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Tezel wie Gemetzel

Vom Aschenputtel zur "Tatort"-Kommissarin: Wer die Schauspielerin Aylin Tezel trifft, lernt ein Energiebündel mit eisernem Willen kennen. Porträt einer Ehrgeizigen.

Aylin Tezel

Aylin Tezel: Das Spiel mit den Rollen beherrscht die 32-Jährige.

Wie nur spricht man diesen Namen aus? Phonetisch sanft, wie Brezel? "Tezel. Wie Gemetzel", sagt sie. Aylin Tezel, 32, Schauspielerin. 1,66 Meter groß, 50 Kilo leicht. Sie tanzt, seit sie sechs Jahre alt ist. Als der Regisseur Uwe Janson ihr 2011 die Titelrolle in seinem Märchenfilm "Aschenputtel" gab, passte das perfekt. Gerade schreit Aschenputtel allerdings in einem Seniorenheim einen alten Mann an: "Sie kommen ins Gefängnis, wenn Sie nicht reden. Kapieren Sie das? Ins Gefängnis!" Der alte Mann weint.

Nix Märchen. Hier brüllt ein Bulle. Wir sind beim "Tatort"-Dreh und Tezel gibt die etwas überambitionierte Kommissarin Nora Dalay. Mit Jörg Hartman, Anna Schudt und Stefan Konarske gehört sie zum Dortmunder "Tatort"-Team. Tezel spielt noch die Normalste in dieser herrlich kaputten Truppe aus psychisch angeknacksten Ermittlern. Frank Tönsmann, der verantwortliche WDR-Redakteur, lobt ihr "Talent, ihre Frische und ihre Direktheit".

"Ich lass mich nicht beeindrucken von Äußerlichkeiten"

Zum ersten Treffen trägt sie einen blauen Pullover, Jeans, kaum Schmuck, nur zwei kleine Ohrringe und ein Armband aus Stoff. Kein Make-up. "Ich denke vorher nicht: Oh, der stern kommt, welche Lippenstiftfarbe trage ich? Das bin ich nicht" , sagt sie. "Ich lass mich nicht beeindrucken von Äußerlichkeiten. Auch nicht von meinen eigenen. Das ist natürlich jetzt voll der Klischeesatz: Aber für mich zählt das, was hinter der Fassade ist.“ Nun ist es nicht so, dass ihr Äußeres ihr nicht bei der Karriere geholfen hätte. Man schaut Aylin Tezel einfach gern bei der Arbeit zu. Bei der Berlinale darf sie regelmäßig in Kleidern teurer Designer über den roten Teppich schreiten.

Geboren wurde Aylin Tezel 1983 im Städtchen Bünde in Nordrhein-Westfalen als Tochter eines türkischstämmigen Arztes und einer deutschen Kinderkrankenschwester; mittleres von drei Kindern. "Ich hatte eine unbeschwerte, glückliche Kindheit", sagt sie. "Als Deutsch-Türkin hab ich mich nie gefühlt. Ich komm aus Bünde in NRW. Punkt. Ich spreche noch nicht mal Türkisch. Dem Bild der tragisch zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissenen jungen Frau kann ich einfach nicht entsprechen.“ Aylins Mutter ist Christin, der Vater Muslim, und die Eltern entschieden, dass die Kinder ihre Religion selbst wählen sollen - wenn sie denn überhaupt eine wollen.

"Sie haben uns", sagt Aylin Tezel, "auf sanfte Weise Werte vermittelt, aber keine Dogmen." Zur Schule ging sie gern, doch viele Jahre war sie ein schüchternes Kind, vor allem, wenn es nach draußen ging, raus aus dem sicheren Schoß der Familie. "Immer wenn ich zu einem Kindergeburtstag eingeladen wurde", erzählt sie, "war ich total aufgeregt wegen der anderen, die ich noch nicht kannte. Aber irgendwann kam dann immer der Punkt, wo ich so drin war in einem der Spiele, dass ich dann total wild und ausgelassen wurde. Ich brauchte immer diesen Rahmen, eine Rolle, um meine Schüchternheit loszuwerden. Vielleicht bin ich deshalb Schauspielerin geworden."

