Im Fall Hademar Bankhofer hatten Kritiker den WDR seit 2004 mehrfach gewarnt. Der Wissenschaftler Gerd Antes übte im Gespräch mit stern.de massive Kritik - am Schweigen des Kölner Senders und an den Methoden des vermeintlichen Gesundheits-Experten. Von Daniel Bouhs und Nicole Simon

Gerd Antes leitet das an der Freiburger Universität angesiedelte Deutsche Cochrane Zentrum© Deutsches Cochrane Zentrum
Am Donnerstag vergangener Woche zeigte sich der Westdeutsche Rundfunk äußerst konsequent: Nur einen Tag nachdem Schleichwerbe-Vorwürfe gegen Hademar "Mr. Gesundheit" Bankhofer bekannt wurden und dieser dem Sender auf Nachfrage einen Berater-Vertrag verschwieg trafen sich hochrangige Mitarbeiter um 15 Uhr ein letztes Mal mit ihrem vermeintlichen Experten. Das Ergebnis: Der Sender teilte wenige Minuten später mit, er werde mit Bankhofer fortan nicht mehr zusammenarbeiten. Und das nach elf Jahren, in denen Bankhofer regelmäßig als Gesundheits-Experte im "ARD-Morgenmagazin" auftrat, das der WDR in Köln produziert.
Bei der Schleichwerbe-Affäre steht ein Auftritt Bankhofers im "Morgenmagazin" aus dem Jahr 2005 im Mittelpunkt, bei dem Bankhofer mehrfach das Wort Klostermelisse in den Mund nimmt. Die wiederum ist eine eingetragene Marke von Klosterfrau Melissengeist, der Firma, mit der Bankhofer ein Jahr später einen Berater-Vertrag abschloss. Bankhofer gab sowohl im Gespräch mit stern.de als auch dem WDR zu seiner Verteidigung an, damals die Klostermelisse benannt zu haben, weil sie schließlich am Drehort, einem Garten in Bottrop, wachse. Apotheker Horst Stadtmann, der den Garten pflegt, sagte stern.de jedoch: "Bei uns gibt es keine Klostermelisse - und die hat es bei uns auch vor drei Jahren nicht gegeben."
Nun stellt sich aber heraus: Der WDR muss schon viel früher über die Kritik an ihrem Experten im Bilde gewesen sein - und hat offenbar nichts unternommen. Dabei geht es zwar nicht um Schleichwerbung, aber um die Qualität der Tipps, die Bankhofer stets gut gelaunt zu frühmorgendlicher Stunde präsentierte. Und das ist für die Zuschauer zweifellos mindestens genauso interessant, geht es doch um die Frage, ob der WDR wissentlich haltlose oder gar gefährliche Gesundheits-Tipps verbreiten ließ.
Im Gespräch mit stern.de äußerte Gerd Antes jetzt deutliche Kritik an den Empfehlungen von Bankhofer. Antes leitet das an der Freiburger Universität angesiedelte Deutsche Cochrane-Zentrum, eine hiesige Vertretung des internationalen Netzwerks für die wissenschaftliche Bewertung medizinischer Maßnahmen. Antes spricht von "völlig unhaltbaren Aussagen" Bankhofers. Und weiter: "Damit werden Leute hinters Licht geführt, die den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen nicht beurteilen können."
Bankhofer habe etwa zwei Wochen nach Neujahr im "Morgenmagazin" über die gescheiterten guten Vorsätze geplaudert. Rauchern, die es trotz ihrer Vorsätze nicht geschafft haben, ihr Laster aufzugeben, soll Bankhofer empfohlen haben, zu ihrem Schutz vor Krebs einfach viel Vitamin-C-reiches Obst und Gemüse wie Paprika zu essen. Antes warnt: "Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern vermittelt auch das Bild, dass man mit Paprika die negativen Folgen des Rauchens aufwiegen könnte." Bankhofer lud Antes ins Morgenmagazin einVor allem aber sagt Antes, seine Kritik sei nicht neu. Erstmals habe er 2004 per E-Mail an die Redaktion des "Morgenmagazins" geschrieben. Antes will sich in diesen Zeilen auf eine Bankhofer-Empfehlung bezogen haben, wonach sich an Rückenschmerzen leidende Menschen einfach mit Olivenöl einreiben sollten. "Ich habe darauf keine Antwort bekommen, obwohl ich die E-Mail in meiner vollen Funktion geschrieben habe", sagt Antes. Sein Cochrane-Zentrum genießt in der Wissenschaft eine hohe Anerkennung.
Kurios wird die Geschichte, wenn Antes erzählt, er habe 2006 schließlich sogar einen Brief mit seinen Bedenken an die "Morgenmagazin"-Redaktion und vor allem auch noch eine Kopie an den damaligen Intendanten Fritz Pleitgen geschickt. Einen Tag später soll Bankhofer höchst persönlich bei ihm angerufen haben. Er habe Antes gar in die Sendung eingeladen, um seine Sicht der Dinge zu schildern. Das schrieb Bankhofer Antes anschließend auch in einer E-Mail, die stern.de vorliegt. Doch zu diesem Auftritt ist es nie gekommen.
Antes berichtet von einem Gespräch mit Uwe Kirchner, dem Service-Chef des "Morgenmagazins": "Ich rief den Redakteur an. Es hieß aber, es geht im Moment nicht, weil sie unmittelbar vor der Fußball-Weltmeisterschaft ständen." Die Sache versandete dennoch.
Doch der Vorgang beweist: Der WDR wusste Bescheid. Das bestätigt auch eine Sprecherin des Senders. Sie sagt: "Ja, die Briefe gab es damals. Herr Antes hat ja auch eine Antwort bekommen." Antes Argumente seien für den WDR aber kein Grund gewesen, von Bankhofer Abstand zu nehmen. "Was Bankhofer bei uns empfohlen hat, tun doch andere Gesundheitsexperten auch", so die Sprecherin. Und weiter: "Wenn es bei uns tatsächlich um Medizinisches ging, war immer ein Mediziner da - und nicht Bankhofer."
Antes sagt, er habe zwischenzeitlich einen neuen Brief geschrieben und zwar am Freitag bevor Bankhofer vom WDR gefeuert wurde, also am 18. Juli 2008. Wieder soll der Brief an das "Morgenmagazins" gegangen sein und wieder an den Intendanten, diesmal an die neue, an Monika Piel. Und die Vorwürfe sollen diesmal erheblich massiver gewesen sein als noch in den Schreiben von 2004 und 2006.