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Macht's gut, Ihr Lottozahlen!

Am 4. September 1965 flimmerte die Ziehung der Lottozahlen das erste Mal über den TV-Bildschirm, jetzt zieht sie sich ins Internet zurück. stern.de-Autor Ingo Scheel sagt leise Servus.

Drei Generationen Lottofeen: Karin Dinslage, Karin Tietze-Ludwig und Franziska Reichenbacher

Drei Generationen Lottofeen: Karin Dinslage, Karin Tietze-Ludwig und Franziska Reichenbacher

Liebe Ziehung der Lottozahlen, ich weiß, wir haben uns länger nicht gesehen. Dass es Dich überhaupt noch im TV gibt, habe ich so richtig erst wahrgenommen, als etwas schief lief vor ein paar Wochen. Deine Kugeln liefen nicht richtig rund, irgendetwas war verhakt, hieß es. Nicht einmal die Dame im Studio hat es gemerkt. Das Licht soll so schlecht gewesen. Die Beleuchtung zu schwach? Zeigt man die Lottozahlen denn eigentlich noch in Schwarz-Weiß, hab ich mich gefragt? Plötzlich schrieb man über Dich sogar wieder in der Zeitung.

Als ich Dich das letzte Mal sah, trug Karin-Tietze Ludwig in Deiner Gegenwart noch pompöse Blusen, zuweilen knallig, die sahen selbst monochrom noch bunt aus. Glorreiche Zeiten! Herr Sparbier zeigte uns Postuniformen, Walter Baresel fummelte in der Sportschau die Namen von Preußen Münster und Union Solingen aus kleinen Plastik-Fußbällen. Die Western waren von gestern, Telefone mit Tastatur irgendwie von morgen. Justin Bieber hieß David Cassidy, Frau Merkel Helmut Schmidt und der HSV wurde noch Deutscher Meister. Die neue Single von Slade? Astrein.

Es klackerte, es polterte

Deine Zeit war Samstagabend, bummelich kurz vor 22 Uhr im Ersten. Nach "Ohnsorg Theater", aber vor "Rio Bravo". Nach "Einer wird gewinnen", aber vor "Columbo". Ich lag in Omas guter Stube, unter der gemütlichen Heizdecke und durfte länger aufbleiben. "Tratsch im Treppenhaus" hielt ich noch durch. Dann schlug Deine Stunde. Omchen nestelte an der Lottoschein-Kopie auf dem Wohnzimmertisch. Frau Tietze-Ludwig verhieß Großes. Musik ab. Es klackerte, es polterte. Die 13. Die 26. Zusatzzahl. Wie immer ohne Gewähr. Knickknack. Das war es. Oma überprüfte die Zahlen. Ein Dreier. Na, wenigstens den Einsatz wieder raus. Nächste Woche wieder.

Traditionell ging es dann mit mir rapide bergab. Während Wilhelm Stöck nochmal die Nachrichten zum Besten gab, fielen mir zum ersten Mal die Augen zu. Bei Pfarrer Ottheinrich Knödlers "Wort zum Sonntag" war es dann vorbei. Ich schlief ein. Kurz vor Ende des Westerns - oder des Krimschers - kam ich nochmal kurz hoch, das war es. Die Nacht der langen Messer lief ohne mich. Letztes Highlight bei vollem Bewusstsein an so einem Samstagabend? Tja, die Lottozahlen.

Und nun ist es also vorbei. Wärt Ihr denn noch geblieben, wenn ich Euch öfter geguckt hätte? Wahrscheinlich nicht, oder? Nun geht es also ins Internet. Zu den anderen. Ich kenne die ja schon etwas länger. Erst neulich haben sie mir eine SMS geschickt. "Mit ihrem Euro-Millionen-Tipp haben Sie bei der Ziehung vom 25.6. einen Gewinn in Rang 10 erzielt". 13,75 Euro. Na, wenigstens den Einsatz wieder raus.

Macht es also gut, Ihr Lottozahlen. Ich hoffe, Ihr lebt Euch im Netz gut ein.

Ich melde mich wieder.

Euer Ingo

Von Ingo Scheel

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