Der tägliche Sexismus als Unterhaltungsshow

14. Februar 2013, 18:06 Uhr

In seiner Show "Who wants to fuck my girlfriend" müssen Frauen vor der Kamera Männer aufreißen. Im stern.de-Interview spricht Christian Ulmen über Sexismus - und wann ihn Fernsehen schmerzt.

Christian Ulmen, "Who wants to fuck my girlfriend", Sexismus, Tele5, Skandal-Show

Christian Ulmen in der Rolle des leicht debilen Moderators Uwe Wöllner©

Christian Ulmen probiert Formate aus, in denen er die Grenzen des Erträglichen austestet: In "Mein neuer Freund" etwa schlüpfte er in die Haut verschiedener, hochpeinlicher Männer und verbrachte das Wochenende mit einer Kandidatin, der ihn als ihren neuen Freund ausgeben musste. Weil sich Ulmen so herrlich danebenbenahm, schämte sich der Zuschauer vor dem Fernseher mit.

In seiner neuen Sendung "Who wants to fuck my girlfriend" schickt er Frauen auf Männerjagd: Zwei vergebene Männer wetten in der Show: "Meine Freundin ist die Geilste - Alle Männer dieser Welt möchten mit ihr schlafen." Die Frauen müssen daraufhin ins Café, Bordell oder auf den Straßenstrich und möglichst viele Männer aufreißen. Moderiert wird diese "Spielshow" von Uwe Wöllner. Ulmen hat diesen grenzdebilen Typen bereits mehrfach verkörpert. Zum Auftakt der neuen Reihe gibt es eine Variante: "Who wants to fuck my lesbian girlfriend?".

Herr Ulmen, bislang haben Sie sich meist selbst vor der Kamera zum Affen gemacht. In Ihrer neuen Sendung sind es vor allem andere. Sind Sie überrascht, dass es so viele Menschen gibt, die ähnlich schmerzfrei sind wie Sie?
Schmerzfrei bin ich leider gar nicht. Ich schäme mich ja schon, wenn ich dem Kellner aus Versehen zu wenig Trinkgeld gegeben habe. Meine Figuren übertreten sämtliche Peinlichkeitsbarrieren, das stimmt. Als ihr Steuermann muss ich wissen, wo die Schamgrenzen liegen, und das geht ja nur mit einem intakten Schamgefühl. Ihren Eindruck, dass Frauen in unserer Show zu Affen werden, kann ich nicht teilen. Die einzige Autorität bei "Who Wants To Fuck My Girlfriend" sind die Kandidatinnen. Sie lassen sich auf das Spiel ein, das im Kopf von Uwe Wöllner entstanden ist, einem Mann, der statt mit Zärtlichkeit mit der Glotze aufgewachsen ist. Die Frauen erkennen seine Rolle. Sie verstehen die Idee der Show. Sie agieren mit Augenzwinkern. Sie schlagen sich mit Bravour. Am Ende steht - neben Uwe - eigentlich nur ein Affe fest: der sexuell ausgehungerte Mann, der sein erigiertes Glied nach ein paar Sekunden Internet-Chat in die Kamera hält. Aber selbst den mache nicht ich zum Affen. Der entschließt sich selbst dazu.

Gibt es für Sie Rollen, in die Sie nie schlüpfen würden?
Eigentlich nur Figuren, für die ich kein Interesse entwickeln kann, die mir einfach egal sind.

