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23. Oktober 2011, 21:45 Uhr

Eine tödliche Überdosis

Ein Anwalt wird auf einem Schrottplatz erschossen. Es geht um Tod, Rache und die zweite Chance im Leben. Irgendwie. "Mauerpark" ist eine völlig überladene Geschichte mit völlig überladenen Bildern. Weniger wäre so viel mehr gewesen. Nicht nur für Ritter und Stark. Von Sophie Albers

Tatort, Berlin, Mauerpark, Dominic Raacke, Boris Aljinovic, Heiko Schier, zehn Jahre

Die Kommissare Ritter und Stark finden die Leiche, aber kaum einen roten Faden© RBB

Dieser "Tatort" beginnnt in der REM-Phase. Als Traumbild. Aber irgendwie auch wieder nicht. Er ist eine Reise in das Berlin der 80er Jahre. Es geht um den ursprünglichen Verlauf der Mauer, es geht um den großartigen Song "Our lips are sealed“ von den Fun Boy Three, und es geht um David Bowie, der in der berüchtigten Disko Dschungel tanzt. Aber irgendwie auch wieder nicht. In dieser Geschichte um Rache, Kindsmord, Entführung, Mord, Erpressung, Sicherheitsverwahrung, Gier, Gentrification, Datenfälschung und die zweite Chance im Leben scheint nämlich alles nur eine Version von etwas anderem zu sein. Dabei reißt der neue Fall der Kommissare Ritter und Stark so viele Baustellen auf, dass die diversen roten Fäden kaum mehr zusammenlaufen. So ist man am Ende ziemlich erschöpft. Und genervt. Denn dieser Jubiläums-"Tatort" mit Namen "Mauerpark" will zu dem Geschichten-Überfluss auch noch ein Gedicht sein.

Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) werden auf einen Schrottplatz im Mauerpark gerufen. Ein bekannter Anwalt liegt erschossen im Altmetall. Beim Wühlen nach dem Täter finden die Beamten nicht nur heraus, dass der Mann gegen die Sicherheitsverwahrung von Kindsmördern vorgegangen ist und deshalb reichlich Feinde hatte, sondern auch, dass er in einen 25 Jahre zurückliegenden Fall einer Kindesentführung verwickelt war.

Bald sitzen sie in der Datsche einer zerstörten Frau, deren Kind einst ermordet wurde. Als nächstes am Tisch des Mörders, der von einer Stiftung namens "Zweite Chance" unterstützt wird. Deren Schirmherrin, Ina Kilian, wiederum hat einen Diener/ Fahrer, der vor 25 Jahren das Baby von Kilians Zwillingsschwester entführt haben soll und deshalb viele Jahre im Gefängnis saß. Den finden die Kommissare übrigens in einem Boxclub, wo auch ein türkischer Muskelberg einen beleidigend klischeehaften Auftritt gibt. Dann ist da auch noch ein "meschuggener, aber guter" Junge, der auf dem Schrottplatz lebt und arbeitet, der 25 Jahre alt ist und der wirr redet, bei dem die roten Fäden eigentlich alle zusammenlaufen könnten, wären sie nicht schon so zerfasert. Und natürlich gibt es auch eine großlippige, großäugige dunkle Schönheit, die in ihrer Klischeehaftigkeit dem Knockout-Türken fast Konkurrenz macht.

Wo kommt der Wald her?

Garniert ist das große Durcheinander mit einem penetrant anspruchsvollen Soundtrack, der vor allem auffällt, wenn er beispielsweise - ziemlich unmotivierte - Slow-Motion-Bilder mit Bäumen umrankt, die so eigentlich gar nicht im Mauerpark stehen. Oder wenn er tonnenschwer bedeutungsvolles Rumhantieren mit Waffen unterlegt. Oder das Flugzeug, das im richtigen Augenblick den tristen Himmel kreuzt. Aber vielleicht sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Manchmal lassen nämlich lustige Sprüche hoffen, dass sich dieser "Tatort" vielleicht doch nicht so schrecklich ernst nimmt, wie es aussieht. Wenn es auf dem Schrottplatz heißt: "Hier ist die Zeit stehen geblieben", oder wenn der Box-Coach sagt: "Ich versteh auch nicht, warum Männer Latte Macchiato trinken." Doch dann folgen dramatische Brecher wie "Wir sind alle schuldig, aber jeder in seiner Welt" oder "Das ist das Tückische an der Wahrheit, meist existieren zwei gute Versionen" - und das mit ausreichend langer Pause, damit auch jeder versteht, dass hier gerade verbale Kleinkunst entsteht. Und die Hoffnung ist dahin.

Weniger Kunst und mehr Erdung hätte dem Berlin-"Tatort" gut getan, hätte eine spannende Geschichte vor dem Erstickungstod bewahrt. Denn immerhin spürt man, dass sich hier irgendwo eine spannende Geschichte versteckt. Doch das hier ist eben Berlin. Und diese Stadt kann alles, nur nicht Manieriertheit.

Von Sophie Albers
 
 
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