "Nebenbei-Medium" geprägt. Opaschowski ist der Schwiegervater von Jörg Pilawa. 80 Prozent, sagt Pilawa, würden beim Fernsehen doch gar nicht hingucken. Und vor allem sein Quiz am Vorabend greife genau diese Stimmung auf: Man kommt nach Hause, zieht die Schuhe aus, begrüßt die Kinder, und im Hintergrund läuft halt der Pilawa.
Später, in der Pause zwischen zwei Quiz-Aufzeichnungen, scherzt Pilawa, dass er manchmal bei der Rückkehr in die Garderobe feststelle: Seine Mitarbeiter haben auf dem Live-Monitor nicht Pilawas Moderation verfolgt, sondern die amerikanische Sitcom "King of Queens" auf Kabel Eins. Was er im Prinzip verstehen könne, das sei eine super Sendung, vielleicht die lustigste der Welt. Aber trotzdem! Seine Mitarbeiter wiederum weisen auf den postkartenkleinen Bildschirm hin, der, für die Kameras unsichtbar, am Frage- und Antwort-Monitor vor Pilawas "Star Quiz"-Stuhl befestigt ist. Da schaue der Chef während seiner eigenen Sendung manchmal Fußball, zumindest früher, als der HSV in der Champions League war. Ein merkwürdiger, aber auch tröstlicher Gedanke: Pilawa, seine Leute, die Zuschauer zu Hause - eigentlich guckt gar keiner. Wenn dies so wäre - dann hätte Pilawa die Kunst des Sich-Entziehens endgültig perfektioniert: allgegenwärtig, aber unsichtbar; mittendrin und nirgendwo zugleich.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2007