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Syrien? "Es gibt keine gute Option mehr"

Russland bombt sich weiter Richtung Aleppo. Ist eine politische Lösung überhaupt noch möglich? Die Runde bei Anne Will wirkte ratlos - nur ein Gast präsentierte einen radikalen Vorschlag.

Von Mark Stöhr

Anne Will

Polit-Talk bei Anne Will: Russland und seine Ambition wieder als Weltakteur wahrgenommen zu werden, stand im Zentrum der Gesprächsrunde.

Es war nur ein kurzer Satz von Martin Schulz, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, und er war mehr in Klammern gesprochen: "Ich mag Putin nicht besonders." Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wer mag Putin schon, diesen Zombie aus dem Kalten Krieg und einer vormodernen Welt? Doch in diesem Satz steckte das ganze Unbehagen der Europäer und ihr Unvermögen, Russland gegenüber eine starke, selbstbewusste Position einzunehmen. Es ist ein wenig wie auf dem Schulhof: Man duckt sich weg, wenn der Schläger um die Ecke kommt.

Um Syrien sollte es gehen bei Anne Will. Doch eigentlich ging es um Russland und seine Ambition - egal mit welchen Mitteln - wieder als Weltakteur wahrgenommen zu werden. Marwan Khoury, Gründer einer Hilfsinitiative für Syrien, schilderte die Folgen dieses Comeback-Versuchs für seine Heimat: Mehr tote Zivilisten als durch den Bombenterror von Assad und die bevorstehende Belagerung von 300.000 Menschen. In Aleppo, so Khoury, würde in den Stadtparks schon Gemüse angepflanzt.

Größtmöglicher Zynismus der Russland-Versteher

Der Kriegsreporter Kurt Pelda sprach von "ethnischen Säuberungen", die Russland zusammen mit dem Assad-Regime durchführe. "Nordsyrien wird systematisch von sunnitischen Arabern gesäubert. Der IS dient nur als Rechtfertigung für die brutale Vertreibung, die dort zur Zeit stattfindet." Und Europa? Schaue nur zu und schlage die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sich neue Flüchtlingstrecks in Bewegung setzten.

Putin als Bösewicht in diesem furchtbaren Krieg - das konnte den Russland-Verstehern in der Runde nicht gefallen. Harald Kujat, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, analysierte mit größtmöglichem Zynismus die "strategischen Interessen" der Russen, als wäre es eine Art Naturrecht, sich irgendwo irgendwelche "Korridore" freizubomben. Und Gabriele Krone-Schmalz, die ehemalige Russland-Korrespondentin der ARD, beklagte mit größtmöglicher Kälte die ihrer Meinung nach ungerechte Opferstatistik: Erst seit Russland in den Konflikt verwickelt sei, würden die zivilen Opfer gezählt - was nicht nur eine hanebüchene, sondern fast schon unverschämte Behauptung war.


Danach legte Krone-Schmalz ihre alte, vom vielen Abspielen schon reichlich angeditschte Platte auf: Dass die zusammengebrochene Sowjetunion damals nicht als Partner, sondern nur als Konkursmasse behandelt und danach viel zu lange ignoriert worden sei. "Das rächt sich jetzt ohne Ende", sagte sie nicht ohne Genugtuung.

Fragt sich nur, womit genau sich das offizielle Russland die Anerkennung der Weltgemeinschaft verdient hätte. Mit seiner aggressiven Expansionspolitik, in der Macht alles ist und ein Menschenleben nichts? Mit seiner schamlosen Propaganda, der keine Lüge zu dreist ist? Was war eigentlich das letzte innovative Produkt aus Russland, das zur globalen Marke wurde - die Kalaschnikow?

Aber: "Es geht nicht ohne die Russen." Kujat wiederholte den Satz immer und immer wieder wie ein Mantra, und die anderen stimmten mit ein. Für den Ex-Militär hat Putin mit seiner Intervention gar "ein Fenster für eine politische Lösung aufgestoßen". Man hielt es erst für einen Scherz. Die Anti-Putin-Koalition quittierte die steile These mit heftigem Kopfschütteln, Pelda, der Kriegsreporter, geriet in seiner Replik richtiggehend in Rage.

Luftabwehrraketen gegen russische Kampfjets?

Seiner Meinung nach ist eine politische Lösung nur möglich, wenn es ein militärisches Gleichgewicht zwischen den Kriegsparteien gibt - zwischen der "nicht-dschihadistischen" Opposition auf der einen Seite also und der Putin-Allianz auf der anderen. "Russland, Assad und Iran müssen wissen, dass sie diesen Konflikt nicht gewinnen können." Dabei schloss Pelda die Lieferung von Luftabwehrraketen an die syrischen Rebellen nicht aus, mit deren Hilfe auch russische Kampfjets vom Himmel geholt werden könnten. "Das ist eine sehr schlechte Option", biss er sich sogleich auf die Zunge. Aber: "Nach fünf Jahren gibt es keine gute Option mehr."

In der Tat ist die Zeit der guten Optionen offenbar vorbei. Auch Martin Schulz, der Besonnenste unter den Talkgästen, wirkte ratlos. Er sprach von einem US-Präsidenten, der in der Syrien-Frage "nicht sehr engagiert" sei, und malte ein schonungsloses Bild von Europa. Dieses sei durch seine inneren, "multiplen Krisen" gelähmt und hinterlasse ein Vakuum - das Russland nun fülle.

Der Parlamentspräsident ließ es sich immerhin nicht entgehen, Putin einen weiteren Seitenhieb zu versetzen: Russland finanziere alle rechtsextremistischen Parteien in Europa. Ganz konkret: "Der Front National kriegt in Frankreich keinen Kredit, der kriegt die Kredite von den Russen."

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