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28. Juli 2008, 10:12 Uhr

Der WDR war seit Jahren informiert

Im Fall Hademar Bankhofer hatten Kritiker den WDR seit 2004 mehrfach gewarnt. Der Wissenschaftler Gerd Antes übte im Gespräch mit stern.de massive Kritik - am Schweigen des Kölner Senders und an den Methoden des vermeintlichen Gesundheits-Experten. Von Daniel Bouhs und Nicole Simon

Gerd Antes leitet das an der Freiburger Universität angesiedelte Deutsche Cochrane Zentrum© Deutsches Cochrane Zentrum

Am Donnerstag vergangener Woche zeigte sich der Westdeutsche Rundfunk äußerst konsequent: Nur einen Tag nachdem Schleichwerbe-Vorwürfe gegen Hademar "Mr. Gesundheit" Bankhofer bekannt wurden und dieser dem Sender auf Nachfrage einen Berater-Vertrag verschwieg trafen sich hochrangige Mitarbeiter um 15 Uhr ein letztes Mal mit ihrem vermeintlichen Experten. Das Ergebnis: Der Sender teilte wenige Minuten später mit, er werde mit Bankhofer fortan nicht mehr zusammenarbeiten. Und das nach elf Jahren, in denen Bankhofer regelmäßig als Gesundheits-Experte im "ARD-Morgenmagazin" auftrat, das der WDR in Köln produziert.

Bei der Schleichwerbe-Affäre steht ein Auftritt Bankhofers im "Morgenmagazin" aus dem Jahr 2005 im Mittelpunkt, bei dem Bankhofer mehrfach das Wort Klostermelisse in den Mund nimmt. Die wiederum ist eine eingetragene Marke von Klosterfrau Melissengeist, der Firma, mit der Bankhofer ein Jahr später einen Berater-Vertrag abschloss. Bankhofer gab sowohl im Gespräch mit stern.de als auch dem WDR zu seiner Verteidigung an, damals die Klostermelisse benannt zu haben, weil sie schließlich am Drehort, einem Garten in Bottrop, wachse. Apotheker Horst Stadtmann, der den Garten pflegt, sagte stern.de jedoch: "Bei uns gibt es keine Klostermelisse - und die hat es bei uns auch vor drei Jahren nicht gegeben."

Nun stellt sich aber heraus: Der WDR muss schon viel früher über die Kritik an ihrem Experten im Bilde gewesen sein - und hat offenbar nichts unternommen. Dabei geht es zwar nicht um Schleichwerbung, aber um die Qualität der Tipps, die Bankhofer stets gut gelaunt zu frühmorgendlicher Stunde präsentierte. Und das ist für die Zuschauer zweifellos mindestens genauso interessant, geht es doch um die Frage, ob der WDR wissentlich haltlose oder gar gefährliche Gesundheits-Tipps verbreiten ließ.

Unhaltbare und gefährliche Gesundheitstipps

Im Gespräch mit stern.de äußerte Gerd Antes jetzt deutliche Kritik an den Empfehlungen von Bankhofer. Antes leitet das an der Freiburger Universität angesiedelte Deutsche Cochrane-Zentrum, eine hiesige Vertretung des internationalen Netzwerks für die wissenschaftliche Bewertung medizinischer Maßnahmen. Antes spricht von "völlig unhaltbaren Aussagen" Bankhofers. Und weiter: "Damit werden Leute hinters Licht geführt, die den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen nicht beurteilen können."

Bankhofer habe etwa zwei Wochen nach Neujahr im "Morgenmagazin" über die gescheiterten guten Vorsätze geplaudert. Rauchern, die es trotz ihrer Vorsätze nicht geschafft haben, ihr Laster aufzugeben, soll Bankhofer empfohlen haben, zu ihrem Schutz vor Krebs einfach viel Vitamin-C-reiches Obst und Gemüse wie Paprika zu essen. Antes warnt: "Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern vermittelt auch das Bild, dass man mit Paprika die negativen Folgen des Rauchens aufwiegen könnte." Bankhofer lud Antes ins Morgenmagazin einVor allem aber sagt Antes, seine Kritik sei nicht neu. Erstmals habe er 2004 per E-Mail an die Redaktion des "Morgenmagazins" geschrieben. Antes will sich in diesen Zeilen auf eine Bankhofer-Empfehlung bezogen haben, wonach sich an Rückenschmerzen leidende Menschen einfach mit Olivenöl einreiben sollten. "Ich habe darauf keine Antwort bekommen, obwohl ich die E-Mail in meiner vollen Funktion geschrieben habe", sagt Antes. Sein Cochrane-Zentrum genießt in der Wissenschaft eine hohe Anerkennung.

