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Die Liebe regelt der Markt

22 Frauen kämpfen wieder um einen Bachelor. Im Wettbewerb der selbstoptimierten Damen zählen einmal mehr vor allem das werbetaugliche Äußere und die traditionellen Werte.

Von Jan Zier

Anni, Leonie, Denise und Franziska (v.l.) umgarnen Leonard

"Die Kämpfe sind eröffnet": Anni, Leonie, Denise und Franziska (v.l.) umgarnen Bachelor Leonard

Es ist ja viel von Frauen die Rede, seit diesem Jahr, und wie man ihnen richtig begegnet. Da kommt der neue Bachelor auf RTL doch gerade richtig. Ein Mann, 22 junge Damen, und alle wollen nur das eine. Da kann man bestimmt viel lernen. Zum Beispiel, dass innere Werte vollkommen überbewertet werden. Vor allem, wenn lauter, nun ja, nach dem allgemeinen Geschmack eben ziemlich gut aussehende Menschen so unter sich sind.

Leonard Freier (nein, keine Namenswitze) hat natürlich ein Sixpack und einen Dreitagebart, dazu strahlende blau-grüne Augen. Sie wiederum sind alle gertenschlank und könnten auch in der Warteschleife für "Germany's Next Topmodel" stehen, oder wenigstens, wo sie schon bei RTL sind, sich bei Guido Maria Kretschmer als "Deutschlands schönste Frau" bewerben. Und der hätte sonst ja vielleicht auch noch bei "Shopping Queen" für sie einen Platz! Kann aber noch kommen. Eine Bewerbung für das Dschungelcamp, gleich anschließend, ist so eine Nominierung beim Bachelor ja eh.

Kampf um den Bachelor

Allzu sehr aus dem Rahmen des Mainstreams dürfen die Frauen zwar nicht fallen, aber ein multikultureller Hintergrund bei der einen und ein Tattoo oder ein Job & Outfit als Burlesque-Tänzerin bei der andern sind schon geduldet. Alle Frauen hier sind mit dem Bewusstsein groß geworden, dass sie sich selbst stets zu optimieren haben, um zu gefallen, vor allem äußerlich, den Männern, der patriachalen Gesellschaft. Sie leben auch brav danach. Und die Beziehung, das regelt dann natürlich auch der Markt. Alles hier ist ein Wettbewerb.

"Die Kämpfe sind eröffnet", sagt Friseurmeisterin Marisa Schubert, 23 - und das beginnt schon am Flughafen von Miami. Eine von ihnen, Sandra Brexel, hat ihren Koffer nicht bekommen, er ist noch in Frankfurt. Shit. Da habe sie jetzt "kein Mitleid", sagt Elvira Stanski und lacht schadenfroh in die Kamera. Was sind schon Solidarität und Hilfsbereitschaft, wenn man einen Wettbewerbsvorteil haben kann? Gelebter Neoliberalismus zur besten Sendezeit.

Am Ende wird Frau Stanski, 21, aber trotzdem keine Rose bekommen. Ein menschlicher Lichtblick? Hm. Es kann auch daran liegen, dass sie im ersten Gespräch auf die naheliegende Frage nach den Hobbys offenherzig "keine" antwortet und ihr auch auf beharrliche Nachfrage nur "shoppen" einfällt. Na ja, und dann war da noch die Aussage, dass es "kein großes Problem" sei, dass der Bachelor, zwar Single, aber schon Vater ist.

Ein "Workaholic" mit viel Zeit für seine Tochter?

Ein Jahr ist seine Tochter alt, und als guter Vater, der er natürlich sein will, sagt er gern und oft, dass sie "das Wichtigste“ in seinem Leben ist. Und dass er "viel Zeit" mit ihr verbringt. Im nächsten Satz sagt der 30-jährige Unternehmensberater dann, dass er ein "Workaholic" ist – ein Kollege bestätigt das auch – und dass "Erfolg" ein wichtiges Thema in seinem Job sei. Wie beides zusammenpasst? Steht hier nicht zur Debatte, wird nicht hinterfragt. Genauso wenig wie das traditionelle Geschlechter- und Beziehungsbild, dass die Sendung oft und gerne transportiert.

Ansonsten ist das Kennenlernen erwartungsgemäß eintönig. Am Anfang kommt fast stets ein gegenseitiges Kompliment über das Aussehen. Dann der folgende Dialog: Sie: "Ich bin ein bisschen aufgeregt!" Er: "Ich auch. Es ist ja eine besondere Situation für uns beide." Hinterher wird sie sagen, dass sie sprachlos sei. Dass er ja sooooooo gut aussehe. Und dann wollen alle Frauen zuerst wissen, wie alt er denn ist. Aber nur eine hat ihn gleich gefragt.

"Alter, ey, ich zitter"

Auch auf die Frage mit Leonards Tochter gibt es natürlich den richtigen Standard-Dialog. Er: "Sie ist jetzt ein Jahr alt." Die Frauen (im Chor): "Ooooooh". Pause. Sie: "Aber du möchtest schon noch Kinder?" Ja, er will nochmal eine Familie gründen. Sie: "Dann ist ja alles gut." Ein bisschen blondchenmäßig dürfen die Frauen gerne rüber kommen, erst recht wenn sie wirklich blond sind. Da macht es dann auch nichts wenn sie Marineoffizier sind. Hauptsache, sie kreischen trotzdem. Und sagen "Alter, ey, ich zitter", wenn sie das erste Mal im SUV zum Bachelor gefahren werden, und "Ey, das is 'n Mann", wenn sie ihn dann, erstmals, noch aus der Ferne vor der Villa sehen.

Fünf von 22 Frauen müssen am Ende eines Abends mit Sekt und etwas Small-Talk wieder gehen, "eine unglaublich schwere Entscheidung", sagt Herr Freier immer wieder, denn er sucht ja die große Liebe hier im Fernsehen. "Und diese Entscheidung ist endgültig."

Da ist er wieder, dieser große Moment, und denkst: Ja, hier, in diesen Kämpfen, da geht es wirklich um alles.

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