Auch der Gastgeber selbst ist ein Fall von fortgeschrittenem Anachronismus. Längst sind die Zeiten passé, da komische Klamotten wie die seinen als Ausweis einer irgendwie rebellischen Lebensart galten und schlüpfrige Sprüche als Tabubrüche mutiger Medienpartisanen durchgingen. "Als Gottschalks Markenzeichen gelten vor allem seine lockere Art sowie seine gewagte Kleidung", erklärt Wikipedia ernstlich. Gütiger Himmel! Heutzutage ist die Hälfte aller Entertainer schwul und häufig weitaus gewagter - vulgo bekloppter - angezogen als Gottschalk. In puncto Schweinigeleien liegen Barth, Pocher und von der Lippe sowieso uneinholbar vorn, was immer uns' Thommy anstellen mag. Heute wäre es eher ein Tabubruch, wenn er in einem dunklen Stangenanzug à la Stuckrad-Barre auf die Bühne stiege. Und weiblichen Gäste weder verbal noch körperlich an die Wäsche gehen würde. Kurz, wenn er einfach mal das versuchte, was seine Generation offenbar nicht mehr so richtig hinkriegt. Nämlich, nicht ewig einen auf junger Spund zu machen, ey.
Muss man sich überhaupt mit "Wetten, dass ..?" beschäftigen? Ja, doch. Die Sendung ist noch immer eine Institution. Sie hat zwar null und nichts mit dem Grundversorgungsauftrag zu tun, mit dem das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Zwangsgebühren rechtfertigt. Aber vielleicht hat das letzte Lagerfeuer im Zweiten eine soziale Funktion. Und sei es nur, dass Familien mal wieder ein Weilchen harmonisch zusammenglucken. Dass Mutti und Vati davon abgehalten werden, sich unter übermäßigem Alkoholeinfluss zu fetzen. Dass die Kids für ein paar Stunden nicht in Versuchung kommen, Drogen zu nehmen oder Gleichaltrige beim Happy slapping mit dem Handy zu fotografieren. Dann hätte die Sendung wirklich eine Existenzberechtigung.
Und deshalb wünschen wir, dass unser größter anzunehmender Goldbär endlich mit einem vernünftigen "Wetten, dass ..?"-Relaunch um die Ecke kommt, der das Feuer wieder anfacht. In diesem Sinne, alles Gute!
P.S.: Sollte Thomas Gottschalk aufhören bei "Wetten, dass ..?" und in den Ruhestand treten oder kann er die letzte große Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen reanimieren? Diskutieren Sie mit auf der Facebookseite von stern.de.