
Fürs Foto setzen sich Mutter Johanna und Bauer Heinrich gerne zusammen aufs Sofa. Normalerweise bleibt dafür seit "Bauer sucht Frau" nur noch wenig Zeit© Daniel Müller
Heinrichs Mutter Johanna, im Fernsehen fast so präsent wie ihr Sohn, ist überhaupt nicht traurig. Die 76-Jährige empfängt jeden Besucher mit offenen Armen. Der Kaffee sei gerade frisch aufgesetzt und noch viel Käsekuchen da. "Aus Hamburg kommense? Aber doch nicht nur wegen dem Heinrich?" In der Küche der "TV-Stars" gibt es keine Einschaltquoten und keine ausgeklügelten Marketingstrategien. Was um sie herum wirklich passiert, so scheint es, davon ahnt man hier wenig. "Er ist ein großer Junge, der in seiner eigenen Welt lebt", sagt Bürgermeister Wolfgang Fahle über den TV-Bauern. In dieser Welt guckt eine Kuh durch einen Türspalt direkt in die Küche. Heinrich und Johanna sitzen am Tisch. Die Hände der beiden von jahrelanger Stallarbeit gezeichnet. Heinrich arbeitet hart. 14 Stunden am Tag, mindestens. Urlaub hat er noch nie gemacht. Bauernromantik sieht anders aus. Heinrich wirkt erschöpft. "Und Sie kommen extra meinetwegen aus Hamburg? Na dat is ja 'n Ding." An den welken Tapeten hängen ein paar Fotos. Von Heinrichs Schafen. Und von Johanna beim Melken. Keiner weiß, wann die Uhren hier stehen geblieben sind. Es muss aber vor vielen Jahren gewesen sein.
Johanna nimmt stolz einen großen Kalender von der Wand. "Guckense mal, alles voll. Die Termine von dem Heinrich. Gestern war er in Köln wegen seiner CD." Dabei falle es ihm so schwer, seine Schafe alleine zu lassen, erzählt Johanna. Und dass er als Kind nicht einfach war. Sein Vater starb vor zehn Jahren. Seitdem wohnen Heinrich und Johanna alleine auf dem Hof. Mit 260 Schafen, ein paar Kühen, Gänsen und Hühnern. Dass sich plötzlich alle um ihn reißen, kommt dem Schäfer schon "etwas anders" vor. Aber er hinterfragt es nicht. Bis heute weiß er nicht, wer ihn eigentlich bei der RTL-Sendung angemeldet hat. Vielleicht ein Scherz der Dorfjugend. Eines Tages rief RTL an und fragte, ob er nicht bei "Bauer sucht Frau" mitmachen will. Der Landwirt überlegte nicht lange. "Ich hab ja nichts zu verlieren", dachte er. Er unterschrieb den 14-seitigen Vertrag mit der Produktionsfirma MME. Und jetzt sitzt er hier, und das Telefon klingelt. Ununterbrochen.
Mittlerweile ist die bäuerliche Sitzecke um drei Gäste reicher geworden. Ulli, Margarethe und Anna sind da. Die Schäfer-Fans kommen gerne mal ungefragt auf eine Tasse Kaffee vorbei. Die Doku-Soap und der intime Einblick der RTL-Kameras in das Leben des Schäfers haben dafür gesorgt, dass Menschen wie sie denken, sie würden Heinrich kennen. Und sie könnten einfach mal vorbeikommen und "Hallo" sagen. Sie sind nicht die einzigen. Immerhin will Anna ihm mit ihrem Pendel ja weiterhelfen. Ihr spiritueller Rat: "Mit RTL musst du handeln. Du musst vorgeben, was du willst. Sonst ziehen die dich übern Tisch. Du brauchst einen unabhängigen Anwalt." Doch der Anwalt, den Heinrich bereits angefragt hatte, wollte 250 Euro die Stunde. Zu viel für den Schäfer.
Zwei Teenies stehen plötzlich in der kleinen Küche und wollen ein Foto mit Heinrich. Sein Schäferlied haben sie auch schon als Klingelton auf dem Handy. Brav setzt der Heißbegehrte seinen Schäferhut auf und nimmt die Jugendlichen in den Arm. Er nimmt seine neue Aufgabe als "Star" sehr ernst. Er will unbedingt alles richtig machen. Er will niemanden enttäuschen. Nicht seine Fans. Und auch nicht RTL. Wenn es um den Sender geht, wirkt Heinrich eingeschüchtert. Über "Bauer sucht Frau" dürfe er nicht reden. Heinrich Gersmeier ist ein Mann, der Absprachen in seinem Leben bisher mit einem Handschlag besiegelt hat. Jetzt wirkt er überfordert. "Mama und ich haben unser ganzes Leben so hart gearbeitet. Ich hoffe, dass ein bisschen was für uns übrig bleibt. RTL verdient doch bestimmt ganz gut an mir, oder?" Er braucht das Geld.

Ganz normaler Bauernalltag: Heinrich sitzt am Küchentisch und schreibt Autogramme© Daniel Müller
"Die Verhältnisse, in denen Heinrich und seine Mutter leben, sind grenzwertig", beklagt Jutta. Eine Nachbarin. Mit ihrem Sohn steht sie an der Schafsweide und schaut zu, wie der Schäfer vier kleinen Lämmern die Flasche gibt. Von den 3000 Euro, die Gersmeier für eine Woche Dreharbeiten von "Bauer sucht Frau" bekommen haben soll, sei nichts mehr übrig. "Mit dem Geld musste ich die Leiharbeiter bezahlen, die mir während der Dreharbeiten auf dem Hof geholfen haben. Ohne die hätte ich ja nicht drehen können", sagt der 41-Jährige, der sich vertraglich dazu verpflichtet haben soll, für die TV-Aufnahmen mindestens zehn Stunden täglich zur Verfügung zu stehen. So stand es zumindest in der "Bild"-Zeitung, die Auszüge aus den Verträgen veröffentlichte. RTL will dies gegenüber stern.de nicht kommentieren. Auch nicht die folgende Aussage Heinrichs bezüglich geplanter Fan-Artikel: Während die 76-jährige Mutter noch "jeden Pfennig zweimal umdreht", gehen angeblich schon Heinrich-Merchandise-Artikel in Produktion. "RTL sagt, es gibt bald Heinrich-Tassen, -Shirts, -Bettwäsche und sogar -Bikinis zu kaufen. Ist das 'n Ding?"
Zwei Welten prallen aufeinander: Einerseits ist Heinrich bei EMI, einer der größten Plattenfirmen Deutschlands unter Vertrag, hat einen Produzenten (9-Live-Moderator Thomas Schürmann), Bodyguards, ein eigenes Musikvideo, Autogrammkarten, jede Menge Anfragen für Auftritte und demnächst womöglich eigene Fanartikel. Am kommenden Wochenende tritt er bei "The Dome", der Teenie-Veranstaltung schlechthin auf. Aber hier in Völlinghausen steht er jetzt mit seiner gesundheitlich angeschlagenen 76-jährigen Mutter auf der Schafsweide und rackert sich bei Eiseskälte ab.
Was von dem Erlös für den Landwirt übrig bleibt, weiß er noch nicht. Auch nicht, was er demnächst für seine Auftritte bekommt. "Das läuft dann alles nur noch über den Sender. Alle Auftritte," sagt Heinrich.
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