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30. November 2007, 07:49 Uhr

Karneval der großen Tiere

Vergoldete Rehe für Eva Longoria, Henry Maske und Tom Cruise, Harald Schmidt als gebremst ironischer Conferencier: Die 59. Bambi-Verleihung, die die ARD gestern live aus Düsseldorf übertrug, gestaltete sich als ziemlich seltsame Mischung - und vor allem ziemlich lang. Von Peter Luley

Eva Longoria , Sophia Loren und Tom Cruise (v.l.n.r.) posieren mit ihrer Auszeichnung, Laudatorin Maria Furtwängler mit den Stars© Oliver Berg/DPA

"Das ging ja wie im Fluge", beschloss Harald Schmidt um 23.30 Uhr den TV-Abend, und das allgemeine befreite Gelächter des Publikums im Congress-Center Düsseldorf bewies, dass das nicht sein schlechtester Gag gewesen war. Fast eine Stunde hatte man überzogen bei der vom Verlagshaus Burda inszenierten Rehkitz-Vergabe - was allerdings weniger an der Vielzahl anrührender Momente lag als an der schieren Fülle der Preisträger, Laudatoren und Musik-Acts.

Eine nachvollziehbare Kategorisierung gehörte ja noch nie zu den hervorstechendsten Merkmalen des nach eigenem Selbstverständnis "wichtigsten deutschen Medienpreises" - eher schon handelt es sich bei dem 1948 als Filmpreis gestarteten Promi-Schaulaufen um einen Karneval der großen Tiere, ein institutionalisiertes Zusammentreffen schillernder Akteure aller Genres, bei dem keiner von keinem so genau weiß, ob er nun als Lobredner, Preisträger oder beides geladen ist. Seit jeher scheint bei dem Stelldichein das Prinzip "Wer will noch mal, wer hat noch nicht?" zu regieren - wobei nicht einmal das als zuverlässiges Kriterium gelten darf.

Hymne auf Königin Rania von Jordanien

So überreichte zu Beginn die zweifache Bambi-Besitzerin Veronica Ferres nach formvollendeter Anrede des Stifters ("verehrter Professor Hubert Burda") das Rehkitz in der Sparte "Schauspiel international" an den gerührten Armin Mueller-Stahl - und wäre später für ihre Rolle als "Die Frau vom Checkpoint Charlie" beinahe selbst erneut prämiert worden. Die US-Aktrice Eva Longoria (ja, auch sie live vor Ort!) wurde stellvertretend für das "Desperate Housewives"-Ensemble in der Rubrik "TV-Serie international" geehrt, bevor Alt-Außenminister Hans-Dietrich Genscher eine Hymne auf das karitative Wirken der Königin Rania von Jordanien anstimmte (Ehren-Bambi).

Heiner Lauterbach rühmte das Comeback des Boxers Henry Maske (Sparte: Comeback), Ex-"Tagesthemen"-Anchor Ulrich Wickert pries ZDF-Frau Maybrit Illner als "Fixstern" des TV-Geschäfts (Bambi Information), und Moderator Schmidt persönlich verehrte Hape Kerkeling für dessen Pilger-Bestseller "Ich bin dann mal weg" eine Trophäe der Kategorie Kultur.

Schmidt als Gottschalk

Die Rolle Schmidts, der nun zum zweiten Mal in Folge als Moderator der Gala fungierte, war ohnehin ein Fall für sich: Der wegen seiner Show-Partnerschaft mit Oliver Pocher seit kurzem unter verschärfter Feuilleton-Beobachtung stehende Chefzyniker als dosiert launiger Conferencier einer Branchen-Selbstbespiegelung? Als Gottschalk-artiger Ansager von Showacts wie James Blunt, Bon Jovi und Rihanna? Das dürfte die Schmidt-Deuter noch eine Weile beschäftigen und ist natürlich ein schwieriger Spagat.

Einerseits darf er es mit ketzerischen Bemerkungen wie "Im Grunde gehen wir doch alle auf der Sonnenseite der Einbahnstraße" nicht übertreiben, andererseits ist er genau dafür engagiert. Und einerseits bemäntelte die Tatsache, dass er seine Ankündigung der Laudatorin Sabine Christiansen als "First Lady des Fernsehens in Deutschland" mit einem maliziösen Lächeln versah, nur bedingt, dass er es eben dennoch tat. Andererseits wäre es verfehlt, den mitunter zähflüssigen Ablauf der Kurzreden-Parade gerade dem Moderator anzulasten: Ohne Brechung durch ironische Spitzen wäre die Veranstaltung wohl komplett unerträglich - und die lieferte Schmidt, anders als das bei Kerner, Beckmann und Co. vorstellbar wäre, eben auch. Hübsch der Einspieler über sein Bambi-Verteilen an Passanten auf der Kö, der die Willkür der Vergabe aufs Korn nahm, oder die Scherze über die Sitzordnung im Saal und sein kleines Quiz um die Zuordnung heikler Promi-Zitate, das alle Anwesen den ein wenig transpirieren ließ.

"Respekts-Bambi" für Heesters

Neben den vielen Kameraschwenks über die illustren Gäste an den weiß gedeckten Tischen (Guckt der oder die gelangweilt? Kommt der oder die noch auf die Bühne?) gab es auch ein paar wenige spektakuläre Show-Momente: Etwa, als "Bunte"-Chefin Patricia Riekel dem bald 104-jährigen Johannes Heesters einen "Überraschungs- bzw. Respekts-Bambi" überreichte, der greise Gast sich erhob und offensichtlich gern zu einer längeren Rede angesetzt hätte. Riekel indes fuhr ihm mit der Vertröstung in die Parade, ihn künftig jedes Jahr prämieren zu wollen, so er denn komme. Zu den bewegendsten Augenblicken gehörte der Auftritt des Ensembles des ARD-Films "Contergan", der mit einem "Sonderpreis der Jury" bedacht wurde: Als die behinderte Hauptdarstellerin Denise, begleitet von Benjamin Sadler und Katharina Wackernagel, zunächst den Rest der Crew auf die Bühne bat, "weil das ja sonst ungerecht wäre", und dann Regisseur Adolf Winkelmann und Produzent Michael Souvignier engagierte Dankesworte fanden, hatte man das Gefühl, hier habe es mal die Richtigen getroffen.

