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TV-Kritik

Ist der Deutsche zu bequem für politische Visionen?

Wenn bei "Anne Will" die aktiven Politiker fehlen, dann kann man auch mal über die großen Fragen reden. Oder vielmehr: Gemeinsam konstatieren, dass darüber zu wenig geredet wird.

Von Jan Zier

Bei "Anne Will" werden Antworten auf die großen Fragen gesucht, Wähler an ihre Holschuld erinnert

Bei "Anne Will" werden Antworten auf die großen Fragen gesucht, Wähler an ihre Holschuld erinnert – und ostdeutsche Menschen erklärt

Eigentlich sollte es ja darum gehen, ob die Politiker ihre Wähler noch verstehen - im Grunde aber geht es vor allem um die Frage: Warum weiß fast die Hälfte aller Wähler noch immer nicht,  wen sie am kommenden Sonntag denn nun wählen soll? In den Meinungsumfragen kommen diese Menschen ja praktisch nicht vor, das spielt aber auch keine Rolle, denn die gemeinsame Botschaft all dieser Zahlen ist ja: Es ist im Grunde eh alles klar. "Das ärgert die Menschen", sagt Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU), der sich ein Ende der Großen Koalition wünscht, weil das "befreiend" für die Demokratie wäre. Dass er dabei wohl an schwarz-gelb denkt, das sagt er nicht. Lob für die hat er übrigens auch: Für die Agenda 2010 und SPD-Kanzler Gerhard Schröder. 

"Die politische Mitte lässt unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe vermissen", sagt , Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen und fordert eine "programmatische Polarisierung" zumindest von CDU/CSU, SPD, FDP und den Grünen ein. Er macht ein "visionsfeindliches Klima" in der Gesellschaft aus, der er im allgemeinen "Zufriedenheit" und "diffuse Zukunftsängsten" attestiert. Ob eben jene Parteien aber solche klaren Visionen überhaupt haben oder verfolgen – bleibt unklar. Erfreulicherweise würde aber niemand in der Runde soweit gehen, in das ewige "Die sind doch alle gleich!"-Lamento zu verfallen. Es fehlt einfach die "Arbeit der Zuspitzung", sagt Pörksen, der sich selbst als "Vertreter das ratlosen Mitte" charakterisiert.

"Die Deutschen sind zu bequem"

"Die großen Entwürfe fehlen", sagt ebenso - auch als Kritik an die Union. Er hätte im Wahlkampf beispielsweise gerne mehr über die Zukunft der EU geredet, und auch über jene der jungen Menschen. Als die Schriftstellerin Thea Dorn in diesem Zusammenhang der SPD attestiert, sie sei "denkfaul" ist deren Vertreterin Gesine Schwan empört, aber sie ist ja auch die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission. Ihrer eigenen Partei bescheinigt Schwan zurecht "ein Glaubwürdigkeitsproblem", angesichts langer Regierungsjahre in der Großen Koalition, aber noch lieber wettert sie darüber, dass Angela Merkel stets die "Wettbewerbsfähigkeit" in den Mittelpunkt stelle. 

Es liegt aber nicht nur an den Parteien und Politikern, sagt , friedensbewegter Ex-CDUler, Theologe und ehemals Leiter der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung. Er verweist auf die "Holschuld" der Bürger – denen vielfach aber schon der Durchhaltewille für alle 38 Fragen des Wahl-O-Mats fehle: Es gebe eben eine verbreitete Neigung, auch damit "bequem" umzugehen: zehn Minuten müssen reichen, der Wahl-O-Mat dauert aber eher 20. Von den von Bernhard Pörksen gemessenen 17 Stunden, die es braucht, alle Wahlprogramm zu lesen ganz zu schweigen. Richter versucht gar eine Lanze für die in Skandinavien seit jeher üblichen, hierzulande aber arg verpönten Minderheitsregierungen zu brechen. Da würde – zwangsläufig! - mehr über politische Inhalte geredet, so seine These. Aber so recht mag keiner in der Runde darauf einsteigen.  

Anne Will: Keine Visionen, viele Erklärungen

Wovon an diesem Abend leider auch nicht die Rede ist: Wahlen sind längst nicht mehr sozial repräsentativ, wie Studien zeigen. Während die gut situierte Mittel- und Oberschicht sehr wohl ihre Interessen bei Wahlen artikuliert, bleiben Arme und Abgehängte immer öfter zu Hause: Die Wahlbeteiligung ist in den sozial schwächsten Milieus am niedrigsten. Das stabilisiert Konservative sowie Liberale und das trifft besonders die SPD sowie die Linkspartei. 


Lieber versucht sich die Runde aber – nein, nicht an Visionen, sondern an einer Erklärung des Ostdeutschen an sich. Schließlich hat man ja nun reichlich oft jene Bilder gesehen, bei denen Wahlkampfveranstaltungen im Osten von rechten Wutbürgen massiv gestört werden. Es kommen, natürlich, die üblich verdächtigen Erklärungen. Und ein letzter Hinweis von Herrn Richter: "Nur ein kleiner Teil der Menschen sei wirklich nicht mehr erreichbar für Gespräche."

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