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Triumph der AfD - wer ist schuld?

Liegt der AfD-Erfolg an der Wählerwut? Oder an ihrer Angst? Oder an etwas ganz anderem? Bei Frank Plasberg herrschte Rätselraten über die Gründe für den Triumph. Und dann gab es noch ein aufschlussreiches Wählerstatement.

Von Sylvie-Sophie Schindler

  Bei "Hart aber fair" wurde darüber diskutiert, wie sich die Erfolge der AfD bei den Landtagswahlen erklären lassen

Bei "Hart aber fair" wurde darüber diskutiert, wie sich die Erfolge der AfD bei den Landtagswahlen erklären lassen

Und dann der Persönlichkeits-Check. Bei Malu Dreyer geht der Daumen hoch. Auch bei Winfried Kretschmann. Beide, so eine These, die auch Talkgast Juli Zeh bei "Hart, aber fair" bekräftigte, verfügten über ein Charisma, das viele Wähler überzeuge. "Sie sind nahbar und kritikfähig", sagte die Schriftstellerin. Wie aber ist Sigmar Gabriel einzuordnen? Die Frage ging zunächst an SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann. Und der schaute so, als würde er sich amüsieren. Etwa über Sigmar Gabriel? Das würde ja wohl keiner annehmen, warf Zeh ein, mit gewohnt erfrischender Direktheit: "Oppermann macht hier sicher kein Gabriel-Bashing." Sie wolle es auch nicht tun, gebe aber zu bedenken: "Es gibt Politiker, die strahlen Arroganz aus." Oppermann hingegen lobte die "Authentizität" des SPD-Chefs.

Musste das sein, der Griff in die Kiste der Psychologie? Es musste. Denn nach dem Super-Wahlsonntag, der, je nach Perspektive, auch ein Debakel-Sonntag war, wird dringend nach Erklärungsmöglichkeiten für die Wahlergebnisse gesucht. Und eine lautet, so Juli Zeh: "Heute sind Personenwahlen viel stärker als früher." Lange habe in Deutschland Parteientreue gegolten, denn Parteien seien das "geistige Zuhause" für die Wähler gewesen. Dass aber nun in Baden-Württemberg  der Grünen-Politiker Kretschmann mit seiner Partei  einen historischen Sieg schaffte und sich in Rheinland-Pfalz  SPD-Spitzenkandidatin Dreyer durchsetzte, das ließe sich, so auch eine Plasberg-These, vor allem mit der "Bindekraft Persönlichkeit" begründen. So einfach ist es also?

Eine Wut-Wahl? Eine Angst-Wahl? Oder beides?

So einfach ist es freilich nicht. Auch sollte man sich, wie in der Diskussion mehrfach thematisiert wurde, nicht darin verbeißen, allein Angela Merkels Flüchtlingspolitik für die Wahlergebnisse verantwortlich zu machen. Obwohl dann doch immer wieder in diese Richtung, ob aus Reflex oder Gewohnheit, abgebogen wurde. Insbesondere um Argumente zu finden für das Erstarken der AfD, die in allen drei Ländern zulegte, vor allem in Sachsen-Anhalt, wo sie sich mit 24,2 Prozent der Stimmen als zweitstärkste Kraft positionierte. Eine Wut-Wahl? Eine Angst-Wahl? Oder beides?

Journalist Christoph Schwennicke warnte davor, es sich zu einfach zu machen. Statt auf Emotionen verwies er auf die Ratio: "Es könnte sein, dass es berechtige Zweifel an Politik Merkels und der Regierung gibt."

