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15. September 2011, 08:25 Uhr

Lustgreise und Laberdamen

Schön ist es nicht - das Älterwerden. Falten breiten sich aus, man wird gebrechlich, die Rente reicht nicht, der Zustand in Pflegeheimen ist desolat. Wissen Sie alles? Anne Will füllte dennoch eine Sendung mit diesen Erkenntnissen. Einzige Neuigkeit: Richard Wagner ist beim Sex gestorben. Von Jan Zier

Anne Will, TV-Kritik, Altern, Rolf Hochhuth, Rolf Eden, Jens Spahn, Ruth Maria Kubitschek

Anne Will sprache mit ihren betagten Gästen über die Krux des Älterwerdens© Jörg Carstensen/DPA

Altern! In Würde! Ja, das Thema von "Anne Will" liegt den meisten Zuschauern der ARD näher, als dem Sender lieb sein kann. Es ist von zeitloser Schönheit. Betrifft irgendwie jeden, geht also immer. Und Anne Will, die stets charmant Lächelnde, hat dazu eine zahme Sendung gemacht. Alles ein wenig in breit gefächerter Gefühligkeit, in individueller Befindlichkeit versenkt. Am Ende steht der Aufruf, man möge sich doch im Alter erklären, in der Familie, und überhaupt. Aber schließlich soll sich Günther Jauch neben Will, Plasberg und Konsorten ja noch irgendwie als Einäugiger unter den Blinden profilieren können.

Und Wagner ist beim Sex gestorben

Dabei hatte der Dramatiker Rolf Hochhuth doch zur "Revolution" aufgerufen, den "Terror der Banken" gegeißelt. Doch das blieb eine kurze Episode, nicht nur, weil der 80-Jährige die Gelegenheit nutzte, sich weidlich selbst zu bemitleiden. Ihm, dem seit seinem Erstling "Der Stellvertreter" von 1963 stets die Rolle des streitbaren Intellektuellen, des Moralisten und mahnenden Provokateurs zugewiesen ist - er gab den Jammerer. Immerhin erfahren wir von ihm, dass Richard Wagner einst beim Sex gestorben ist. Aber sonst: "Altern ist furchtbar", sagt er, "eine Demütigung". Weil: Irgendwie ist alles schlechter, sagt er, und dann stehen auch noch die jungen Frauen im Bus für einen auf. "Eine Blamage", findet Hochhuth.

Da ist es besser, man ist reich und zu naiv, um sich selbst peinlich zu finden, so wie Rolf Eden, 81, gemeinhin noch immer als Lustmolch, äh: "Playboy" rubriziert. Dann muss man nämlich nicht Bus fahren. Und kann über Themen wie Altersarmut, Pflegenotstand, die demografische Entwicklung, hier alle nur am Rande gestreift, nur milde lächeln. Und doch hat "Anne Will" an dieser Stelle ihre stärksten Momente. Verantwortlich dafür: Markus Breitscheidel, der Journalist arbeitete undercover in Alten- und Pflegeheimen, schrieb die Zustände dort immer wieder auf. Sein Urteil über die "industrialisierte" Pflege: katastrophal. Nun, die Rede von der "Leistungsgesellschaft", die keinem gerecht werde, sie ist auch an diesem Punkt nicht neu. Und wenn es konkret wird, spricht auch Breitscheidel lieber von Respekt und Mitgefühl. Und doch macht er klar, wie sehr die Würde des Menschen im Alter eine Frage des Geldes ist. Etwa, wenn man ein Pflegefall ist: "8000 Euro kostet ein Komplettversorgung, wenn sie ein deutscher ambulanter Pfleger legal leisten soll - im Monat", sagt Breitscheidel. Die Pflegekraft aus Polen sei schon für 1650 Euro zu haben, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Illegal. "Das geht für mich in Richtung Ausbeutung", sagt Breitscheidel. Warum nur: "in Richtung"?

Alles nicht so negativ sehen…

Das wäre die Stunde des Politikers gewesen. Doch diese Sparte "Politik" war in dieser Runde mit einem ansonsten zu Recht unbekannten CDU-Politiker besetzt, vielleicht, weil Karl Lauterbach von der SPD keine Zeit hatte. Und Jens Spahn ist einer, der sagt, dass in den meisten Heimen die Menschen ja ein ganz schönes Leben hätten. Und man sich doch freuen solle, dass wir alle so fit älter werden. Antworten auf Breitscheidels Fragen hat er keine. Alles nicht so negativ sehen, ist seine Devise. Sondern "differenzierter". Ist das nur Arglosigkeit - oder schon Verdrängung?

Existenzängste von Ruth Maria Kubitschek

Dann doch lieber der ewigen Ruth Maria Kubitschek zuhören. Rund um ihren 80. Geburtstag hat die als "Grand Dame des Schauspiels" gefeierte freilich schon ungezählten Talkshows ihre Aufwartung gemacht. Warum? "Mit bald 80 hat man den Drang, empfangene Weisheiten anderen zugänglich zu machen" sagt sie jüngst in einer eben dieser, und ja, sie hat viel empfangen, äh: zu vielen Themen irgendwas zu sagen. Zum Beispiel, dass sie vor 40 Jahren Existenzängste hatte und fürchtete, keine Rollen, keinen Mann mehr abzubekommen. Dass sie ihre Falten zu schätzen weiß. Dass Frauen irgendwie intuitiver sind. Dass sie an den lieben Gott glaubt, auch wenn Hochhuth ihn für eine "ziemlich unseriöse Erscheinung" hält. Und dass die Schauspielerei, wie Anne Will selbst schon sagt, ja, die "härteste" Branche von allen sei.

Da ist sie wieder, die große Gefühligkeit. Man könnte auch sagen: Belanglosigkeit. Aber Harald Schmidt sagt ja neulich: "Das deutsche Volk will zugelabert werden". Er muss es ja wissen.

Von Jan Zier
 
 
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