Bizarr dagegen der Auftritt des mit einem "Bambi Courage" geehrten Hollywood-Mimen Tom Cruise, der mit Gattin Katie Holmes erschienen war und von "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher für seine Verkörperung des Nazi-Widerständlers Graf Stauffenberg belobigt wurde: Mit wahrem Furor dozierte der bekennende Scientologe über deutsche Gastfreundschaft und "das epische Drama, genannt Leben" und wollte gar nicht mehr enden.

Das Schlusswort gebührte dann der italienischen Diva Sophia Loren, die sich den insgesamt neunten Bambi ihrer Laufbahn - diesmal fürs Lebenswerk - abholte. In Ermangelung eines Italienisch-Dolmetschers versuchte sich Burda-Gattin und Schauspielerin Maria Furtwängler - ihrerseits für "Die Flucht" mit dem Publikumspreis bedacht - an der Übersetzung der Dankesworte. "Ich liebe dich - e basta", beendete schließlich Loren die schwierige Prozedur. Hätten sich alle so pointiert ausgedrückt, wäre die Zeit wie im Flug vergangen.

Von Peter Luley
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Twipsy (30.11.2007, 16:19 Uhr)
Schmidt
Laßt das nächste Mal Kerner den Preis verleihen, dann habe ich wenigstens keinen Grund mehr mir das anzusehen. Fand es lustig, als am Ende alle Preisträger und Laudatoren auf die Bühne gerufen worden, aber kaum einer kam. Hauptsache Herr Burda und Markwort kamen oft ins Bild.
fettiz (30.11.2007, 15:05 Uhr)
spielt doch keine Rolle...
... ob in derart konfusen Preisverleihungen auch noch ein Scientologe einen Preis bekommt. Aber warum sollte er es nicht bekommen? Er bekommt den Preis als Schauspieler. Er ist nicht mehr oder weniger peinlich als andere seiner teilweise auch deutschen Kollegen - und er lieferte nicht mehr oder weniger gute Filme ab (z.B. im Vergleich mit Travolta). Über seinen Glauben kann man streiten, aber die ist es nicht seine Privatsache? In seiner Heimat würde darum auf jeden Fall keine kleingeistige Diskussion geführt werden, weil es sich in den USA eben um eine gemeinnützige Organistion handelt. Auch wenn Scientology eine schlechte Religion ist, kann trotzdem Tom Cruise doch ein guter Mensch sein, oder schließt sich das aus? Im Umkehrschluss wären dann alle Christen gut? Wurden auch noch nie Menschen im Namen Gottes traktiert, Gehirne gewaschen, Gelder kassiert?
Ach lasst dem Mann doch seinen Preis, vielleicht wird es ja ein toller Film, und über Scientolgy diskutieren wir woanders... (auch ich bin sehr kritisch gegen die Organsiation eingestellt, aber auch teilweise gegen andere...)
Burner (30.11.2007, 14:56 Uhr)
Witzveranstaltung !
Der Bambi ist doch sowas von überflüssig und wertlos !
kranina (30.11.2007, 14:26 Uhr)
Volltreffer
Genau so wie beschrieben, habe ich die Bambiverleihung empfunden.
bernie-abg (30.11.2007, 13:13 Uhr)
So ist nunmal der Bambi...
...er kommt bekommt auch einen.
Das ist die einzige Möglichkeit internationale "Stars" anzulocken, auch wenn man irgendwelche seltsamen Kategorien hinbiegen muß.
Am Ende gehts doch nur darum, daß die "Bunte" ein paar Bilder bekommt.
Absolut unwichtig und überbewertet und deshalb von mir ignoriert.
Mane60er (30.11.2007, 09:53 Uhr)
Mut-Bambi für Scientologen.
Wie weit mussten wir sinken einen Scientologen für Mut auszuzeichnen?
All Diejenigen die das ermöglicht haben, sollen sich in Grund und Boden schämen!
Ist keinen von diesen Verantwortlichen bewußt was Scientology mit den Menschen macht?
Ich kann nur sagen, unbegreiflich!
Eine schallende Ohrfeige gegen alle verdiensten Bambi-Preisträger und gegen jeden Menschen der für Demokratie und freies Denken steht.
Die bereits Geschädigten dieser "Kirche" mögen Euch verzeihen.
Die fragen sich vermutlich: Wissen Sie den nicht was "Die" tun?
gez.
Manfred Schweighart.
mebxl (30.11.2007, 09:46 Uhr)
Ich würde mich schämen..
Ich schliesse mich Heiner Lauterbach an. Es gibt Regisseure die mit dem Tod bedroht werden weil sie einen Film ueber radikale Gruppen drehen und dennoch weitermachen. Das ist Mut. Nicht in einer komplett abgeschirmten Umgebung einen banalen Film dehen und dafuer 50 Millionen bekommen.
Fuer alle anderen Bambi Gewinner: Ich wuerde mich schämen mit einem Mann der Scientologie Sekte in einer Reihe zu stehen. Aber dafuer fehlt unserer Garde das Rueckrad.
Schade....
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