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20. Oktober 2008, 14:55 Uhr

Hat Reich-Ranicki Recht?

Marcel Reich-Ranicki irrt

Zeit seines Lebens hat Marcel Reich-Ranicki polarisiert. Hat Romane in den Himmel gelobt, hat Bücher gnadenlos verrissen - kalt ließ sein klares Urteil niemanden und forderte stets zum Widerspruch heraus. Seit vergangenem Samstag ist das anders. Da unterzog er das deutsche Fernsehen mit Ausnahme von Arte und 3Sat einer vernichtenden Pauschalkritik - und plötzlich klopfen ihm alle auf die Schulter. Endlich mal einer, der sagt, was wir schon immer gedacht haben: Das Fernsehen sendet rund um die Uhr Blödsinn. Mit Ausnahme natürlich von Arte. Denn den Kultursender fanden wir ja schon immer toll.

Doch wenn die vielen plötzlich aufgetauchten Arte-Fans nur einmal die Woche diesen Sender eingeschaltet hätten - er käme anstatt der statistisch kaum mehr messbaren Quote von 0,7 Prozent locker auf die 12,1 Prozent Zuschauer, die den "Trash-Sender" RTL täglich sehen.

Viel schlimmer ist jedoch, dass kaum jemand diesen simplen Dualismus Reich-Ranickis Denken hinterfragt, der die TV-Landschaft so schön in zwei Hälften unterteilt: Auf der einen Seite Arte und 3Sat als Gralshüter der Fernsehqualität. Auf der anderen Seite dagegen die zunehmend verflachenden öffentlich-rechtlichen Anstalten und - ganz böse - die Privatsender, die das wachsende Prekariat mit dümmstem Unterhaltungsmüll bei Laune zu halten.

Wer das so sieht, offenbart vor allem eines: dass er von der aktuellen Medienlandschaft nicht die geringste Ahnung hat und keinerlei Vorstellung besitzt, wie zeitgemäßes Fernsehen aussehen könnte. Vielmehr überträgt diese Denkweise überkommene Bildungsvorstellungen des 19. gedankenlos ins 21. Jahrhundert. Es ist zweifellos schön, dass es einen Sender wie 3Sat gibt. Jedem seine Nische. Aber die samstäglichen Theater- oder Konzertübertragungen: Soll das innovatives Fernsehen sein?

Omas Theater als Fernsehen von Morgen?

Wohl kaum. Stattdessen gibt es gerade bei den Privatsendern zahlreiche Beispiele dafür, wie zeitgemäßes, spannendes Fernsehen aussehen kann: Dort beobachten die Verantwortlichen nämlich aufmerksam den Weltmarkt und kaufen immer wieder hervorragende Serien ein, insbesondere aus den USA. Mit vielschichtigen Charakteren und gewagten Themen, die Lichtjahre von der "Wilhelm Tell"-Inszenierung live aus dem Wiener Burgtheater entfernt sind. "Dexter" ist aktuell so eine Serie, läuft montags auf - genau: dem "Big Brother"-Sender RTL2. Die anspruchsvollste deutsche TV-Produktion der letzten Jahre war "Blackout". Der auf einer hochkomplexen Erzählstruktur basierende Vierteiler lief nicht etwa auf 3Sat. Auch nicht auf Arte. Sondern im angeblichen Klamaukkanal Sat1. Und subversivere Medienkritik als in "Switch Reloaded" gibt es derzeit im deutschen Fernsehen nirgends zu sehen. Kommt übrigens mitten aus dem Herz der Finsternis: ProSieben.

Damit soll nicht alles gerechtfertigt werden, was über die Mattscheibe flimmert. Ja, es läuft wirklich wahnsinnig viel Schund im Fernsehen. Gerade bei den Privatsendern - leider mit oftmals hervorragenden Einschaltquoten. Doch wer sich Mühe gibt und seinen Kopf bei der Programmauswahl einschaltet, wird mit wahren Perlen belohnt - die es vor zehn oder 20 Jahren im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben hat. Und die es auch in keinem anderen Medium geben kann - weil es originäre TV-Formate sind.

