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Jetzt nehmen uns die da oben auch noch die Erotik des Bargelds

Der Staat nimmt uns die Scheine weg! Das Land hat seinen nächsten Aufreger. Bei Anne Will wurde über die Beschränkung von Bargeldzahlungen diskutiert - die Mitdiskutanten aber fürchten bereits das Ende der Geldlappen.

Von Mark Stöhr

Anne Will

Dramatisches Tremolo: Autohändlerin Nancy Schneider (2.v.r.) warnt bei Anne Will vor der Bargeldgrenze

Achtung, es tobt mal wieder die Bürgerwut! Diesmal geht es nicht um Busse mit dunkelhaarigen Minderjährigen, die bedroht und bespuckt werden. Oder um einsam herumstreunende Wölfe, die irgendwer heimlich abmurkst. Nein, viel schlimmer: Es geht um unser Bargeld, das uns "die da oben!" wegnehmen wollen. Eine ähnlich erotische Beziehung wie zu seinen Geldlappen pflegt der durchschnittliche Deutsche wahrscheinlich nur noch zu seiner Geschwindigkeit auf der Autobahn. Obergrenzen? Bitte nur für Muslime und andere Beutegreifer!

Ein witziger Fakt am Rande: Auf so einem Geldschein, haben New Yorker Forscher gezählt, sitzen je nach Abnutzung des Papiers bis zu 3000 unterschiedliche Bakterien-Typen. Die Tasten der Bankautomaten würde man aus Erfahrung ja sowieso am liebsten mit der Zunge bedienen, wenn es bloß praktikabler wäre.

Für Theo Waigel zum Beispiel, den Ex-Finanzminister, ist das Haptische von Geld ganz wichtig. "Das Vertrauen in eine Währung muss sinnlich erfahrbar sein“, morste er bei Anne Will mit seinen Augenbrauen in die Runde. Als guter Opa - und der ist er bestimmt - will er seinen Enkeln natürlich auch was für ihre Einser-Zeugnisse zustecken. "Soll ich zu denen dann sagen: Gebt mir mal eure Kontonummern?"

100 Milliarden Euro Schwarzgeld in Deutschland

FDP-Chef Christian Lindner war zu dem Zeitpunkt der Debatte schon in einer Jeanne d'Arc-mäßigen Verfassung. Voll auf Bargeld kreischte er Tragödien-Einzeiler wie: "Diese Freiheit lassen wir uns nicht nehmen!" Und man fragte sich: Von welcher Freiheit ist hier gerade die Rede? Und wem genau soll was weggenommen werden?

Denn das Thema der Sendung war nicht die Abschaffung des Bargeldes, sondern dessen angedachte Begrenzung auf 5000 Euro pro Bezahlvorgang. Mit dieser Hausmarke will die Bundesregierung in Verhandlungen mit den anderen EU-Ländern eintreten, um irgendwann zu einer einheitlichen europaweiten Obergrenze zu kommen. "Uns geht es um eine Balance zwischen den Freiheitsrechten der Bürger und den Sicherheitsbelangen der Behörden", referierte Michael Meister vom Finanzministerium reichlich staatstragend.
Der Anti-Korruptionsexperte Peter Fissenewert machte die Sache ein bisschen anschaulicher. Deutschland belege im weltweiten Schattenwirtschafts-Ranking einen beschämenden achten Platz, "noch vor Jersey und Hawaii". Geschätzte 100 Milliarden Euro würden laut einer Studie hierzulande jedes Jahr gewaschen. Und warum? Wegen der geografischen Lage im Herzen Europas und der starken Wirtschaft - und weil es im Gegensatz zu den meisten anderen EU-Staaten in Deutschland kein Bargeld-Limit gebe.

Für die Gebrauchtwagenhändlerin Nancy Schneider gehört das Hantieren mit Geldbündeln zum täglichen Geschäft. In teils sich überschlagendem Sächsisch - der Amtssprache der Bürgerwut sozusagen - schilderte sie die düsteren Folgen einer Obergrenze. Frischgebackene Autokäufer würden nach dem Eintippen der PIN dann möglicherweise feststellen müssen: Oh Shit, Zahlungslimit! Der Deal, das Glück - alles im Eimer!

Anne Will maßregelt Christian Lindner

Würde sie, Nancy Schneider, aber das Lastschriftverfahren akzeptieren - Karte ohne PIN-Eingabe, nur mit Unterschrift - ginge sie selbst voll ins Risiko, weil der Käufer sich den Kaufbetrag 30 Tage lang von der Bank zurückbuchen lassen könne. Und dann ist die Karre schon längst aus Erfahrung, sagen wir mal, in Polen.

So wurde ein bisschen rumgebuchhaltert, bis es am Ende doch noch spannend wurde. Was wäre, wenn das Bargeld tatsächlich abgeschafft würde? Wenn also der Plan der EZB, den 500-Euro-Schein aus dem Verkehr zu ziehen - witziger Fakt am Rande: 50 Millionen Euro in 500-Euro-Scheinen wiegen 18 Kilo - nur die Vorstufe wäre für die Beerdigung von allem Baren?

Lindner schmiss sofort sein dramatisches Tremolo an - "die Bürger würden schutzlos dem Gebührenwucher der Banken ausgeliefert!" - und wurde von Anne Will freundlich daran erinnert, dass er doch in der FDP sei. In der Tat aber hätten die Banken im Falle eines bargeldlosen Zahlungsverkehrs die volle Kontrolle über die Guthaben ihrer Kunden und könnten sie mittels Negativzinsen zum Geldausgeben drängen.

Müssen die Wutbürger jetzt also auch noch Bürgerwehren vor den Geldautomaten postieren? Peter Fissenewert, der Anti-Korruptionsexperte, ganz cool: "Eine komplette Abschaffung des Bargeldes ist völlig ausgeschlossen."

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