Auf der Schauspielschule fühlte sich Aylin Tezel eingeengt

Nach dem Abi begann sie aber erst einmal eine Ausbildung zur Tanzpädagogin. Tanzen ist ihre große Leidenschaft. Bis heute. Aber nicht die einzige. Aylin Tezel bewarb sich auf der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule, wurde angenommen und setzte die Tanzpädagogik-Ausbildung während der Schulzeit dennoch fort und beendete sie. "Ich habe sogar unterrichtet", sagt sie. "Karoline Herfurth und ich waren zusammen auf der Schauspielschule, ihr habe ich in meiner Berliner Zweizimmerwohnung etwa ein Jahr lang Tanzunterricht gegeben."

Wenn man ihr zuhört, fällt einem diese Liedzeile von Udo Lindenberg ein: "Ich mach mein Ding. Ganz egal, was die anderen sagen." Beendet hat sie die Schauspielschule nicht, was kein Widerspruch zu ihrer Willenskraft ist. Sie fühlte sich eingeengt. Mit 22 suchte sie sich eine Agentur und wartete. Schon bald gab es ein Angebot zu einem Casting, dann kamen kleine Rollen. Zum ersten Mal fiel sie 2007 in dem umstrittenen " Tatort" "Wem Ehre gebührt" auf, in dem sie an der Seite von Maria Furtwängler eine junge Alevitin spielte, die von ihrem Vater missbraucht wurde.

Tezels Durchbruch war der Kinofilm "Almanya - Willkommen in Deutschland", die Geschichte einer Gastarbeiterfamilie. Ihre bisher wohl beste Leistung bot sie in dem Drama "Am Himmel der Tag", in dem sie eine junge Frau spielt, die von einer Zufallsbekanntschaft schwanger wird, sich für das Kind entscheidet und dann eine Totgeburt erlebt. Tezel bewies in dem Film, dass sie das Zeug zur Charakterrolle hat. Am 19. März ist sie um 20.15 Uhr im Ersten in dem Thriller "Die Informantin" zu sehen. Sie spielt die Titelrolle, eine Frau, die einen Drogenboss bespitzeln soll, um selbst straffrei zu bleiben. Der Film hat ein paar dramaturgische Unwuchten, aber Tezel allein lohnt das Ansehen. Sie flucht, verführt, fleht und droht. Tezel wie Gemetzel.

Ein atemloses Leben

Oft spricht sie von ihrem Lebenshunger, diesem "Brennen, noch mehr zu erleben". Sie könne "nicht einfach rumsitzen, zufrieden sein und nix tun". Also drehte sie zwischen ihren Engagements in den vergangenen vier Jahren nebenbei zwei selbst finanzierte Kurzfilme. Ein atemloses Leben: Fünfmal in der Woche macht sie Sport, Laufen oder Tanzen. Vollgas, auch wenn es manchmal wehtut.

Vergangenes Jahr im wahrsten Sinne des Wortes: Beim Dreh zum "Tatort" "Hydra" knallte ihr in einer actiongeladenen Szene ein Barhocker an den Kopf. "Und dann lag ich da. Und alle guckten entsetzt auf mich runter. Ist ein komisches Gefühl, wenn du merkst, du hast ein Loch im Kopf, und da läuft das Blut raus. So ganz warm den Nacken runter. Und ich dachte: Oh, das ist nicht gut.“ War es auch nicht. Die Wunde musste genäht werden. Es hat gedauert, ehe der Krankenwagen kam. Tezels größte Sorge war dann später im Krankenhaus, dass die Ärzte ihr zu viele Haare an der Platzwunde wegrasieren würden. "Ich wollte ja schnell weiterdrehen. Also lag ich da mit einem Schock auf der Trage und gab den Ärzten Anweisungen. Die dachten wohl: Mann, ist die anstrengend." Drei Tage später stand sie wieder vor der Kamera. Aber so lange hat es nur gedauert, weil der Unfall an einem Freitag war und das Wochenende dazwischenlag.