Wenn Sie sich eine Sendung wie "Who wants to fuck my girlfriend?" ausdenken: Geht es Ihnen dann auch um Gesellschaftskritik - oder sind Sie ausschließlich an guter Unterhaltung interessiert?
Das ist für mich kein Widerspruch. Es wird immer und automatisch etwas offengelegt, wenn wir mit Kunstfiguren eine Haltung überspitzen und die reale Umwelt darauf reagiert. Ich liebe diesen Wirklichkeitsbezug. Deshalb schlafe ich bei Sketchshows sofort ein, seien sie noch so gut gemacht. Uwe Wöllner gibt es so oder ähnlich in tausend Kleinstädten in Deutschland. Die Fragen, die ihn beschäftigen, fragen sich viele Jungs mit Lara-Croft-Poster und PC im Zimmer. Dass Uwe schon Ende 30 ist, verstärkt den Effekt. Ich habe einfach Spaß daran zu testen: Wie reagieren die Leute, wenn so ein seltsamer alter Junge plötzlich eine Bühne bekommt?

Auf "Spiegel-Online" ist Ihr neues Konzept als "zutiefst anti-sexistisch" gelobt worden. Verklagen Sie die nun wegen Rufschädigung?
Auf keinen Fall. Man kann das Urteil schon teilen, finde ich. Ich freue mich jedenfalls ernsthaft, dass so intensiv über das Format debattiert wird. Dass meine Zuschauer nicht im Wachkoma liegen. Sie regen sich gnadenlos über die Sendung auf. Und sie loben sie. Sie hat von Anfang an Aufregung ausgelöst, in beide Richtungen. Mich schmerzt es, wenn Fernsehen egal ist, wenn es sich wegsendet.

In der ersten Folge karikieren Sie anhand der Kunstfigur Uwe Wöllner die Unsicherheit vieler Menschen im Umgang mit Lesben. Täuscht der Eindruck - oder sympathisieren Sie mit Menschen, die sich mit den vorherrschenden politisch-korrekten Codes ein wenig schwertun?
Dieser Eindruck stimmt absolut. Je präziser die Codes eingeübt sind, desto weniger Reibung entsteht. Deshalb sind Familienfeiern interessant: Es gibt immer irgendeinen wirren Querkopf, der sich den Nettigkeiten versperrt und die Wahrheit sagt. Uwe sagt wahrscheinlich 'ne Menge wahres Zeug, in vollkommen unpassenden Worten. Er crasht die Party.

Das Publikum im Studio lacht immer wieder an Stellen, wo sich Uwe Wöllner unkorrekt äußert, etwa wenn er der einen Lesbe attestiert: "Man sieht es dir gar nicht an", während er zu der gepiercten Frau sagt: "Bei dir hätte ich es beim dritten Mal raten auch getippt". Haben Sie die Befürchtung, dass Ihr Publikum vielleicht aus den falschen Gründen lachen könnte? Also: Endlich traut sich jemand, es auszusprechen?
Sie spielen auf die Gefahr an, es könnte sich jemand mit Uwe Wöllner identifizieren und laut triumphieren: Genau wie dieser seltsam sprechende Typ mit der schiefen Unterlippe und dem Vokabular eines sonderlichen Grundschülers denke ich auch, der ist mein Held, toll, wie der meine Gedanken teilt und ausspricht? Mmmmh. Mag sein. Ganz auszuschließen ist das natürlich nicht. Es gibt aber keinen Schutz vor weiteren Uwes im Publikum. Der Grund, warum das Mainstream-Fernsehen immer öder wird, ist für mich die ständige Angst davor, der Zuschauer könnte irgendwas nicht verstehen oder falsch verstehen. Aus dieser Geringschätzung des Zuschauerverstandes resultieren unzählige Sendungen mit Jörg Pilawa. Da nehme ich lieber in Kauf, dass sich irgendwo irgendeiner darin bestätigt sieht, Lesben seien an Piercings zu erkennen.

Sie haben die gesamte Staffel bereits abgedreht: Wie sexistisch ist Deutschland?
Ich kann nicht für Deutschland sprechen und auch nicht für den modernen Mann. Ich habe nur die Typen gesehen, die zufällig dort vorbeikamen, wo unser Spiel stattfand. Gegen die ist Brüderle ein radikaler Feminist.

"Who wants to fuck my girlfriend?" läuft ab dem 14. Februar donnerstags um 23.10 Uhr auf Tele 5

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