Zeh weigerte sich, der AfD zu viel Bedeutung beizumessen, sie werde "überinterpretiert". Die AfD müsse schließlich nicht mehr tun als "eine Alternative zu sein". CDU-Mann Peter Altmaier sah auch keinen Grund, in dieser Sache viel Aufhebens zu machen. Die AfD sei eine Achterbahn-Partei, so der Chef des Bundeskanzleramtes. Man habe das auch bei den Republikanern gesehen und bei der Schill-Partei: "Die wurden nicht für konkrete Forderungen gewählt, sondern weil Menschen ihren Protest zum Ausdruck bringen wollen." AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen wehrte sich dagegen, den Wahlerfolg seiner Partei ausschließlich mit der Flüchtlingsfrage zu verknüpfen: "Wir sind keine Einthemapartei." Seiner Analyse nach habe die CDU ihre einstige Position verlassen, und nun verstehe sich die AfD als "neue konservative Kraft". Meuthen gab sich überzeugt: "Auch ohne Flüchtlingszustrom wären wir bei zehn Prozent gelandet." Parallelen zur NPD leugnete er, trotz der bekannten Ausfälle von Björn Höcke und Dubravko Mandic. "Ich dulde in meiner Partei keine Fremdenfeindlichkeit", so Meuthen.

Welche Rolle spielte der Streit zwischen CDU und CSU?

Es bleibt die Frage: Der ausgestreckte Finger, wohin nur soll er zeigen? Tatsächlich haben sich mit Dreyer und Kretschmann Politiker nach oben katapultiert, die in Sachen Flüchtlingspolitik auf Merkels Seite stehen. Was wiederum nicht zu der beliebten Argumentation passt, die Wähler würden Merkel signalisieren wollen, ihren Kurs zu ändern. Zeh sprach denn auch von einem "vermeintlichen Wählerwillen" und befand, man könne aus den Landtagswahlen keinen Auftrag an Merkel ableiten. Sie selbst stehe in der Flüchtlingsfrage hinter dem Kurs der Kanzlerin. Kein selbstverständliches Statement für die loyale SPD-Anhängerin: "Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, ich hacke mir eher die Hand ab, als die CDU zu wählen." Aber in dieser Situation brauche Merkel Rückendeckung.

Das Gespräch kam auch, wen wundert's, auf Horst Seehofer. Keine Geschlossenheit, schreckte etwa das viele Wähler ab? Und warum ausschließlich Seehofer als Buhmann benennen? "Gehören Klöckner und Wolf auch dazu?", wollte Frank Plasberg von Peter Altmaier wissen - und holte sich einen Korb. "Darauf lasse ich mich nicht ein", so der CDU-Politiker. Räumte dann aber ein, auf die CSU bezogen: "Ich wünschte, wir hätten diesen Streit nicht gehabt."  Ihm zufolge, und da präsentierte er sich loyal wie stets, stehe die Partei geschlossen hinter der Kanzlerin. Es sei jedoch nicht gelungen, das nach außen hin zu zeigen. Einen Rüffel gab es von Thomas Oppermann: "Ich erwarte, dass der Streit zwischen CDU und CSU aufhört." Von der Kanzlerin erhoffe er sich außerdem endlich eine "Rede an die Nation": "Die Ziele der Regierung in der Flüchtlingspolitik gehören offen gelegt." Zudem müsse man für Zuversicht und Realismus werben.

AfD-Wählerin machte Kreuz aus Protest

Der wohl aufschlussreichste Wortbeitrag, auf dem man noch viele Gedanken hätte aufbauen können, kam leider erst zum Schluss der Sendung. Brigitte Büttner aus Rheinland-Pfalz sprach über ihre Gründe, warum sie erstmals die AfD gewählt habe: "Ich wollte meinen Protest ausdrücken", so die langjährige Grünen-Wählerin. Zudem fühle sie sich momentan "ohne politische Heimat". Die typischen Vorurteile gegenüber AfD-Wählern wehrte sie ab: "Ich habe keine Angst vor Überfremdung." Räumte dann allerdings ein, dass sie verunsichert sei, "wenn ganz Afrika nach Europa kommt". Sie zeigte damit eine Widersprüchlichkeit, wie sie wohl zig Deutsche mit ihr teilen. Und das ganz ohne Politiker-Sprech.

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