Noch 'ne Twitterrunde mit Steinbrück

10. Dezember 2012, 14:28 Uhr

Chance verpasst: Reinhold Beckmann begrub den SPD-Kanzlerkandidaten in seiner Sendung unter Fragen, Stichwörtern und Anmerkungen. Heraus kam (fast) nichts. Von Lutz Kinkel

Eiskalt war es in Hannover am Sonntag, aber nur außerhalb der Halle 7 auf dem Messegelände. Drinnen klatschten sich die Genossen vor herzroten Stellwänden die Finger wund - für einen Mann, von dem sie noch vor zwei Jahren gesagt hätten: Schön, dass der jetzt langsam in Rente geht. Nun ist Peer Steinbrück, Überraschung, Überraschung, offizieller Kanzlerkandidat der SPD und muss 2013 "Mutti" schlagen, die über allem thronende, über alles hinweg schwebende Kanzlerin Angela Merkel. Hat er eine Chance? Der head-to-head-Vergleich.

Wer ist in der Bevölkerung beliebter?

Sorry, SPD, aber diese Frage ist sehr, sehr einfach zu beantworten: Angela Merkel. Seitdem ihr nicht mehr der Freiherr von und zu Guttenberg im Nacken sitzt, der Posterboy der Konservativen, steht sie wieder einsam an der Spitze der Beliebtheitsskalen. Könnten die Bürger den Kanzler direkt wählen, würden sich 50 Prozent für Merkel entscheiden und 26 Prozent für Steinbrück. Noch Fragen?

Vorteil Merkel.

Wie steht es um Alter und Fitness?

Die Kanzlerin hat sich selbst mal als "Bewegungsidioten" bezeichnet, sie hat mit Sport - mal abgesehen von den Wandertouren in Südtirol mit Gatte Sauer - nichts am Hut. Aber sie ist unglaublich zäh. Niemand in Berlin weiß, wie sie ihr Programm durchhält: nächtelange Krisensitzungen, Reisen, Empfänge, Sieben-Tage-Woche. Auf Nachfrage antwortet sie lächelnd, sie würde wie ein Kamel funktionieren - könne also Schlaf und Ruhe gut bunkern.

Steinbrück wurde schon mal auf dem Fahrrad gesichtet. Aber auch mit Zigarette. Er ist eher - wie Merkel - Typ Denksportler, bekannt ist seine Leidenschaft fürs Schachspielen. Von sich selbst sagt Steinbrück, er fühle sich "fit" für die Kandidatur, ein paar Kilo hat er eigens dafür abgespeckt. Aber: Reicht das fürs Bootcamp Kanzleramt? Merkel hat den Nachweis geliefert. Steinbrück noch nicht.

Zudem: Peer Steinbrück ist 65 Jahre alt, Angela Merkel 58. Also:

Vorteil Merkel.

Wer hat die besseren Führungsfähigkeiten?

Ein Vorwurf hängt Merkel seit ewigen Zeiten nach: Sie führe nicht. Sondern lasse Debatten erst mal laufen, um sich in letzter Sekunde an die Spitze der Mehrheit zu setzen. Und es stimmt ja auch: die größten Projekte der schwarz-gelben Regierung, die Bundeswehrreform und die Energiewende, hatte Merkel nicht eingeplant. Sie sind ihr einfach zugestoßen.

Steinbrück hingegen hat auf dem Sonderparteitag in Hannover klar gesagt, was er will. Er ist nicht ungefähr, sondern konkret. Und er hat, auch das ist ein Kunststück, die SPD hinter sich versammelt. Sollte er Kanzler werden wird er Führungsfähigkeiten nach beiden Seiten beweisen müssen: gegenüber den Bürgern und gegenüber seiner widerborstigen Partei. Er traut es sich zu.

Vorteil Steinbrück.

Unterschiede in der Rhetorik?

Sorry, CDU, aber diese Frage ist sehr, sehr einfach zu beantworten: Steinbrück ist der bessere Redner. Der Mann hat Esprit, Schärfe, Humor sogar eine Prise Selbstironie. Im hinteren Teil seiner Parteitagsrede in Hannover, die knapp zwei Stunden lang war, sagte Steinbrück, er käme nun zum "Hauptteil" und holte sich die Lacher ab. Das würde Merkel nie passieren. Leider.

Vorteil Steinbrück.

Wer hat das bessere Standing in seiner Partei?

Angela Merkel hat alle Konkurrenten über die Jahre hinweg abgeräumt und bekanntlich ist die CDU in erster Linie ein Kanzlerwahlverein. Deswegen sind die knapp 98 Prozent, die sie bei der Wiederwahl zur Parteivorsitzenden einsackte, wenig verwunderlich. Die CDU ist Merkel und Merkel ist die CDU, das hat schon einen nordkoreanischen Anstrich.

Dass die SPD-Delegierten Steinbrück mit rund 93 Prozent zum Kanzlerkandidaten ausriefen, ist es schon eher verwunderlich - er war lange Jahre eher geduldet als geliebt. Aber auch die Sozialdemokraten hatten keine personelle Alternative. Und ein schönes Wahlergebnis macht noch keinen Sommer.

Vorteil Merkel.

Was sagt das Applausometer?

Gestoppt, nach Merkels Parteitagsrede in Hannover: 7 Minuten 44 Sekunden standing ovations. Zum Vergleich: Steinbrück holte 10 Minuten 59 Sekunden. Das war, klar, auch ein Akt sozialdemokratischer Selbsthypnose. Gleichwohl:

Vorteil Steinbrück.

Wer hat die besseren Koalitionsaussichten?

Die CDU hat nur noch ein Ziel: Bei den Bundestagswahlen 2013 so stark zu werden, dass es unmöglich ist, ohne sie zu regieren. In den Umfragen steht sie momentan bei 37 Prozent. Aber: Ihr gehen die Koalitionspartner aus. Die FDP ist schwach, die Grünen wollen nicht, die SPD ist noch von ihrem Schrumpfungsprozess während der Großen Koalition traumatisiert.

Die SPD hat auch ein Ziel: Rot-Grün. Rein rechnerisch reicht es derzeit nicht, aber es ist zumindest ein Modell, auf das sich die Partner geeinigt haben und für das es reichen könnte. Holt die FDP auf, könnte aber auch wieder Schwarz-Gelb im Spiel sein. Und dann sind da noch alle anderen lustigen Farbkombinationen (auch wenn sie derzeit jeder dröhnend ausschließt), vor allem Schwarz-Grün und eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP.

Unentschieden.

So steht es nach der amtlichen stern.de-Auswertung derzeit 3:3 zwischen Merkel und Steinbrück - und das ist weit mehr, als die Sozialdemokraten nach der verheerenden Wahlniederlage 2009 wohl jemals zu träumen wagten. Es ist eine reizvolle Situation für den Start in den Bundestagswahlkampf, den Steinbrück nun permanent, und Merkel, nach Kräften, gar nicht führen wird. Sie hat ihre Linie im Umgang mit der SPD schon gefunden: einfach ignorieren. Sich selbst als Handelnde und die Opposition als Quengelköpfe präsentieren.

Allein: So einfach wird es für die Kanzlerin diesmal nicht werden.

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