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6. Dezember 2011, 08:00 Uhr

Inka Bauses Nullmedium

"Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger", hatte Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki schon vor Jahren festgestellt. Ist angesichts der guten Quoten von "Bauer sucht Frau" also am Ende der siebten Staffel der Doku-Soap eine Republik von Dummköpfen zu befürchten? Von Christoph Forsthoff

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Bratkartoffeln zum Mittag, ein verschwörerischer Blick über die Gabel hinweg und im Hintergrund trocknen die Socken: Gerolds und Petras Landidyll© RTL

Die vollkommene Leere" hat Hans Magnus Enzensberger dem Fernsehen bereits 1988 attestiert - ob der Publizist damals schon Inka Bauses "Bauer sucht Frau" vorhergesehen hat? Energisch steuere der Zuschauer, schrieb der Dichter und Denker seinerzeit in einem Essay, einen Zustand an, den man als "Programmlosigkeit" bezeichnen könne - und dabei war zu dem Zeitpunkt das Privatfernsehen noch in seinen Anfängen. "Man schaltet ein, um abzuschalten", diagnostizierte Enzensberger: Dieses "Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie". Ja, sein Nutzer habe nicht zuletzt mit Blick auf die sozialen Kosten und andere Nebenwirkungen eine geradezu "weise Wahl getroffen" - "ganz zu schweigen von anderen Lösungsmöglichkeiten wie die Flucht in den Autowahn, die Gewaltkriminalität, die Psychose, den Amoklauf und den Selbstmord".

Von daher müssen wir RTL und Bause am Ende wohl geradezu dankbar sein - auch wenn die jüngste Folge einmal mehr der Abteilung "Wie eine Nation verblödet" entsprungen zu sein schien. Wie anders lässt sich diese Neigung zur konsequenten Unterforderung jeglicher menschlicher Sinne erklären? "Im Emsland naht der Abschied" - "Der gutmütige Kuhbauer Horst" - "In Friesland auf Gerolds Hof gibt es immer etwas zu tun": Die platt-plakativen Worthülsen erschrecken noch immer, zumal die Schundliteratur-Dichter in der Redaktion inzwischen nicht einmal mehr den Versuch verbaler Abwechslung unternehmen. Das Fernsehen sei in der Lage, so formulierte Enzensberger es schon vor mehr als zwei Jahrzehnten, "die Last der Sprache wirklich abzuwerfen und alles, was einst Programm, Bedeutung, ‚Inhalt‘ hieß, zu liquidieren".

Abschied mit Nonsens-Sätzen

So sind denn auch die versendeten Szenen und Dialoge dieser ländlichen Kuppelshow alles andere als einem Hofalltag entsprungen: Ob Uwe und Iris nun vom "Happy End" träumen, Melanie vor laufender Kamera lauthals schluchzt, weil sie ihrem Dirk verschwieg, dass sie eine zehn Monate alte Tochter hat oder Gerhard in der Schubkarre Monique übers Feld kutschiert - hier gibt das Drehbuch die vermeintliche Realität vor. Und manchem Laien-Mimen fallen die kruden und gestelzten Sätze hörbar schwer: "Aber es ist ja nicht das Ende, sondern der Anfang von einem ganz tollen Leben", holpert Uwe am Bahnhof seiner Iris am Ende der Hofwoche als kleiner Alltagsphilosoph hinterher - kein Wunder, denn wie formulierte schon Enzensberger die große Herausforderung so treffend: "Es ist bekanntlich recht schwierig und erfordert Übung und Konzentration, über längere Strecken hinweg absolute Nonsens-Sätze zu produzieren, denen keine wie auch immer geartete Deutung unterlegt werden kann."

Nun, nach einer (Be-)Deutung jenseits von Quoten und verkauften Werbeminuten zu suchen, verbietet sich bei diesem TV-Format tatsächlich von selbst. Nein, viel lieber lassen wir an dieser Stelle noch einmal den weisen Essayisten zu Wort kommen, der schon 1983 konstatierte, der Idealfall bleibe allerdings auch fürs Fernsehen unerreichbar, denn der vollkommenen Leere könne man sich nur asymptotisch annähern: "Die Meditation führt nicht ins Nirwana, die Versenkung gelingt allenfalls punktuell, aber nicht endgültig, der kleine Tod ist nicht der große." Weshalb der Bildschirm auch nie sein großes Vorbild einholen werde - Kasimir Malewitschs "Schwarze Quadrat aus dem Jahre 1915, das, strenggenommen, alle Sendungen des Nullmediums überflüssig macht".

Von Christoph Forsthoff
 
 
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