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Die ARD macht es wie die Raupe Nimmersatt

ARD-Intendant Lutz Marmor lässt in einem Interview durchblicken, dass die "das Erste" offenbar schon wieder eine Gebührenerhöhung plant - und die Kultur des fröhlichen Forderns fortsetzt.

Von Bernd Gäbler

ARD-Chef Lutz Marmor während eines Gesprächs in seinem Büro in Hamburg

ARD-Chef Lutz Marmor während eines Gesprächs in seinem Büro in Hamburg

Lutz Marmor, der Intendant des NDR und derzeitige Vorsitzende der ARD, ist ein freundlicher Mann. Er war beim WDR, dem ORB, dann Verwaltungsdirektor des NDR, bevor er im Jahr 2008 Jobst Plog als Intendant ablöste. Ein Mann des Apparats ist er sicherlich, aber kein verbiesterter. Jetzt will er wohl zeigen, dass er auch noch eine wilde Seite hat.

Nicht nur Joschka Fischer, der sich einst als letzter Rock'n Roller der Politik sah oder Thomas Gottschalk, der mit ständigem "Smoke on the Water" nervte, sondern auch ein leibhaftiger ARD-Chef outet sich im gerade erscheinenden Oktoberheft des "Rolling Stone" als "Rock'n Roller". Da, wo wir sonst erfahren, dass Dr. Dre der reichste Rapper ist, an Nirwanas "Nevermind" erinnert werden oder an die 30 schlimmsten Album-Cover aller Zeiten, spricht nun Lutz Marmor.

Das Gespräch plätschert zunächst dahin

Aber was hat er uns via "Rolling Stone" mitzuteilen? Auf den ersten Blick sieht man, dass der ARD-Chef kein Schleimer ist. Er passt sich nicht an, versucht keinen Jargon zu imitieren, sondern sagt eigentlich, was er immer sagt: dass er sich nicht vor Netflix fürchte, dass sich die ARD dem Wettbewerb stellen werde und dass das Publikum älter geworden und die ARD Spiegelbild dieser Gesellschaft sei.

Der "XXL-Ostfriese" sei sehr beliebt, die ARD-Mediathek brauche "einen Schub nach vorn", auch junge Leute würden noch ganz normal fernsehen und Stars, die im Netz groß geworden sind, hätten zunehmend Interesse, ins Fernsehen zu kommen und so weiter und so fort.

Das alles ist nicht besonders aufregend. Peer Schader, der mit gesprochen hat, ist ein erfahrener Medienjournalist. Darum fragt er nach - und plötzlich gibt es eine Passage, die sich schon stilistisch von allem anderen unterscheidet, weil sie nämlich so verquast ist.

"Wir wollen nicht mehr Geld" - oder doch?

Wörtlich sagt der ARD-Chef: "Wir wollen gar nicht mehr Geld. Ich glaube aber, dass es mittelfristig wichtig wäre, zumindest wieder mit einer moderaten Anpassung für einen Inflationsausgleich zu sorgen." Fasst man es! Er sagt, er wolle nicht mehr Geld, aber eigentlich will er es doch.

Die Einnahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind gerade erst vom Geräte-abhängigen Gebühreneinzug umgestellt worden auf eine allgemeine Haushaltsabgabe. Jeder, der Eins und Eins zusammenzählen konnte, wusste, dass damit Mehreinnahmen verbunden sein würden. Die ARD hat das stets in Abrede gestellt. Noch gibt es keine endgültige Abrechnung, wieviel Geld exakt durch die Haushaltsabgabe eingetrieben wurde. Aber knapp unter acht Milliarden Euro Jahr für Jahr werden es am Ende wohl sein.

Im Moment müssen die einzelnen Sender ihre Mehreinnahmen sogar noch bunkern und dürfen sie nicht in die allgemeinen Haushalte einfließen lassen, weil noch nicht feststeht, was die Politik endgültig beschließen wird: Leichte Korrekturen bei der Berechnung des Beitrags für Firmen und die personalintensive mittelständische Industrie oder gar eine leichte Senkung des Monatsbeitrags für alle? Letzteres ist unwahrscheinlich.

Soundtrack der ARD: "I can't get no satisfaction"

Das alles ist also noch gar nicht abgeschlossen, aber schon wieder verfällt die ARD – wenn auch noch an sehr verstecktem Ort und in etwas verschwurbelten Worten - wie die Raupe Nimmersatt in ihre Kultur des fröhlichen Forderns. "I can't get no Satisfaction", oder "Genug ist nicht genug" - das scheint er immerwährende Soundtrack der Öffentlich-Rechtlichen zu sein.

Selbst wenn man generell ein Freund des dualen Systems ist und findet, dass die Frage, wie überhaupt zukünftig noch Journalismus finanziert werden kann, ernsthaft erörtert werden muss, kann man dafür sein, dass diesem Wahn des permanenten Immermehr Einhalt geboten wird. Knapp acht Milliarden Euro sind eine Menge Geld.

Das ist ungefähr zweieinhalb Mal der Springer-Verlag, das ist mehr, als das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung jährlich ausgibt. Damit kann man sehr viel machen. Die Innovationsrate des Fernsehens generell und der öffentlich-rechtlichen Abteilung speziell ist gemgegenüber beschämend gering. Es ist auch nicht so, dass mehr Geld Kreativität fördern würde. Es ermuntert eher zum permanenten "Weiter so!".

Zu wenig Geld fließt in Aufklärendes

Überschlägt man das Programmangebot von ARD, ZDF und allen Ablegern einmal nicht nach den üblichen Kategorien wie Information und Unterhaltung, sondern unterteilt es in Einlullendes und Aufklärendes, in einerseits Angebote, die auch durch ganz normale Marktmechanismen finanzierbar wären (was für den Fußball sicher ebenso zutrifft wie für die Übertragung eines Helene-Fischer-Konzerts, alle Volksmusik, das Gros der Vorabendserien und Boulevard aller Art), und andererseits Inhalte, die der Förderung jenseits des Marktes bedürfen (wie die Auslandsberichterstattung, investigative politische Magazine und Reportagen, Nachrichtensendungen etc.) - dann zeigt sich, dass etwa 7/8 des Geldes in Einlullendes gehen.

Hier sind Korrekturen anzusetzen, hier können die Sender beweisen, wofür sie eigentlich gesellschaftlich notwendig sind. Der ARD-Chef Lutz hat einen ersten vorsichtigen Versuchsballon in Richtung Gebührenerhöhung gestartet - ausgerechnet im "Rolling Stone". Erwidern wir rechtzeitig: "Hey! You! Get off of my cloud".

Richtigstellung: In der ersten Version des Textes hatten wir fälschlicherweise behauptet, Sebastian Zabel habe Lutz Marmor für den "Rolling Stone" interviewt. Tatsächlich aber hat Peer Schader mit Marmor gesprochen und anschließend einen Text geschrieben, in dem er Passagen aus dem Gespräch zitiert. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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