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"Der Pate" von Berlin

Liebe, Tod und Mafia. Mit der Berliner Krimi-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" beweist Regisseur Dominik Graf, dass das deutsche Fernsehen kann, wenn man es lässt. Die Geschichte von brutalen Gangstern und raubeinigen Polizisten hat Suchtpotential.

Von Sophie Albers

Der Anfang ist so kitschig, dass man sich kurz fragt, ob man nicht im falschen Film sitzt. Eine nackte Nymphe taucht durch einen glitzernden Waldsee und erzählt in gebrochenem Deutsch von ihrer Großmutter, die ihr versprochen habe, dass sie unter Wasser das Gesicht des Mannes erkennen werde, den sie liebt. Keine zwei Minuten später begreift man, dass die paddelnde Schönheit ein Köder war. Dann sitzt man drin im Bauch von Berlin, verschluckt für die kommenden acht Stunden, in denen Regisseur Dominik Graf und Drehbuchautor Rolf Basedow ihr grandioses Epos "Im Angesicht des Verbrechens" erzählen. Und man will alles, nur nicht raus.

Diese Serie, die am Freitag endlich in der ARD startet, ist ein Rausch. Als sei man selbst ins Wasser gesprungen, taucht man ein in eine Welt zwischen märchenhafter Fantasie und knochenbrechendem Realismus. Das sind die Säulen, zwischen denen dieses Kunstwerk hängt, das alle großen Themen des Lebens in sich vereint: Liebe, Tod, Gerechtigkeit, Vergeltung, Ehre, Identität, das Böse, das Gute und das Glück.

Hauptfigur ist der junge Polizist Marek Gorsky (Max Riemelt), Sohn jüdisch-baltischer Einwanderer, der den Mörder seines Bruders finden will. Der war ins organisierte Verbrechen verstrickt und wurde vor zehn Jahren auf offener Straße erschossen. Seine Kollegen wissen nicht, was den blonden Jungen mit den gut trainierten Oberarmen treibt. Aber getrieben ist er. Genauso wie seine Schwester, die sich für die andere Seite entschieden hat. Stella (Marie Bäumer) hat den russischen Mafioso Mischa (Misel Maticevic) geheiratet, der seine Geschäfte im Hinterzimmer eines Restaurants abwickelt, an dessen Theke Stella das hübsch-legale Aushängeschild zu geben hat.

Zwischen den Welten

Während Marek auf Rache sinnt, wünscht Stella sich eine heile Welt. Auch wenn sie weiß, dass die nicht existiert. Sie verlangt von ihrem Bruder, die Vergangenheit ruhen zu lassen, und von ihrem Mafia-Mann eine gute Ehe.

Dann ist da noch Jelena (Alina Levshin), besagte Nymphe, die aus dem verzauberten See direkt in den stinkenden Tümpel von Berlin geschüttet wird. Ein Mann in einem dicken schwarzen Auto kommt in die ukrainische Idylle ohne Arbeitsplätze, in der Jelena lebt, und verspricht dem Mädchen und seiner Freundin einen Job in einem Restaurant in der deutschen Hauptstadt. Natürlich ist das Restaurant dann ein Bordell, und die Männer, die sie dort trifft, haben mit Liebe nichts zu tun. Aber so kommt Jelena nach Berlin. Und glaubt man ihrer Großmutter, ist Marek der Mann ihres Herzens.

So beginnt diese große Geschichte, die in ihrer Vollständigkeit an amerikanische Kino- und Fernseherfolge wie "Der Pate" oder auch "Die Sopranos" denken lässt. Aber nur kurz. Denn Graf hat originäres deutsches Fernsehen geschaffen. Nur fehlten bisher die Vorbilder zum Vergleich. Nun gibt es ein Vor und Nach "Im Angesicht des Verbrechens". Denn an der detailverliebten Lust der Erzählung wird sich alles messen lassen müssen, was kommt.

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Graf und sein langjähriger kongenialer Autor Rolf Basedow haben zahlreiche Erzählstränge, Schicksalsfäden und Episodenschlaufen zu einem schillernden Gewebe geflochten, zugezogen und eine Dichte abgeliefert, die es so bisher kaum zu sehen gab. Jeder Charakter - von der kleinen Mafiabraut mit Shoppingfimmel, über zwei tumbe Polizisten, die sich bei einer Hausdurchsuchung aus Angst vor einem Kampfhund auf dem Balkon aussperren, bis zum feisten Geschäftsmann, der sich an nackten Frauen beim Tontaubenschießen erfreut - treibt die Geschichte voran, ist perfekt besetzt und dabei so fein ausgearbeitet, dass es schon wieder spielerisch wirkt. Rund 160 Sprechrollen sollen es sein.

Mal ganz leicht und zerbrechlich, dann erdenschwer und unkaputtbar spielt Bäumer ihre Stella. Marek (Riemelt), Mischa (Maticevic), Sven (Ronald Zehrfeld), Svetlana (Katharina Nesjtova), Andrej (Mark Ivanir), Roeber (Arved Birnbaum) sind spätestens nach zwei Folgen Teil des eigenen Films, Menschen aus Fleisch und Blut, die man beim Spaziergang in der Wirklichkeit um die nächste Ecke erwartet. "Man ist dem Film in der Erinnerung völlig verfallen, er lässt einen nicht mehr los, so als fände man plötzlich ein Stück der eigenen Biografie heimlich in einem Dokumentarfilm mitgefilmt", beschreibt Regisseur Graf das Gefühl, das er schaffen will.

Comichaft cool und menschlich komplex

Absolut Fanclub-verdächtig ist die Figur des russischen Killers Joska Bodrov (Marko Mandi), der alle in ihrer Dreistigkeit und Brutalität liebenswerten Gangster der Filmgeschichte in sich zu vereinen scheint und trotzdem noch einen draufsetzt, wenn er comichaft cool und menschlich komplex zugleich ist. Das Glück des filmischen Moments sei wichtiger als die große Dramaturgie, erklärte Basedow jüngst seine charakterverliebte Erzählweise. "Im Kleinen ist, wenn es gelingt, auch immer das Große."

Die Serie lässt jede ihrer Figuren atmen, lieben, hassen, hoffen, töten, und dazu müssen sie zuweilen nicht einmal reden. Die unvergesslichen Bilder für dieses schillernde Grau der menschlichen Existenz stammen von Kameramann Michael Wiesweg.

In rund zwei Jahren Produktionszeit soll das Meisterwerk zehn Millionen Euro verschlungen haben. Mehr als geplant und zuviel für die Produktionsfirma Typhoon von Ex-RTL-Programmchef Marc Conrad, von dem übrigens die Grundidee zur Serie stammte. Typhoon meldete im vergangenen Jahr Konkurs an. Fertig gestellt werden konnten die auf zehn Folgen verteilten 500 Minuten von "Im Angesicht des Verbrechens" mit dem Geld der Öffentlich-Rechtlichen. Der Legende nach haben Schauspieler auf Honorare verzichtet, damit die Serie zu Ende gedreht werden kann. Am Set gab es wegen der heftigen Arbeitsbedingungen Ärger.

Die perfekte Illusion hat ihren Preis. Und Dominik Graf ist nicht bekannt dafür, Kompromisse zu machen. Angesichts dieses Ergebnisses kann man nur sagen: ein Glück!

Der Zehnteiler "Im Angesicht des Verbrechens" läuft ab dem 22. Oktober immer freitags um 21:45 Uhr in der ARD

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