Kurios wird die Geschichte, wenn Antes erzählt, er habe 2006 schließlich sogar einen Brief mit seinen Bedenken an die "Morgenmagazin"-Redaktion und vor allem auch noch eine Kopie an den damaligen Intendanten Fritz Pleitgen geschickt. Einen Tag später soll Bankhofer höchst persönlich bei ihm angerufen haben. Er habe Antes gar in die Sendung eingeladen, um seine Sicht der Dinge zu schildern. Das schrieb Bankhofer Antes anschließend auch in einer E-Mail, die stern.de vorliegt. Doch zu diesem Auftritt ist es nie gekommen.

Der WDR wusste Bescheid

Antes berichtet von einem Gespräch mit Uwe Kirchner, dem Service-Chef des "Morgenmagazins": "Ich rief den Redakteur an. Es hieß aber, es geht im Moment nicht, weil sie unmittelbar vor der Fußball-Weltmeisterschaft ständen." Die Sache versandete dennoch.

Doch der Vorgang beweist: Der WDR wusste Bescheid. Das bestätigt auch eine Sprecherin des Senders. Sie sagt: "Ja, die Briefe gab es damals. Herr Antes hat ja auch eine Antwort bekommen." Antes Argumente seien für den WDR aber kein Grund gewesen, von Bankhofer Abstand zu nehmen. "Was Bankhofer bei uns empfohlen hat, tun doch andere Gesundheitsexperten auch", so die Sprecherin. Und weiter: "Wenn es bei uns tatsächlich um Medizinisches ging, war immer ein Mediziner da - und nicht Bankhofer."

Antes sagt, er habe zwischenzeitlich einen neuen Brief geschrieben und zwar am Freitag bevor Bankhofer vom WDR gefeuert wurde, also am 18. Juli 2008. Wieder soll der Brief an das "Morgenmagazins" gegangen sein und wieder an den Intendanten, diesmal an die neue, an Monika Piel. Und die Vorwürfe sollen diesmal erheblich massiver gewesen sein als noch in den Schreiben von 2004 und 2006.

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KOMMENTARE (10 von 13)
 
