Die Stunde der Schmusebubis

19. Oktober 2012, 07:10 Uhr

Mehr Talent, härtere Fights um die Besten im Team: Nena & Co. wollen bei "The Voice of Germany" einen drauflegen. Doch die erste Folge gehörte Milchbubis mit Schmalzstimmen. Es droht, öde zu werden. Von Ina Linden

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"Verliebt in die ruhigeren Töne": Die "Voice of Germany"-Juroren (v. l.) Rea Garvey, Xavier Naidoo, Nena und The BossHoss©

Neo ist 18 und schüchtern. Er war sogar mal sehr schüchtern, bis seine Musiklehrerin ihm gesagt hat, dass er bei einer Abschlussfeier singen soll. Das hat er dann auch gemacht und seitdem kann er ziemlich tough in die Kamera sagen, dass er irgendwas zwischen "Todesangst und lasst-mich-auf-die-Bühne!" spürt. Als er vor die Jury tritt, stimmt er zart und diszipliniert die Tears-for-Fears-Ballade "Mad World" an, versetzt seine hohe Stimme mit Vibrato und "Mööööp!" schlägt Juror Rea Garvey schon auf seinen Buzzer.

Die übrigen "The Voice of Germany"-Coaches - Soulprofi Xavier Naidoo, NDW-Ikone Nena und das Berliner Countryrock-Duo The BossHoss - lassen sich nicht lange bitten und kaum sind die 90 Sekunden rum, die jeder Kandidat Zeit hat sich zu präsentieren, hat Neo schon die Qual der Wahl, von welchem Musiker er sich in den nächsten Wochen gern herumkommandieren lassen möchte.

"Etwas verliebter in die ruhigeren Töne"

So bombastisch, wie die Sender ProSieben und Sat.1 die zweite Staffel der Casting-Show "The Voice of Germany" angekündigt haben ("Ein Knopfdruck kann alles verändern"), so öde könnte der Überraschungserfolg diesmal werden. In der ersten Runde der "Blind Auditions" - die Jury dreht den Kandidaten den Rücken zu und darf erst gucken, wenn sie auf den "I like"-Button gedrückt hat - buhlten Nena und Co. vor allem um Jungs wie Neo: niedlich, hübsche Stimme, Kreischfaktor bei Mädchen unendlich. Gitarrist und Sänger Nick aus Brighton traf mit seinem Song "I won't give up" den gleichen Nerv, Blondinen im Publikum heulten, Xavier Naidoo war "ganz geplättet" und "wollte immer schon mit jemandem wie dir arbeiten". Pech für ihn, dass sich der Brite für Reamonn-Frontmann Rea Garvey entschied.

Wegen Naidoo könnte sich das Einschalten in den nächsten Folgen übrigens durchaus lohnen: Der erfolgsverwöhnte Soulbarde bekam von den vier Kandidaten, die alle Coaches in ihren Teams haben wollten, nur einen ab: den, zugegeben, ziemlich begabten Jesper aus Hamburg. Der 25-Jährige hat zwar nach eigener Aussage erst ein paar Zufallsgigs in Tapas-Bars auf dem Buckel, zeigte aber in der männlichen Variante des großen Soulklassikers "You make me feel like a natural (wo)man" Talent, Mut und eine erstaunlich treffsichere Bandbreite zwischen Bass und warmer Kopfstimme. Aus der Runde der Schmalzbuben stach er leicht hervor und bestätigte so auch das Konzept der Sendung - das ja eigentlich nur darin liegen soll, eine tolle Stimme zu entdecken - das aber Naidoo ganz nebenbei verriet, indem er Punkrocker Matt Voodoo mit den Worten "Wir sind im Moment etwas verliebter in die ruhigen Töne" hinauskomplimentierte.

Jenna, die einzige Powerpflanze

Bleibt zu hoffen, dass ProSieben und Sat.1 dieses "Konzept" nicht eisenhart durchziehen, dann könnte es ziemlich öde werden. Immerhin zeigten sich auch alle fünf Coaches von der 22-Jährigen Jenna aus dem Häuschen, die ihre Ausbildung geschmissen hat, um zu singen und mit ihrer wilden R&B-Nummer "Next To Me" Hoffnung auf kommende Folgen keimen lässt, wenn die tätowierte Powerpflanze mit den verbliebenen Kuscheljungchens in den Ring geschickt wird.

Dennoch haben Fans der ersten Staffel, die sich einen zweiten Knaller à la Gewinnerin Ivy Quainoo wünschen, Grund, nervös zu werden. Wie schon in der ersten Runde kann man fast riechen, dass die allermeisten der durchweg talentierten Teilnehmer nicht mal den Hauch einer Chance auf den Sieg haben. Nicht die 31-jährige Tiffany mit ihrem klassischen Melissa-Etheridge-Rock und schon gar nicht die 42-jährige Ruhrpottröhre Brigitte (Nena: "Das ist voll mein Humor, ich flipp aus"), die es mit der Intonation nicht immer ganz genau nimmt.

Ansonsten scheint die zweite Staffel zuverlässig den gewohnt matten Unterhaltungsgrad zu bieten, was 4,69 Millionen Zuschauer (15,5 Prozent Marktanteil) nicht davon abhielt, zuzuschauen. Die fünf Coaches streiten sich um die begehrtesten Kandidaten mit der Bissigkeit einer Sonntagnachmittags-Fußballmannschaft. Am meisten Spaß machen noch die Fights zwischen The BossHoss und Rea Garvey. Wenn Alec Völkel den Reamonn-Sänger als "irische Pfeife" abkanzelt und der wiederum ganz nebenbei von der Jury als "den Musikern und den zwei Cowboys" spricht. Auf in die nächste Runde.

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