Das wird sicher nicht alles nach dem Geschmack von Marcel Reich-Ranicki sein. Kein Mensch muss mit 88 Jahren offen für die Innovationen dieses Mediums sein. Wahrscheinlich braucht er gar kein Fernsehen. Anstatt Arte oder 3Sat zu sehen, kann er samstagabends einfach ins Theater gehen. Oder mal wieder ein gutes Buch lesen.

Carsten Heidböhmer

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KOMMENTARE (10 von 50)
 
unklar (21.10.2008, 13:42 Uhr)
seltsamer Blackout
des Stern-Kommentators, diesen schlechten Mehrteiler in den Himmel zu loben! Oder war es kein Blackout sondern vielmehr Schleichwerbung für die Wiederholung desselben Anfang November? Nachdem das nun bekannt ist, kann sich jeder selber eine Meinung bilden. Manipulationsfrei.
Pengolodh (20.10.2008, 23:05 Uhr)
Was für ein Unsinn
"Wahrscheinlich braucht er gar kein Fernsehen. Anstatt Arte oder 3Sat zu sehen, kann er samstagabends einfach ins Theater gehen. Oder mal wieder ein gutes Buch lesen."
Nur samstagabends?! Quatsch, das kann man jeden Tag. Isch abe gar keinen Fernseher! ;)
Meine Meinung über Herrn Reich-Ranitzki persönlich wurde von John Irving vorweggenommen. Außerdem hat er ja dieses System über doch einige Jahre mitgetragen. Was soll's also?
-Dagegen- (20.10.2008, 17:19 Uhr)
Ab durch die Wand...
wer am Samstag diesen Schwachsinn auch nur 5 Minuten ausgehalten hat, sollte sich einweisen lassen.
Maria1000 (18.10.2008, 12:07 Uhr)
Ich sehe seit Jahren wschon nur mehr Bayern Alpha, Phoenix, 3sat
Bayerisches Fernsehen und ARTE, und frühmorgens, solte ich da zufällig efrnsehen wollen, noch "Comedy Central"! - Ab und zu noch eine Doku zu mitternächtlicher Stunde in der ARD/ZDF, falls ich von dem Schritt VORHER nicht schon vor dem Gerät eingeschlafen bin...
Alle übrigen Programme kann man, vor allem von Vormittags bis 21 Uhr meist komplett in die Tonne klopfen! Dann doch lieber, wie schon jemand schrieb, ein interessantes Buch, gedruckt oder online, lesen oder Youtube schauen oder im Internet nach Interessantem suchen.
Es werden ja imemr angebliche "Zuseherquoten" erhoben, nach denen sich dann die Werbungspreise und das Programm richten: Anscheinend wird nur mehr das bildungsferne verprollte Prekariat und egomane jungreiche Zyniker gescreent und befragt, denn ANDERS ist mir das heutige Schundprogramm aus plumpen Soaps und Asozialen beim Prollen in Reality-Formaten zusehen unerkärlich!
Der "normale" berufstätige Anegstellte wird ganz gewiss NICHT mehr erfasst bei den Quotenmessungen!
Beethofan (18.10.2008, 11:38 Uhr)
Reich-Ranicki hat Recht!!!
Es war mal: das Fernsehen hatte mal einen Bildungsauftrag. Der wurde später auf die Dritten Programme verschoben, quasi für die "Bildunginteressierten". Was ist davon übrig geblieben?? Wo ist der Anspruch, die Bildung, die Qualität? Alles dient heute der Unterhaltung, sogar die Dokumentarfilme, die heutzutage als "Infotainment" angeboten werden. Gute Programme sind verschwunden. Kaum noch Sprachkurse, "Länder-Menschen-Abenteuer" usw. Ödes Programm, auch im Ersten und im Zweiten. Dann lieber ein gutes Buch, den "Spiegel", "Die Zeit" oder irgendwas anderes, was noch die bildungs- und informationshungrige graue Zellen befriedigt.
botoxia (18.10.2008, 11:35 Uhr)