12cent.pro.min. (28.07.2008, 20:07 Uhr)
@flobec @palisades
lieber flobec, nein, sie haben recht....es gibt keine vorschrift dazu. vermutlich nicht zuletzt, weil es völliger schwachsinn wäre.
ich vermute, palisades verwechselt das ein klitzekleines bißchen mit falsi-/verifizierbarkeit von wissenschaftl. thesen. aber das auch auf studien anzuwenden ist ein humoriger einfall, palisades.
Foxbravo (28.07.2008, 17:57 Uhr)
Nicht nur
der WDR hat massive Probleme mit der nicht versteckten Werbung .
für Betrüger und Quacksalber
Konnte man/frau auch in NDR und Co erleben.
Und ZDF/ARD und Co mit Ihrer Werbung für allerei Doping, bei der derzeitigen Tour in France . Und bezahlt wird dieses fortlaufende Doping mit unseren Gebühren!
Und das ist die Schweinerei unserer Gesetzgebung bzgl. GEZ....
flobec (28.07.2008, 17:33 Uhr)
@palisades
"Studien in Deutschland müssen nach dem Ausschlussprinzip erbracht werden d.h. Sie müssen beweisen das etwas nicht funktioniert, nict das etwas funktioniert."
Man lernt nie aus.... gibt´s da auch eine Vorschrift zu? :-)
Erstrecht (28.07.2008, 17:17 Uhr)
Sommerloch?
Wie grotesk? Bankhofer`s Melissengeist muss jetzt zurück in die Flasche. Und was ist mit den sog. Experten und Professoren, die von der Industrie gesponsert in ihren Wirtschaftsinstituten Gefälligkeitsstudien zum Abbau des Sozialstaates erstellen?
Der Stern schmückt sich doch auch immer wieder mit Miegel, Raffelhüschen, Riester, Rürup um den Privatisierungswahn die richtige Richtung zu geben.
Deren "Schleichwerbung" ist doch sogar staatsfeindlich. Diese Republik, die hinter diesen Interessen entstehen soll, hat den Sozialstaat den Kampf angesagt. Und das ist eine Bedrohung für die Freiheit und die Demokratie!
Diese Herren sind die Nutznießer und erhalten Ihre Institute von der Wirtschaft finanziert, bzw erhalten Gagen für PR Termine (Riester, Rürup)
palisades (28.07.2008, 17:16 Uhr)
er bitte ist Herr Gerd Antes?
mein Güte...hat schon mal jemand die Aussagen von Frau Dr. Antje Scheffer-Kühnemann (ja die mit dem zu großen Kopf auf dem zu dünnen hals) so zerlegt? That's Infotainment...Was herr Bankhofer da macht ist keine wissenschaftliche Studienveranstaltung...es ist Unterhaltung...und dann soll mir doch Hr. Antes die wissenschaftlich beleget Studie zeigen die nachweist das Paprikakonsum keine positiven Auswirkungen auf Raucher hat. Studien in Deutschland müssen nach dem Ausschlussprinzip erbracht werden d.h. Sie müssen beweisen das etwas nicht funktioniert, nict das etwas funktioniert...oh schönes SOmmerloch ich liebe Dich :))
NormanRae (28.07.2008, 16:51 Uhr)
Kampagne des Herrn Antes
Ich denke, Herr Antes verbreitet hier in seiner Funktion als Interessensagent konstruierte Unterstellungen. Und die Kollegen Bouhs und Simon springen gerne darauf an, gefallen sich in ihrer Rolle als knallharte Investigativ-Rechercheure und sind stolz darauf, einen Opi zu entlarven, der Gemüse-Essen und Tee-Trinken empfiehlt und der trotz seiner naiven Beraterverträge keinem was zu Leide getan hat.
12cent.pro.min. (28.07.2008, 16:45 Uhr)
unterste schublade...
...sind hier die kommentare derer, die antes neid vorwerfen. hilfloser kann kritik gar nicht wirken, solche argumente werden nur von leuten vorgebracht, die sich wirklich so rein gar nicht mit der substanz beschäftigen wollen.
antes ist leiter einer institution, die u.a. scharlatanerie aufdecken möchte...und sie glauben, er beneide bankhofer ?
und im übrigen: ja, natürlich gibt es in den rechtl.-öffentl. schleichwerbung zuhauf...aber das macht das tun bankhofers nicht besser. und ja, selbstverständlich hätten die redaktionen viel eher reagieren müssen...und weiter ? das alles macht das vorgehen bankhofers nicht angemessener.
feldsalat (28.07.2008, 16:04 Uhr)
Werbeunterbrechungen ...
... bei den Privaten - wollte ich schreiben. ;-)
feldsalat (28.07.2008, 16:03 Uhr)
Also mir ...
... ist der ein oder andere Begriff aus Bankhofers Mund, der vielleicht auf ein Produkt hinweisen könnte/würde/sollte, bedeutend lieber, als diese ständigen Werbeunterbrechungen oder die "Pornos für Arme" in der Werbung dort nach 24 Uhr.
Diese versteckten Sachen, besonders, wenn sie im Kontext interessanter Informationen stecken, gehen mir sowas von am Allerwertesten vorbei.
Mir käme nie in den Sinn, Klosterfrau-Melissengeist zu kaufen, nur weil er das Wort "Klostermelisse" benutzt.
Für mich sind da Neider mit einer regelrechten Kampagne am Werk.
Vielleicht hätte beispielsweise dieser Herr Antes auch gern so einen schön Sendeplatz gehabt ... (Der schaut schon so verbissen.)
Nee, meine Oma sagte immer: Man kann'k ouk üoverdrieven ...
Recht hatte sie!
Und den Rauswurf Bankhofers aus der ARD finde ich mehr als übertrieben!
Mir hat dieser Mann viele wertvolle Tipps gegeben.
conceicao (28.07.2008, 15:47 Uhr)
Futterneid
Natürlich musste es heißen in der Überschrift "präsent".
Bei dieser Kaste, wie ein User richtig bezeichnete, spielt untereinander auch "Futterneid" eine Rolle.
Der Kuchen muss unter seinsgleichen bleiben. Insofern ist H. Antes auch nicht besser - er hat auch nur seinen Profit im Blick.
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