Verausgaben, Energien rauslassen

Drehen sei für sie viel mehr als Arbeit. "In meinem Kopf", sagt sie, "sind oft so viele verschiedene Gedanken, Energien und Gefühle, dass ich mich manchmal selbst blockiere. Overkill sozusagen. Und ich suche immer einen Weg, diese Energien irgendwie in einem strukturierten Rahmen rauszulassen. Deshalb mag ich meinen Beruf so sehr." Beim Tanzen und beim Sport geht es ihr ähnlich. "Weil man dann total im Augenblick ist und sich verausgabt. Dann kann all die Energie raus. Das entlastet mich ungemein."

Verausgaben, Energien rauslassen: Aylin Tezel macht viel, aber man kann sie sich nicht haltlos vorstellen. Alles an ihr wirkt beinahe perfekt. Ihre Karriere, ihre Rollen, ihre Lebensgeschichte. Zufall ist das nicht unbedingt. Ihre Abinote (1,5) darf jeder wissen, ihre Herkunft ist Teil ihrer öffentlichen Persönlichkeit. Aber wenn es wirklich privat wird, bremst sie. Nicht einmal, ob sie einen Partner hat, will sie sagen. "Ich will einen privaten Raum haben, der unantastbar ist, der nur mir, meinen Freunden und meiner Familie gehört. Und auf den hat niemand anders Anrecht als wir. Das ist auch eine Kraftquelle für mich." Es ist auch ein Schutz für Zeiten, in denen man die Privatheit, die man einmal öffentlich zugelassen hat, nicht mehr loswerden kann.

Aylin Tezel: Ein neuer Typus Schauspieler

Wie war der Satz von vorhin noch einmal? "Für mich zählt das, was hinter der Fassade ist." Man glaubt es ihr. Aber um sich selbst hat sie eine feste Mauer gebaut, hinter die keiner gucken darf. Und sie sitzt oben und kontrolliert ihr öffentliches Bild. Tezel verkörpert in dieser Mischung aus strikter Karriereplanung, Selbstoptimierung und Abschottung einen neuen Typus Schauspieler. Es gibt mittlerweile einige wie sie. Dramen, Krisen und Exzesse, wie sie einst Romy Schneider öffentlich zelebrierte - undenkbar für Aylin und die Generation Self Control.

Der nächste Schritt für Tezel soll die internationale Karriere sein. "Da will ich definitiv noch hin", sagt sie. Tezel spricht sehr gut Englisch, ist oft in London und wird mittlerweile auch von einer internationalen Agentur betreut. In der Serie "Homeland" durfte sie schon einmal durchs Bild laufen, wurde dann aber bedauerlicherweise gleich umgebracht. "Immerhin ein Anfang“, sagt sie. Sie weiß, dass sie international ganz von vorne anfangen und kleine Brötchen backen muss. "Aber das macht nichts. Das sind bisher nur Träume. Aber Träume, für die ich mich einsetze.“

Gerade regt sie sich darüber auf, dass Frauen in Deutschland immer noch schlechter bezahlt werden, da hört sie plötzlich auf zu reden, reißt die Arme hoch und ruft: "Das ist doch mein Lied!" Aus den Lautsprecherboxen des Restaurants dudelt leise ein Klassiker: "Come on Eileen" von Dexys Midnight Runners. "Das ist das einzige Lied, das ich kenne, in dem mein Name vorkommt", sagt sie lachend. "Das haben sie schon auf meinen Kindergeburtstagen gespielt." Dann singt sie leise mit. "Come on, Aylin."

Am 19. März ist Aylin Tezel an der Seite von Ken Duken in dem Thriller "Die Informantin" zu sehen, der um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird.

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