Das Echo ruft
Fernsehen hat Niveau... wo....wo....wo...
Und denen, die nach schwerer Tagesschinderei müde nach Hause kommen, um sich dann nur Mist ansehen zu können, weil ja die "guten" Sendungen leider zu nachtschlafener Zeit kommen, denen empfehle ich einen Festplattenrecorder. Ganz einfach die Sendungen der vergangenen Nacht schauen, Na, wie wär´s? Man kann sogar die Werbung vorspulen, ist ganz toll.
gunnarhaeger (18.10.2008, 10:03 Uhr)
Alter Mann
allen Verdiensten von R.R. zum Trotz, er ist ein alter Mann. Er vertritt nicht mehr die aktuelle Generation und Generationenkonflikte hat es immer schon gegeben. Er mag durchaus Recht haben über die Qualität des Fernsehens, aber er muss es ja nicht sehen. Es gibt heute genügend andere Alternativen, die es früher nicht gab. Unklar ist mir auch, warum er der Preisverleihung überhaupt beiwohnte, wenn er so eine Meinung hat. Da stellt sich mir die Frage, ob das nicht alles gewollt war und damit macht er sich keinen Deut besser als andere öffentlichkeitssüchtige Menschen, die er so kritisiert.
Lady_Sniper (18.10.2008, 09:48 Uhr)
Was passiert denn mit guten Sendungen?
Vor einiger Zeit lief die amerikanische Serie "Damages" mit Glenn Close auf Kabel 1, eine hervorragende, intelligent gemachte Serie mit komplexer Erzählstruktur. Wohl zu komplex für den deutschen Zuschauer, die Quoten waren so verheerend, dass die zweite Staffel wohl nicht ins deutsche Fernsehen kommt. Solange Müll mit guten Einschaltquoten fährt, werden die Macher nicht davon abgehen, ihn zu produzieren. Also sollte MRR nicht auf die Macher schimpfen, sondern auf das Publikum.
chrisstahl (18.10.2008, 08:56 Uhr)
Fernsehen ist sowieso am Ende
Ich finde Reich-Ranicki hat recht, aber wer schaut denn noch Fernsehen? Das Fernsehen verliert immer mehr an Bedeutung. Das neue Massenmedum ist das Internet, und dort gibt es neben guten Angeboten sehr viel noch mieseres Niveau.
DasBertl (18.10.2008, 00:42 Uhr)
Mag sein
das nicht alles schund ist was uns da geboten wird, nichts desto trotz, das was da als beste Sendung, bester Schauspieler etc.,. ausgezeichnet wurde und vor allem darauf bezog sich erstmal seine Kritik, das verdient schon das prädikat besonders verachtenswert. einzig noch übertroffen von mtvivas dauergenerve mit handyklingeltonwerbung. Zum Abschalten. Habe ich übrigens getan, mein Großbildfernseher ist jetzt bei meinen Vater ich selbst hab zwar noch eine Fernsehkarte, aber über die läuft nur noch die Tagesschau und die Simpsons. Und wenn ich zeitlich mal dazu komm, auch hin und wieder Switch Reloaded und die Anstalt. Ja, des nächstens darf auch mal eine Dokumentation auf Phoenix sein. Arte und 3sat hingegen verbreiten mir doch etwas zuviel "Anspruch" als was man das auch immer definieren mag, Anspruch soll ja ausdrücken, dass mich etwas anspricht. Und ich kann mir nicht helfen, es mag ja ernst zu gehn auf diesen 2 Sendern, aber zuviel Ernst macht depressiv.
Nichts desto trotz ist mir so etwas wesentlich lieber als die ständigen
SaleschHoldVerboteneMarienhoferZeitenUnsere100Besten80ershowsdieDeutschlandsuchtwieeinNextTopmodelimDschungelcampvonBigPilawa&Partner
GRAUSIG!!!!
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