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22. November 2003, 10:37 Uhr

Die Neue in der Klasse

Seltsam ist sie. Schlau. Und angenehm anders: Charlotte Roche gilt seit Jahren als große Fernsehhoffnung. Jetzt trifft sie erstmals aufs Massenpublikum. Und am Anfang wird wie immer gefremdelt. Von Oliver Link und Thomas Rabsch (Foto)

"Bei Viva habe ich Erwartungen erfüllt, die niemand gestellt hat": Moderatorin Charlotte Roche© Thomas Rabsch

Einen kleinen Moment noch. Schauen wir es uns erst einmal in Ruhe an, das Fernsehwunder von Köln. Sie schaut sich suchend um in der riesigen Eingangshalle dieser seltsam seelenlosen Medienfabrik Viva. Als Hoffnungsträgerin hat man sie bezeichnet, als Retterin des Musikfernsehens, als Ausnahmemoderatorin - sie sollte schon so viel sein, da kommt es auf das bisschen Fernsehwunder auch nicht mehr an.

Die in London geborene und in Mönchengladbach aufgewachsene Charlotte Roche, 25, ist ein Phänomen. Kaum eine Fernsehgestalt wurde mit so viel Lob bedacht wie sie, mit hymnischen Artikeln, mit Grimme-Preis-Nominierung und Bayerischem Fernsehpreis, und das, obwohl man sie gar nicht oft zu sehen bekommt. Seit fünf Jahren moderiert sie, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, vor zehn- bis fünfzigtausend Zuschauern ihre tägliche Musiksendung "Fast Forward" auf Viva, interviewt charmant und immer gut vorbereitet Musiker, von unbekannten Bands bis zu Weltstars wie Robbie Williams und Madonna. Harald Schmidt lädt sie gern in seine Sendung ein, nennt sie die "Queen of German Pop Television". Seit kurzem ist sie nun mit ihrer wöchentlichen Interviewreihe "Charlotte Roche trifft..." auf ProSieben zu sehen. Das erste Mal regelmäßig vor der breiten Masse.

Wie sie da so steht und den heranstürzenden Teenies geduldig Autogramme gibt, ist sie eine kleine Enttäuschung. Sie sieht so - so normal aus. Immerhin wird sie gern mit Wörtern wie "krass", "schrill" oder "schräg" beschrieben, als krass geschminkt, krass gekleidet, und als modisches Statement ließ sie sich angeblich die Brüste verkleinern - eine hübsche Falschmeldung, die sie aus Spaß dem "Spiegel" untergejubelt hat.

Ihr kleiner, zierlicher Körper verschwindet unter einem Poncho - na gut, lange nicht gesehen, aber wohl eher unkrass, unschrill, unschräg. Auch von krasser Schminke keine Spur. Man geht zu ihr, Guten Tag, und wenn man sie dann eine Weile aus der Nähe erlebt, wird schnell klar, dass sie eine Besondere ist.

Es ist wohl die Art, wie sie redet, wie sie denkt, sich in komplizierte Gedanken verrennt - etwa den, ob sie jetzt, wo sie für ein breites Publikum zu sehen ist, sich unbewusst "unmainstreamiger" verhalte, um dem Vorwurf seitens ihrer massengeschmackverachtenden Fan-Gemeinde zu entgehen, "mainstreamig" zu sein. Oder sie fragt sich, ob es überhaupt Authentizität im Fernsehen geben kann; sie glaubt: nein, weil alles vor der Kamera bewusst sei, inszeniert - dann verlässt sie ihr Gedankengebäude kurz zum Luftholen, verliert den Faden, um dann mit dem schönen Satz zu enden: "Furzen im Schlaf, das ist authentisch."

Sie ist die, die am wenigsten versteht, was die Leute in ihr sehen, sie liest die Artikel über sich und sieht ein absurdes Kunstwesen, das immer größer und bedrohlicher wird, sie unter einen Druck setzt, den sie bislang nicht kannte. "Damals bei Viva habe ich Erwartungen erfüllt, die niemand an mich gestellt hat", sagt sie. "In Wahrheit haben die Kritiker, die mich toll fanden, kaum eine Sendung gesehen und nur voneinander abgeschrieben. Das ist jetzt anders." Bei ihrer ersten ProSieben-Sendung haben alle genau hingeschaut. Und sie scheitern sehen.

Da saß sie mit Anke Engelke, mehr als eine Million Menschen sah zu. Die Fragen wirkten oft seltsam leicht und unbedarft, doch Engelke mochte sie, das hat das Ganze gerettet. Bei der zweiten Sendung mit dem Regisseur Quentin Tarantino brach die Quote fast um die Hälfte ein. Dabei hatte die Moderatorin den verschrobenen Filmemacher "gut aufgekriegt", ihn damit überrascht, dass sie mit dem Zeigefinger zwischen den Lippen eine Gitarrenmelodie aus "Pulp Fiction" nachmachte - ein typischer Charlotte-Moment, eine kleine kostbare Unberechenbarkeit, die alles ruinieren oder zu etwas Besonderem machen kann. Bei ihr funktioniert das.

"Solche Sachen plane ich nicht", sagt sie, "die fliegen mich an, wenn ich spüre, dass mir das Gespräch wegrutscht, ich seh mir von außen selber dabei zu." Einen ähnlichen Moment hatte sie, als sie Robbie Williams interviewte und er auf ihre Frage, was er gerade für Musik höre, antwortete: seine eigene. Das sei ja so, als ob man sein eigenes Sperma trinke, entgegnete sie dem erst irritierten, dann amüsierten Popstar. "Ich war total überrascht, dass ProSieben das dringelassen hat", sagt sie. Ohne es zu wissen, hatte sie mit diesem Interview den Test bestanden, der Sender gab ihr eine eigene Show.

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