Zeit seines Lebens hat Marcel Reich-Ranicki polarisiert. Hat Romane in den Himmel gelobt, hat Bücher gnadenlos verrissen - kalt ließ sein klares Urteil niemanden und forderte stets zum Widerspruch heraus. Seit vergangenem Samstag ist das anders. Da unterzog er das deutsche Fernsehen mit Ausnahme von Arte und 3Sat einer vernichtenden Pauschalkritik - und plötzlich klopfen ihm alle auf die Schulter. Endlich mal einer, der sagt, was wir schon immer gedacht haben: Das Fernsehen sendet rund um die Uhr Blödsinn. Mit Ausnahme natürlich von Arte. Denn den Kultursender fanden wir ja schon immer toll.
Doch wenn die vielen plötzlich aufgetauchten Arte-Fans nur einmal die Woche diesen Sender eingeschaltet hätten - er käme anstatt der statistisch kaum mehr messbaren Quote von 0,7 Prozent locker auf die 12,1 Prozent Zuschauer, die den "Trash-Sender" RTL täglich sehen.
Viel schlimmer ist jedoch, dass kaum jemand diesen simplen Dualismus Reich-Ranickis Denken hinterfragt, der die TV-Landschaft so schön in zwei Hälften unterteilt: Auf der einen Seite Arte und 3Sat als Gralshüter der Fernsehqualität. Auf der anderen Seite dagegen die zunehmend verflachenden öffentlich-rechtlichen Anstalten und - ganz böse - die Privatsender, die das wachsende Prekariat mit dümmstem Unterhaltungsmüll bei Laune zu halten.
Wer das so sieht, offenbart vor allem eines: dass er von der aktuellen Medienlandschaft nicht die geringste Ahnung hat und keinerlei Vorstellung besitzt, wie zeitgemäßes Fernsehen aussehen könnte. Vielmehr überträgt diese Denkweise überkommene Bildungsvorstellungen des 19. gedankenlos ins 21. Jahrhundert. Es ist zweifellos schön, dass es einen Sender wie 3Sat gibt. Jedem seine Nische. Aber die samstäglichen Theater- oder Konzertübertragungen: Soll das innovatives Fernsehen sein?
Wohl kaum. Stattdessen gibt es gerade bei den Privatsendern zahlreiche Beispiele dafür, wie zeitgemäßes, spannendes Fernsehen aussehen kann: Dort beobachten die Verantwortlichen nämlich aufmerksam den Weltmarkt und kaufen immer wieder hervorragende Serien ein, insbesondere aus den USA. Mit vielschichtigen Charakteren und gewagten Themen, die Lichtjahre von der "Wilhelm Tell"-Inszenierung live aus dem Wiener Burgtheater entfernt sind. "Dexter" ist aktuell so eine Serie, läuft montags auf - genau: dem "Big Brother"-Sender RTL2. Die anspruchsvollste deutsche TV-Produktion der letzten Jahre war "Blackout". Der auf einer hochkomplexen Erzählstruktur basierende Vierteiler lief nicht etwa auf 3Sat. Auch nicht auf Arte. Sondern im angeblichen Klamaukkanal Sat1. Und subversivere Medienkritik als in "Switch Reloaded" gibt es derzeit im deutschen Fernsehen nirgends zu sehen. Kommt übrigens mitten aus dem Herz der Finsternis: ProSieben.
Damit soll nicht alles gerechtfertigt werden, was über die Mattscheibe flimmert. Ja, es läuft wirklich wahnsinnig viel Schund im Fernsehen. Gerade bei den Privatsendern - leider mit oftmals hervorragenden Einschaltquoten. Doch wer sich Mühe gibt und seinen Kopf bei der Programmauswahl einschaltet, wird mit wahren Perlen belohnt - die es vor zehn oder 20 Jahren im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben hat. Und die es auch in keinem anderen Medium geben kann - weil es originäre TV-Formate sind.
Das wird sicher nicht alles nach dem Geschmack von Marcel Reich-Ranicki sein. Kein Mensch muss mit 88 Jahren offen für die Innovationen dieses Mediums sein. Wahrscheinlich braucht er gar kein Fernsehen. Anstatt Arte oder 3Sat zu sehen, kann er samstagabends einfach ins Theater gehen. Oder mal wieder ein gutes Buch lesen.
Carsten Heidböhmer