HOME

Durch den Shitstorm nach Hawaii

Als die Stierkampfarena zum Circus Maximus wurde: Eine Zuschauerin schummelt sich bei der Lanz-Challenge von "Wetten, dass..?" zum Gewinn und wird zur Hassfigur des Abends. Ein unwürdiges Schauspiel.

Von Jens Wiesner

Das Limbo-Duell bei der Mallorca-Ausgabe von "Wetten, dass..?" sorgte für reichlich Empörung

Das Limbo-Duell bei der Mallorca-Ausgabe von "Wetten, dass..?" sorgte für reichlich Empörung

Die Menge grölt, buht eine junge Frau aus, die gerade noch mit frenetischem Applaus gefeiert wurde. Stefanie aus Bochum versucht trotzig, Fassung zu bewahren. Keine leichte Aufgabe, wenn sich 9000 Menschen plötzlich lautstark gegen einen richten. Befänden wir uns im alten Rom, wäre Markus Lanz Imperator, er hätte längst den Daumen senken müssen. Aber das 21. Jahrhundert braucht keinen Imperator mehr, der demokratische Pöbel entfesselt den Shitstorm von ganz alleine.

Die letzten Minuten der gestrigen Mallorca-Ausgabe von "Wetten, dass..?" waren ein Lehrstück in menschlicher Psychologie und Gruppendynamik. Im Mittelpunkt stand eine junge Frau, die sich ihre fünf Minuten Fernsehruhm sicher anders vorgestellt hatte.

Was war geschehen? Zuschauerin Stefanie hatte Moderator Lanz zum Limbo-Duell herausgefordert. Die Niveaulatte der Sendung lag ohnehin schon niedrig, warum also nicht? Zu gewinnen gab es auch etwas, eine Reise nach Hawaii, für zwei Personen - immerhin. Für Lanz ging es um die Ehre - mehr Motivation braucht es in der Regel nicht, um den Moderator zu Höchstleistungen zu treiben. Doch mit ihrer vorlauten Art sollte sich Stefanie schnell ihre Vorschusssympathien verspielen. "Ja, einfach nur drunterher!" schleuderte sie Lanz entgegen, als der nach den Limbo-Regeln fragte. Und flutsche selbst locker, flockig in der Hocke unter der Stange durch. "Hallo!", protestierte der Moderator, das Publikum pfiff und roch Schmu. "Ja, nochmal, das war scheiße!" gestand die Herausforderin ein - nur um beim zweiten Versuch auf Knien durchzurutschen. Wieder Pfiffe. Und Stefanie? Die machte auf Oberlehrerin und damit alles nur noch schlimmer: "In der Karibik wird es auf den Unterschenkeln getanzt" und "Steht bei Wikipedia!", klärte sie Lanz auf und fuchtelte dabei wild mit ihrem Zeigefinger vor der Nase des Moderators herum.

Nachspiel auf Youtube

Hatte Stefanie in der Schule nicht aufgepasst? Besserwisser bekommen irgendwann ihre Abreibung. Ganz egal, ob sie recht haben oder nicht. Und tatsächlich: Auf den Rängen der Stierkampfarena schalteten die Menschen auf Schulhofbully-Modus: Immer lauter schrien sie ihren Protest heraus, die Stimmung kippte. Erst in diesem Moment besann sich Lanz seiner Moderatorenpflicht und versuchte die Menge, die er zuvor selbst angestachelt hatte, zu beruhigen. Als Kompromiss trat schließlich Howard Carpendale für die Kandidatin an und erspielte ihr per Kugelstoß doch noch den ersehnten Urlaub. Stefanie bedankte sich artig, während das Publikum weiter lautstark gegen die Entscheidung aufbegehrte. Während Lanz etwas hilflos "Alles gut" stammelte, fiel ihm ausgerechnet Stefan Raab, eigentlich als Gast in der Sendung, in den Rücken: "Ich kann die Leute verstehen."

Vor einigen Jahrzehnten hätte das unwürdige Schauspiel nach dem Abspann ein Ende gefunden. Vergeben, vergessen. Doch in einer durchmedialisierten Welt wie der unsrigen kommt ein solcher Auftritt nicht ohne hässliches Nachspiel aus. Flugs landete die Szene auf Youtube, seitdem sammeln sich minütlich neue Hasskommentare darunter. Erinnerungen an den Fall "Hass-Martin" werden wach, jenen Apothekersanwärter, der sich mit seiner pampigen Art bei "Schlag den Raab" unbeliebt machte.

Mittlerweile durfte sich die Bochumerin in einem Kurzinterview des ZDF zu dem Vorfall äußern. Doch, leider, leider, hat der jungen Frau vorher niemand erklärt, wie man sich im Auge des Shitstorms zu verhalten hat. "Man braucht nur Wikipedia aufschlagen und Limbo eingeben, da sieht man direkt eine Abbildung. Wenn Herr Lanz das gemacht hätte, dann wüsste er wie es geht", versuchte sie, sichtlich aufgewühlt, sich zu verteidigen. Und erreichte damit nur das Gegenteil: Nun keift die Meute auch an einer zweiten Front. Stefanie will ihre Reise trotzdem antreten. Der Shitstorm dürfte sich bis dahin erledigt haben. Ein Sturm im Wasserglas vergeht bekanntlich schnell.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo